Naturkatastrophe Hoffnung? Keine!

Wir werden untergehen, das steht fest. Ein letztes Wort

Im Jahr 1989 veröffentlichte Bill McKibben sein hellsichtiges, äußerst schlüssiges und zutiefst deprimierendes Meisterwerk Das Ende der Natur, dessen These zufolge der Mensch die Umwelt so verändert hat, dass die Erde nicht mehr, wie von zahllosen Generationen vor uns, als »natürlich« begriffen werden kann, weil sie mittlerweile der menschlichen Einflussnahme unterliegt. Er argumentierte, dass vom Menschen verursachte Phänomene wie Erderwärmung, Artensterben, Lebensraumzerstörung und saurer Regen in der Biosphäre eine bleibende Veränderung bewirkt haben, die durchaus als hausgemacht zu bezeichnen ist. Wir leben in einem Fischglas, dessen Wasser wir selbst verschmutzt haben.

Das Gegenargument lautet, dass alles, was wir schaffen – seien es Kunststoffe, Wasserstoffbomben, Insektengifte, genetisch manipulierte Lebensmittel oder CDs –, definitionsgemäß natürlich ist, da wir ja ein Teil der Natur sind. Folgt man dieser Beweisführung, die zumeist von Verfechtern des Status quo vorgebracht wird, dann ist alles bestens und die Belastbarkeit der Erde unbegrenzt. Logisch weitergedacht, hieße das natürlich – und die Fürsprecher dieser Argumentationslinie geben das nur ungern zu –, dass die Natur sich selbst reinigt. Nämlich von uns. Wenn wir von der Rettung des Planeten sprechen, meinen wir ganz dezidiert seine Rettung um unseretwillen. Die Natur – ob von Menschenhand beeinträchtigt oder nicht – verfügt über eine furchterregende Macht, mit der sie uns zerstören kann, und zwar nicht nur durch Unwetter, Dürreperioden und verhängnisvolle Umweltveränderungen, wie sie derzeit auf der ganzen Welt zu beobachten sind, sondern indem sie jede Art, die ihre Ressourcen überbeansprucht, mit Krankheiten schlägt oder gleich mit Haut und Haaren verschlingt.

Anzeige

Zu einer der kurzsichtigsten, abscheulichsten und zudem kaum wahrgenommenen Maßnahmen der Bush-Regierung gehört – neben einer ganzen Reihe von Fällen, die beispielhaft für missbrauchte oder falsch gebrauchte Macht stehen – der gekürzte Etat für Geburtenkontrollprogramme auf der ganzen Welt, gewissermaßen als Trostpflaster für Ultrarechte und religiöse Fanatiker, in deren Augen Geburtenkontrolle irgendwie unmoralisch ist. Derzeit sind wir 6,2 Milliarden Menschen auf der Erde, von denen ungefähr ein Drittel nicht in der Lage ist, sich selbst zu ernähren. Es gibt keine Ansätze für eine umweltverträgliche Lebensführung oder die Eindämmung von Wachstum – im Gegenteil, Wachstum heißt das Zauberwort kapitalistischer Wirtschaftssysteme, wenn es darum geht, die Bedürfnisse der restlichen zwei Drittel von uns zu befriedigen. Der Kapitalismus aber, wie er derzeit praktiziert wird, postuliert unerschöpfliche Ressourcen und endlos viele Konsumenten.

Dieses Modell muss früher oder später zusammenbrechen, denn alles, wovon unser Leben abhängt – Nahrung, Wasser, Luft –, ist Mangelware und verschwindet im Laufe eines einzigen Lebensalters. Wir werden also untergehen, eine weitere ausgestorbene Art, und die Natur – verändert vielleicht und noch einmal verändert durch den nächsten Asteroiden oder die Art nach uns – wird fortdauern, bis die Sonne irgendwann ein Roter Riese ist, der ohnehin alles verbrennt.

Das stellt heutige Schriftsteller (und Philosophen, Automobilarbeiter, Umweltschützer, Komponisten und jeden, der über den nächsten Ausschlag im Aktienmarkt hinausdenkt) vor ein echtes Rätsel. Wenn schon die Existenzialisten der fünfziger und sechziger Jahre – Sartre, Camus et al. im Verbund mit den Dramatikern des absurden Theaters, die zusammen mit ihnen die Bühne betraten – der Meinung waren, es sei lächerlich, Sinn in einer Existenz zu sehen, die sich auf nichts gründet und mit dem Tod endet, was ist dann erst mit uns? Warum Zähne putzen oder zur Schule gehen, warum Kinder großziehen, Miete zahlen, überhaupt einen Finger rühren, wenn alles bedeutungslos und nur der Tod gewiss ist? Das nämlich ist die schmutzige Wahrheit, die unser umweltpolitisches Programm überschattet: Es gibt keine Hoffnung. Wir liegen in den letzten Zügen – das muss jedem halbwegs informierten und bewusst denkenden Menschen klar sein. Es gibt keine andere Natur als die, die wir kennen; uns bleiben keine Fluchten, keine Verstecke. Der Ausgang ist unvermeidlich, schon jetzt sehen wir überall die Zeichen des Untergangs, Massensterben und ökologische Degradation, grauenvolle Stammes-kriege, Vertreibung von Flüchtlingen, Kampf um Ressourcen.

