Musik
Achtet nicht auf mich!
Der russische Pianist Grigorij Sokolow gehört zu den Besten der Welt, aber vor der Öffentlichkeit verbirgt er sich.
Die Tür zur Bühne öffnet sich, der Pianist erscheint. So beginnen alle Klavierabende. Und jedes Mal muss der Pianist dasselbe lästige Hindernis überwinden, das sich zwischen ihm und der Kunst auftut: den einsamen langen Weg vom Rand zur Podiumsmitte. Abend für Abend ist das ein besonderer Gang. Der Künstler schreitet zur Tat, und das Publikum schaut ihm dabei zu. Der Künstler muss sich, bevor er einen einzigen Ton gespielt hat, in Beziehung zur Welt setzen – indem er geht.
Nur wenige Pianisten genießen diesen Auftritt. Wladimir Horowitz zuckte vor dem Betreten des Konzertsaals zurück wie ein scheuendes Pferd. Manchmal musste er über die Türschwelle geschubst werden, bis er endlich mit seinem verschmitzten Lächeln ins Scheinwerferlicht trat. Alfred Brendel kommt auf die Bühne wie ein gedankenverlorener Bibliothekar, der in seinem Privatarchiv unterwegs ist, um eine wichtige literarische Fundstelle zu begutachten. Jewgenij Kissin schleicht mit einer Leichenmiene übers Podium, als sei der Flügel der offene Sarg, an dem man ihn zwinge, eine Rede zu halten.
Sonderbar ist das Auftrittsgebaren vieler Pianisten, aber am Ende stehen sie alle neben ihrem Instrument und signalisieren mit ihrer Haltung: Ich bin der Solist, der hier die Kunst macht. Nur Grigorij Sokolow nicht. Er ist der Einzige, der bei seinem Erscheinen übersehen werden möchte. Auf leisen Sohlen huscht er herein mit skurril vornüber geducktem Körper. Den rechten Arm hat er auf den Rücken gelegt wie ein unterwürfiger Oberkellner. Seine Gesichtsfarbe ist bleich und die Mimik wächsern. Hat Grigorij Sokolow jemals während eines Konzertes gelächelt? Ohne aufzublicken eilt er herbei, schraubt sich mit einer ruckartigen Bewegung in den Klavierschemel und beginnt sofort zu spielen.
Applaus zwischen den Stücken ist für ihn ein störendes Nebengeräusch: Reglos lässt er ihn an sich abregnen und setzt die Finger gleich wieder auf die Tasten, denn am liebsten spielt er eine Konzerthälfte, ohne unterbrochen zu werden. Sogar seine Zugaben klingen wie Beschwörungen, vom Beifall abzulassen. Poetisch Versonnenes und Versponnenes spielt er, eindringliche Mahnungen zu innerer Einkehr, bloß keine virtuose Zirkusnummer, die die Begeisterung weiter anstacheln könnte.
In seinen Konzerten vernimmt man höhere Stimmen
Am Ende eines Konzerts tritt Sokolow nicht ab, sondern er zieht sich zurück, zaghaft nickend, gleichsam im Krebsgang. Während andere Pianisten die Wirkung der Musik, den Gefühlsrausch und den Erfolg auskosten und mit in die Garderobe nehmen, lässt Sokolow alles auf der Bühne zurück. Jede seiner Gesten sagt: Achtet nicht auf mich! Seht ab von meiner Person! Ich bin es nicht, der hier die Kunst macht.
Aber er macht sie doch. Und wie. In Sokolows Konzerten erfährt man, dass Musik zwar auf Instrumenten gespielt wird, aber dass sie eigentlich klingendes Denken und Empfinden ist. Unter seinen Händen lösen sich die Töne von den Bedingungen ihrer Hervorbringung. Sokolow drückt die Tasten mit makelloser Technik – und zugleich mit einer Natürlichkeit, die über alles virtuose Können hinausweist. Im Grunde strebt jeder Musiker dieses Ideal an. Aber Sokolow hat es so traumsicher verinnerlicht, dass seine Klavierabende in den besten Momenten wie spiritistische Sitzungen anmuten. Das Auditorium vernimmt höhere Stimmen, ohne recht zu wissen, welche rätselhaften Dinge da vorn am Flügel eigentlich vor sich gehen.
