TierversucheEin norddeutsches Affen-Theater

Bremer Wahlkämpfer profilieren sich als Tierschützer. Und missachten dabei die Freiheit der Forschung. von 

Wie ein Staatsfeind sieht der schlaksige Wissenschaftler mit der leicht geduckten Haltung nicht gerade aus. Birkenstock-Sandalen, schwarze Jeans, Sweatshirt und auf dem jungenhaften Gesicht ein breites Lächeln. Nur das leichte Zucken um die Mundwinkel lässt etwas von dem Druck erahnen, unter dem Andreas Kreiter steht. Bis Ende nächsten Jahres soll der Kognitionswissenschaftler seine Forschungen an der Bremer Universität einstellen.

Die »Zielsetzung eines geordneten Ausstiegs« hat das Parlament des kleinsten Bundeslandes Ende März in einem von SPD, CDU, Grünen und DVU einstimmig gefassten Beschluss »bekräftigt«. Dabei wird dem Hirnforscher keinerlei Regelverstoß vorgeworfen. Und die Freiheit der Wissenschaft gehört auch in Bremen zu den Grundrechten.

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Die parlamentarische Breitseite gegen die Forschungsfreiheit eines einzelnen Wissenschaftlers ist ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang. Die Bremer Universitätsleitung ist empört. Dass es noch nicht zu bundesweiten Protesten gekommen ist, kann nur daran liegen: Kreiter experimentiert am offenen Gehirn von Affen.

Wie funktioniert die Informationsverarbeitung zwischen den einzelnen Gehirnzellen, damit aus Wahrnehmung Erkennen wird? Das ist die Frage, auf die Kreiter in den Hirnen seiner 23 Labortiere nach Antworten sucht. Den Rhesusaffen wird dafür eine Zugangsröhre in die Schädeldecke operiert. So können die Gehirnströme während der Versuche mit einer eingeführten Sonde an ausgewählten Zellen direkt gemessen werden. Am Hinterkopf der Tiere wird zusätzlich eine Halterung befestigt, um den Kopf im Versuchsstuhl zu fixieren. Schon bei einer Bewegung um 20 millionstel Meter würde die von einem Apparat eingeführte Sonde die gewünschte Hirnzelle verfehlen.

Um den Prozess des Erkennens zu analysieren, werden die Affen über Monate trainiert, auf bestimmte Figuren, die vor ihnen auf einem Bildschirm aufleuchten, mit der Bewegung eines Joysticks zu reagieren. Als Belohnung für eine richtig erkannte Figur bekommen sie einige Tropfen Apfelsaft. Zur Mitarbeit motiviert sie das vor allem deshalb, weil sie in der Nacht und am Morgen vor den bis zu fünfstündigen Experimenten nichts zu trinken bekommen.

Die Politiker ignorieren einfach die gesetzlichen Vorgaben

Diese Tierversuche waren in Bremen von Anfang an umstritten. Über hundert Hochschullehrer hatten sie »aus ethischen Gründen als unverantwortlich« abgelehnt, der Bremer Tierschutzverein sammelte für drei Bürgeranträge rund 100000 Protestunterschriften gegen die »Affenschande«. Gleichzeitig wurden Kreiters Versuche im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs der DFG gefördert. Drei Millionen Euro Drittmittel konnte der Hirnforscher unter anderem bei der DFG und der VolkswagenStiftung einwerben. Eine lange Publikationsliste belegt das internationale Interesse an seinen Ergebnissen. Auch innerhalb der Universität bekam er Unterstützung. »Andreas Kreiter steht in der Öffentlichkeit am Rand, aber in der Mitte unseres Zentrums für Kognitionswissenschaften«, sagt dessen Leiter, der theoretische Physiker Klaus Pawelzik.

Leserkommentare
    • Manina
    • 20. April 2007 16:29 Uhr

    Ich werde fast täglich mit solchen Berichten konfrontiert. Es ist eine Schande, dass diese Gesellschaft es nicht nur zulässt, sondern fordert, dass GRundlagenforschung behindert wird! Wenn der Tierschutz ständig für solche Dinge fälschlicherweise herhalten muss, macht die Idee, die dahinter steckt keinen Sinn!
    Ich ärgere mich furchtbar, dass ein renomierter Forscher und seine Arbeit instrumentalisiert werden, weil ein paar Politikern nichts vernünftiges einfällt, um die Bürger bei ihrer Wahl auf ihre Seite zu ziehen. Es geschieht diesem Land Recht, dass die motivierten, guten Wissenschaftler das Weite suchen! Soll doch die Gesellschaft später die Mittel aufbringen und das Wissen teuer erkaufen! Jedem so wie's ihm gehört!

  1. Von 'Affenschande' kann hier nur in Bezug auf das kopflose Verhalten der Politik die Rede sein. Es beweist ein weiteres Mal eindrucksvoll, wie qualifiziert die meisten Repräsentanten des Volkes große gesellschaftliche Probleme lösen: Vorurteilsbeladen und kurzsichtig. Ohne Diskussion von Fakten. Das von diesen Rahmenbedingungen die besten Wissenschaftler ins Ausland getrieben werden, ist die zwingende Konsequenz.

    Die Auswirkungen für eine Volkswirtschaft, die mehr und mehr auf Wissen und Innovation setzen muss, mag man sich gar nicht vorstellen...

