Plagiatsvorwurf Eine wirkliche Schauergeschichte

Ist der Bestseller »Tannöd« ein Plagiat? Aus einem märchenhaften Erfolg wird ein Krimi

So wurde aus einem Krimi ein Märchen: Andrea Schenkel, Hausfrau und Mutter, als Schriftstellerin bis dahin gänzlich unbekannt, veröffentlicht einen Kriminalroman bei einem kleinen Hamburger Verlag. Es dauert eine Weile, doch dann wird das Buch zu einem riesigen Erfolg – von den Kritikern gefeiert, vom Publikum als Sensation aufgenommen. Inzwischen belegt Schenkels Debüt Tannöd seit Wochen die Spitzenplätze der Bestsellerlisten, sie hat Preise dafür gewonnen und die Filmrechte verkauft. Doch gerade jetzt, wo alles nach dem größtmöglichen Happy End ausschaut, verdirbt ein schlimmer Verdacht die gute Laune: Gegen Andrea Schenkel wird der Vorwurf des Plagiats erhoben. Sie soll von Peter Leuschner abgeschrieben haben, der zwei Sachbücher über den Mordfall Hinterkaifeck verfasst hat, das historische Vorbild für Tannöd. Im Gegenzug unterstellt Schenkel dem Münchner Journalisten, ein »Trittbrettfahrer« zu sein, der von ihrem Triumph profitieren wolle. Aus dem Märchen wird wieder ein Krimi, mit Ermittlungen, Beschuldigungen und mit viel bösem Blut.

Bloß unfair, moralisch fragwürdig oder urheberrechtlich relevant?

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Bauer, Bäuerin, Tochter, deren zwei kleine Kinder und die Magd: Sechs Menschen wurden in der Nacht zum 1. April 1922 auf dem bayerischen Einöd-Hof Hinterkaifeck mit der Spitzhacke erschlagen – und der oder die Täter nie gefunden. Metaphorisch könnte man sagen: 85 Jahre später ist die Gewalt zurückgekehrt. Denn der Begriff des Plagiats kommt aus dem Lateinischen, und plagiarius bezeichnet den Menschen-, ja Kinderräuber. Aber auch die ungelösten Fragen und rätselhaften Widersprüche im aktuellen Streit um Tannöd rufen Hinterkaifeck in Erinnerung.

Warum zum Beispiel hat Andrea Schenkel vor etwa einem Jahr mit ihren Kindern Peter Leuschner besucht, der zuvor weder von ihr noch von ihrem Buch gehört hatte – um zu plaudern und ihm ein signiertes Exemplar von Tannöd zu überlassen? Warum hat sie in Interviews immer wieder von diesem Treffen geschwärmt? Auf der anderen Seite beteuert Leuschner, er habe »erst kürzlich« von dem angeblichen Plagiat erfahren: Wird man ihm abnehmen, wenn er erklärt, er habe den Krimi nach Schenkels Besuch »auf seinen Nachttisch gelegt« und lange Zeit »keinen Blick hineingeworfen«?

Einerseits versichert Andrea Schenkel in diesen Tagen, sie habe »all die Quellen in Augsburg studiert, bevor ich zu schreiben begann«. Andererseits hat sie noch Ende März 2007 in einem Interview darauf bestanden: »Ich habe keine Akten eingesehen.« Und dann erscheint plötzlich und erst in der zehnten Auflage vom März 2007 in Tannöd der Hinweis: »Mit besonderem Dank an Peter Leuschner«. Wenn das kein Zeichen für ein schlechtes Gewissen ist?

In einer Kulturgeschichte des Plagiats ließe sich wohl leicht belegen, dass mit der Idee, auch geistiges Eigentum könne gestohlen werden, sofort die entsprechende Intrige geboren wurde: eine Beschuldigung aus Neid, Gier und Missgunst, weil ein anderer etwas geschafft hat, was einem selbst so nicht gelingen wollte. Nahezu alle Dichter der Weltliteratur sind schon des Plagiats verdächtigt worden, und die meisten sind ausgesprochen gelassen damit umgegangen. »Ich hatte weiter nichts zu tun als zuzugreifen und das zu ernten, was andere für mich gesät hatten«, schrieb Goethe einmal an Eckermann.

Leser-Kommentare
  1. Als ich das Buch vor wenigen Tagen las, erinnerte es mich sofort an einen TV-Film: "Gegen Ende der Nacht" von Oliver Storz. Einzelne Motive des Filmes tauchen in dem Buch auf: polnische Fremdarbeiter, Flüchtlinge nach Kriegsende, die auf der Suche nach einer Bleibe sind, vor allem aber der Mord an einer ganzen Familie. Dies alles klingt vielleicht nicht wirklich überzeugend, es ist auch nicht so, dass Frau Schenkel quasi aus dem Film Episoden übernommen hat. Es würde mich aber sehr wundern, wenn sie sich nicht davon hat inspirieren lassen. Und merkwürdigerweise und wohl kaum rein zufällig ist der Name der Familie der gleiche: Danner.Ein kleiner Dank an Oliver Storz wäre nicht abwegig gewesen.Mit freundlichen GrüßenGisela Faelligen-Bloch

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