Ruhig sitzt der Pianist an seinem Instrument. Er macht keine ausladenden Armbewegungen und pendelt nicht theatralisch mit dem Oberkörper. Rund wölbt sich der massige Rumpf über die Tastatur. Kraft und Kantabilität seines Spiels scheinen nur aus den Unterarmen zu kommen. Ungemein geschmeidig bewegen sich die Hände, und alle Töne erklingen in einer faszinierend runden, wohlproportionierten Tropfenform, egal, in welcher Rasanz sie aufeinanderfolgen. Sokolow ist ein Meister der Anschlagsfarben. Wenn er, was er gern tut, Stücke für eine Hand aufs Programm setzt, traut man schier seinen Ohren nicht: Mit nur fünf Fingern gelingen ihm frappierende Orchestrierungseffekte. Und immer klingt die Musik, als könnte sie nur so und nicht anders gemeint sein. Sokolow spielt nie im Konjunktiv, Interpretationen sind für ihn nichts beliebig Verfügbares. Er kennt nur letztinstanzliche Äußerungen, die allerdings in jedem Konzert anders ausfallen können.
57 Jahre alt ist dieser Pianist. 1966 hat er als 16-Jähriger den ersten Preis beim legendären Moskauer Tschaikowskij-Wettbewerb gewonnen. Seit 40 Jahren gibt er Konzerte. Es wäre ein Leichtes für den Klassikbetrieb, ihn als Weltstar zu vermarkten. Man hat die Strategien sofort vor Augen: Er wäre der einsame Verwalter der großen russischen Klaviertradition, ein legitimer Erbe von Emil Gilels und Svjatoslav Richter. Oder man könnte ihn als genialen, unberechenbaren Exzentriker im Geiste Glenn Goulds präsentieren. Seine künstlerische Autorität ließe sich wirkungsvoll ins Feld führen gegen die Unbedarftheit der gegelten Jungstars. Gewiss stünden ihm die berühmtesten Konzertsäle offen, und er könnte mit den besten Orchestern und Dirigenten auftreten…
Aber Sokolow ist ein Verwandter von Herman Melvilles berühmter Romanfigur Bartleby, der Ansinnen aller Art nur freundlich mit der Floskel »I would prefer not to« zurückweist. Der russische Pianist hat sich eingerichtet in der wunderlichen Unabhängigkeit des bartlebyschen »Ich möchte lieber nicht«.
Natürlich hat er viele Konzerte mit den besten Orchestern gegeben, aber inzwischen möchte er das lieber nicht mehr. Nirgendwo gebe es noch ausreichend Zeit für Proben. Auch Dirigenten, die die Begleitung in einem Solokonzert genauso ernst nähmen wie eine Symphonie, seien schwer zu finden.
Sokolows gesamte Diskografie besteht aus sieben mageren CD-Produktionen. Die letzte Veröffentlichung stammt aus dem Jahr 1994, vor fünf Jahren kam ein Konzertmitschnitt auf DVD hinzu. Aufnahmestudios betritt er grundsätzlich nicht, er mag die sterile Atmosphäre nicht. Aber die Archive seines Plattenlabels Naïve quellen über von Mitschnitten seiner Konzerte, manche Programme liegen in sechs verschiedenen Versionen vor. Ein wahrer Schatz hat sich da angesammelt. Nur zur Veröffentlichung freigeben mochte Sokolow bisher lieber nichts. Nein, nein, sagt er, er sei kein grundsätzlicher Gegner der Schallplatte. Er schaffe es einfach nicht, die vielen Bänder abzuhören, zu vergleichen, die komplizierten Entscheidungen zu treffen, denn vieles müsse bedacht werden. Auch würde ihn die Beschäftigung mit früheren Konzerten zu sehr von der Gegenwart ablenken. Die Konzentration auf die aktuellen Stücke lasse ihm keine Zeit für die Beschäftigung mit Vergangenem. Deshalb: Lieber nicht. Reizen ihn denn wenigstens große Konzertreisen, in die USA oder nach Japan? Lieber nicht. Hat er Schüler? Gibt er Meisterkurse? Lieber nicht. Spielt er Kammermusik? Lieber nicht. Lässt er sich fotografieren? Spricht er gern mit Journalisten? Lieber nicht.