    • WillyF
    • 20. April 2007 17:35 Uhr

    Dieser Artikel ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Es ist schwierig, ohne vertiefte Kenntnisse der Juristerei einen solchen Artikel zu verfassen - das konzediere ich. Aber diese Hürde zu unterlaufen, indem man ohne das nötige juristische Fachwissen und ohne die dafür nötigen Differenzierungen über eine angebliche 'Missachtung der Freiheit der Forschung' palavert (um im Jargon des Autors zu bleiben) - das spricht nicht gerade für die internen Fortbildungsangebote der ZEIT und noch weniger für die Einsicht ihres Autors in die verfassungsrechtliche Gemengelage, die es aufzulösen gilt.

    Das Grundrecht der Freiheit der Forschung und das Staatsziel des Tierschutzes müssen statt dessen in die verfassungsrechtlich erforderliche praktische Konkordanz (im Hesse´schen Sinne) gebracht werden, weil die betroffenen Güter nun einmal beide in der Verfassung stehen.

    Die in diesem Zusammenhang zwingend erforderliche Abwägung KANN ergeben, dass im jeweiligen Einzelfall dem Tierschutz der Vorrang vor dem Grundrecht der Forschungsfreiheit einzuräumen ist.

    Aber um das definitiv beurteilen zu können, muss man mehr über die Versuche und deren Notwendigkeit erfahren als dieser oberflächliche Artikel der ZEIT bietet.

    Um eine abschließende Entscheidung treffen zu können, ist eine spezielle Analyse der hier vorliegenden Besonderheiten erforderlich - mit allen Sach-Faktoren, die für oder wider das jeweilige Interesse streiten.

    Einem Journalist, der weder dieses verfassungsrechtliche Spannungsverhältnis noch den Sachverhalt ordentlich aufgearbeitet hat, spreche ich die Kompetenz ab, die derzeitige Bremer Diskussion apodiktisch als 'Affen-Theater' zu bezeichnen. Dafür liefert der Beitrag einfach zu wenig Fakten, die man juristisch (und eben nicht nur oberflächlich-journalistisch) beurteilen muss, um zu einem angemessenen Ergebnis zu gelangen - alles andere hieße Eulen nach Athen tragen.

  2. den Aristophanes sollten Sie noch einmal nachlesen. Mir scheint, dass der Autor keine Eule, sondern allenfalls ein (aufgrund eines Tierversuchs?) blind gewordenes Huhn nach Athen getragen hat ;-)

    • WillyF
    • 20. April 2007 18:01 Uhr

    Lol, Sie haben Recht. Ich schäme mich, aber nur für die mangelnde Kenntnis des Aristophanes, den Sie im vorliegenden Zusammenhang zum Glück ins richtige Licht gerückt haben.

    • verb
    • 20. April 2007 20:37 Uhr

    Im vorliegenden Fall geht es um die Freiheit der Forschung,Tieren die Freiheit zu nehmen, und ihre Köpfe in Apparaturen zu fixieren, wobei der Artikel ja noch unschönere Quälereien andeutet. Zweck soll eine nicht näher erläuterte Grundlagenforschung sein, die ja nun schon viele Jahre in Bremen praktiziert wird . In welchem Wertesystem leben denn die Menschen, die sich unter diesen Umständen einzig um die Volkswirtschaft sorgen?...und wo endet dann die Freiheit der Forschung, die ich nebenbei gesagt immer als Unabhängigkeit von politischen und unternehmerischen Interessen gedeutet habe und nicht als Freifahrtsschein für Experimente, die anderen Wesen Leid zufügen.

  3. ... wohnt der Geist von Mengele. Wenn ich Bilder aus solchen Kliniken sehe muß ich sofort an Auschwitz denken. Wenn ein Bundeswehrfeldwebel eine 'rassistische' Bemerkung fallen läßt wird gleich eine transatlantische Krise daraus gemacht. Und hier werden unsere nächsten Verwandten einfach bestialischen Experimenten unterzogen und die Masse der Leute findet das noch gut.

    Die Affen von heute sind vielleicht die Menschen von morgen, wenn wir ausgestorben sind. Wie werden sie über uns urteilen wenn sie erfahren wie wir sie behandelt haben?

  4. Affen fühlen Angst, Freude, Trauer, Schmerzen, Wut und herzliche Anteilnahme. Es ist bewiesen, dass sie auch sehr uneigennütziges Verhalten, ja Mitleid zeigen und daraus Konsequenzen ziehen - auch, wenn es ihnen keine Vorteile in der Rangordnung oder bei der Partnerschaft bringt. Wir können von Affen also durchaus etwas lernen! Was gibt uns das Recht sie zu quälen?

    Es gibt mittlerweile genügend Alternativmethoden, die noch lange nicht ausgeschöpft sind, und in die leider viel zu wenig Gelder fließen!

    Denn eine Grenze hat die Forschung ja ohnehin - die der Geldmittel. Mit Alterativmethoden ist insgesamt viel mehr Forschung möglich, weil diese viel billiger sind. Aber wer trennt sich schon von lieb gewordenen Gewohnheiten, von seinem Spezialgebiet?. Ein Umdenken der Forscher ist dringend erforderlich!

    Nichts rechtfertigt eine derartige Tierquälerei.
    Das Geld, das in diese Forschungen fließt, wäre auf andere Weise auch für den Menschen nutzbringender angelegt - siehe oben.

    Auch duch Prävention und Aufklärung könnte man vielen mehr menschliches Leid mindern. Hier fehlen ebenfalls die dringend benötigten Mittel. Verhältnismäßigkeit ist nötig. Diese vermisse ich hier!

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