Welche Hoffnung gibt es? Keine. Was können wir tun? Sterben. Denn die Natur ist überaus lebendig und wird ihren Tribut fordern. Einen schmerzlich hohen Tribut für die große und bleibende Sünde, dass es uns gibt.

Aus dem Englischen Von Brigitte Jakobeit

Die Zukunft der Natur
Alle reden von Klimakatastrophe und Umweltschutz. Doch welche Natur ist es, die wir vor uns selbst schützen wollen?
Dieser Beitrag ist der letzte der Serie. Die weiteren Artikel:

Der Schutz der Natur ist ein Schutz vor uns selbst - Wer über eine sozial gerechte Weltordnung nicht reden will, der sollte vom globalen Klimaschutz besser schweigen. Von Martin Seel »

Traut dem Augenschein! - Ein Baum ist mehr als Nutzholz oder Nationalsymbol – er verdient Respekt. Plädoyer für einen radikal ästhetischen Umgang mit der Natur. Von Marion Poschmann »

Rettet den Himmel! - Ein Gespräch mit der Dichterin Margaret Atwood über die Zukunft der Natur »

Schönes Allgäu - Dromedare am Horizont und die Wanderdünen singen – ein Blick in die Heimat von Günter Herburger »

Ganz normales Wetter - Wenn wir nicht bald die Wasserverschwendung stoppen, sterben wir aus. Von Mike Davis »

Die Gefühle der Schöpfung - Was ist Leben und welche Rolle spielt der Mensch? Von Andreas Weber »

Rettung durch Rückschritt - Wir dürfen unsere westlichen Lebensformen nicht über die ganze Welt verbreiten. Sonst geht es mit der Erde bald zu Ende. Von Hartmut Böhme »

Im Auge des Orkans - Alle reden vom ökologischen Kollaps. Niemand spricht mehr von der Natur. Das ist ein Fehler. Von Elisabeth von Thadden »

 
Leser-Kommentare
    • uff
    • 21.04.2007 um 14:47 Uhr

    der Menschen, die Bedrohung meine ich.

  1. sondern sein Leben hinzugeben

    an das,

    was richtig ist,

    darauf kommt es an!

    • uff
    • 21.04.2007 um 14:18 Uhr

    Was ist denn jetzt los. Geh deine Wege. Sterben?
    Unsinn. Soweit ich weiß ist Gott das Leben.

  2. In Deiner Primivitaet sagst Du die Wahrheit:

    lasst uns Gott bauen!

    Wer aber keine Ehrfurcht hat vor Gott,

    wird scheitern!

    beste Gruesse

    Gerhard Stenkamp

  3. Diese Replik auf die Überschrift will ich hier noch machen, da sie mir bedeutsam erscheint. Und gerade auch in der christlichen Religion wird dieser Aspekt so bzw. m.E. gut rüberbegracht. Wenn wir uns erlösen, auch wenn wir dabei untergehen, so erfüllen wir damit unsere Hoffnung. Wir haben gar nicht so sehr, wie die Tiere, die Hoffnung und den alleinigen Drang auf den Erhalt der Art, als vielmehr die Hoffnung auf ein liebevolles und wohlgeordnetes Miteinander und die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Im Zweifelsfall entscheiden wir uns wohl für ersteres und es kann sein, dass dieser gar nicht so selten auftritt.
    Eine Alternative wäre hier ja, die, sicher, auch nur pseudoewige Weiterexistenz mit immer mehr und immer schrecklicheren, immer moderneren, Waffen, ein Weiterleben wie bisher sozusagen. Kann man bzw. Mensch darauf wirklich hoffen...?
    Hoffen wir also das Beste...

    • Crest
    • 22.04.2007 um 0:13 Uhr

    Empfehle Antidepressiva. (Gesprächstherapie ist in so überschweren Fällen aussichtslos.)

    Crest

    • uff
    • 22.04.2007 um 18:35 Uhr

    so schlecht war es doch nicht, oder?

    • uff
    • 25.04.2007 um 13:49 Uhr

    denn lieber TobiasWerner, ich brauchte genau nur eine Stimme,die dies sagt, um ganz ruhig klarmachen zu können, es wird genau darauf ankommen, denn woanders bin ich eigentlich nicht mehr ansprechbar.
    Ich wünsche einen schönen Sommer.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service