So hat sich Grigorij Sokolow im Lauf der Jahre immer tiefer in ein Antistar-Dasein eingegraben. Die Stürme der Klassik-PR-Kampagnen ziehen über ihn hinweg. Der Dauernieselregen der faulen Kunstkompromisse kann ihm nichts anhaben. Die Fröste der Oberflächlichkeit, die in die Ritzen des Kulturbetriebs kriechen, erreichen ihn nicht.
Gemessen an seinem künstlerischen Rang, reist er relativ unbeachtet durch die Lande. Die Insider kennen und verehren ihn sehr. Die Kritiken sind ausnahmslos gut. Meist kehrt er Jahr für Jahr in dieselben Städte und Säle zurück. Dort gibt er Konzerte, wie er allein sie für richtig hält.
Sokolow möchte nämlich auch lieber nicht, dass die Veranstalter mitreden, welche Werke er aufführt. Einmal im Jahr stellt er ein Programm zusammen, mit dem geht er auf Reisen. Er spielt es eine komplette Saison lang in der immergleichen Stückabfolge – unumstößlich. Sokolow führt viel Beethoven und Bach auf, kombiniert Rameau mit Chopin, entdeckt den armenischen Komponisten Komitas oder den englischen Renaissance-Komponisten William Byrd, verbindet César Franck mit Couperin oder nimmt sich die vertrackt schwere Siebte Sonate von Prokofieff vor. Wer ihn verpflichten möchte, muss das akzeptieren, auch wenn die Verträge mehrere Jahre im Voraus abgeschlossen werden und Sokolow dann noch gar nicht sagen kann, mit welchem Programm er unterwegs sein wird.
Ewig plagt ihn die Sorge um die Qualität der Konzertflügel
Franco Panozzo, ein elegant gekleideter, zurückhaltender Italiener, seit 30 Jahren Sokolows Manager, muss ebenfalls damit leben, bei der Stückauswahl vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Dementsprechend nervös ist er jedes Mal, wenn der Pianist zu Hause in St. Petersburg wieder ein neues Programm ausbrütet. Manchmal, erzählt Panozzo, habe er aus Neugier heimlich bei Sokolows Ehefrau angerufen und gefragt: Was übt er denn? Aber sie habe nur geantwortet, dass sie es auch nicht wisse, die meiste Zeit verbringe er stumm mit dem Lesen von Noten.
Trotzdem, sagt Panozzo, möge man sich in Sokolow nicht täuschen. Er sei zwar einerseits verschlossen wie eine Auster, nehme aber andererseits das Leben wahr mit dem 360-Grad-Rundblick eines genial begabten Menschen. Nahezu alles interessiere ihn. Sokolow sei ein notorischer Bücherfresser, Journalblätterer, Theorienwälzer, Datenscanner, gesegnet mit einem brillanten Gedächtnis.
Zum Beispiel hat er die Charakteristik aller Steinway-Flügel, die ihm im Laufe seines langen Berufslebens unter die Finger gekommen sind, in seinem Kopf abgespeichert. Er kennt sie alle, erinnert sich detailliert an Seriennummern, Stärken, Schwächen, Eigenheiten und Tagesform, egal, wo sie gestanden haben. »Konzertflügel sehen groß und robust aus«, sagt Sokolow, »aber sie sind sehr zart und sensibel. Sie haben ihre eigene Fantasie.«
Die tollsten Sachen sind ihm schon untergekommen: Instrumente, die sich an einem Tag zu wahren Sternstunden des Klangs aufschwangen und am nächsten nicht mehr wiederzuerkennen waren. Ein Konzertflügel sei nämlich, das müsse man wissen, sterblich wie ein Mensch. Er komme auf die Welt, erblühe, werde irgendwann krank und sterbe. Das unterscheide ihn von den Geigen, die sich zwar auch manchmal störrisch gäben, denen aber im Prinzip eine unbegrenzte Lebenszeit innewohne.
Ob ein Flügel nur vorübergehend unpässlich sei, unter welchen Bedingungen man ihn im Zenit seiner Möglichkeiten antreffe und wann es endgültig mit ihm zu Ende gehe, lasse sich nie genau voraussagen. Bange Fragen sind das für den Pianisten. Auf jeder Anreise zu einem Konzert treiben sie ihn um. Sehr viel hängt davon ab: In welchem Zustand ist das Instrument? Passt die Akustik? Wie viel Sachverstand hat der Klavierstimmer?
Ist Sokolow nun besonders frei als Künstler, weil er sich von allen äußeren Zwängen und Verpflichtungen des Musikbetriebs losgesagt hat? Oder ist er ein Gefangener, umzingelt von den Furien des Scheiterns, gerade weil ihm nichts anderes als die Kunst wichtig ist und sich deshalb für ihn jede Detailfrage zu einer existenziellen Bedrohung auswachsen kann?
Kristallin glitzern die Akkordkaskaden
Eigentlich brauche er nur wenig, um ein gutes Konzert zu geben, sagt er. »Das Flugzeug muss fliegen und rechtzeitig ankommen. Der Koffer muss dabei sein. Der Flügel im Saal muss gut sein.« Aber genau da fangen die Probleme an.
Wenn Sokolow auf dem Klavierschemel Platz nimmt, schlägt die Stunde der Wahrheit für jedes Instrument. Sofort erspürt er Macken und Unpässlichkeiten. Irgendwas ist immer. »Den perfekten Zustand gibt es nicht«, sagt er. Mit Kleinigkeiten hält er sich vor einem Konzert erst gar nicht auf, er weist nur auf den gröbsten Reparatur- und Nachjustierungsbedarf hin.
Neulich in Berlin ist er – wie immer am Konzerttag – gleich nach dem Frühstück zum Saal gegangen. Der Klavierstimmer der Philharmonie hat ihm zwei Steinways zur Auswahl aufs Podium schieben lassen, beide tipptopp vorbereitet. Sokolow fängt an zu spielen, probiert dies und das und hat schon in der ersten halben Stunde ein Wehwehchen ertastet – ein leises Klirren beim eingestrichenen Es. Der Klavierstimmer kommt und schlägt den Ton an: Er klingt einwandfrei. Sokolow schlägt den Ton an: Er klirrt. Es wird ein bisschen an den Saiten gewerkelt. Der Klavierstimmer schlägt den Ton erneut an: Einwandfrei. Dann Sokolow: Klirren. Steinway-Flügel müssen panische Angst verspüren, wenn die übersensiblen Hände des Mannes aus St. Petersburg nahen.
Den ganzen Tag verbringt Sokolow vor einem Konzert im Saal. Stundenlang spielt er die Stücke an, macht sich mit der Akustik vertraut, läuft auf dem Podium hin und her. In Berlin gibt es im Parkettboden eine ganz bestimmte Diele, über der die Pedale des Flügels bei seinem letzten Konzert gestanden haben, so muss es auch dieses Mal wieder sein. Am Nachmittag geht er aufs Hotelzimmer und legt sich eine Stunde hin. Wenn er dann zurückkommt, um noch einmal bis unmittelbar vor Konzertbeginn zu spielen, kann man beobachten, was sein Manager den Salamander-Effekt nennt. Der Pianist hat plötzlich die Gesichtsfarbe gewechselt. Aschfahl ist er nun, abwesend, von einem heiligen Ernst ergriffen. So betritt er das Podium.
In seinem aktuellen Programm hat Sokolow die gesamte zweite Konzerthälfte für die Musik von Alexander Skrjabin reserviert. Er beginnt mit frühen Stücken für die linke Hand, die Skrjabin komponierte, nachdem er sich durch übermäßiges Üben eine Handverletzung an der Rechten zugezogen hatte, und durchmisst das Lebenswerk des Komponisten von der Dritten Sonate über die Poèmes op. 69 bis zur Zehnten Sonate und Vers la flamme. Der enorme Sog eines Immer-mehr und Immer-weiter baut sich in diesem Programm von Werk zu Werk auf. Man kann hören, wie der Utopist und geniale Fantast Skrjabin im Verlaufe seines Schaffens die Bodenhaftung verliert und zum großen Flug ansetzt über alle pianistischen Grenzen hinaus – hin zur Entmaterialisierung, zum Licht-Farb-Rausch, zur Ekstase. Die technischen Schwierigkeiten für den Pianisten werden immer horrender, die Motivik kippt in Skrjabins Spätwerken ins Athematische, die sich schwirrend überlagernden Tremoli und Trillerketten klingen wie Versuche, alles kompositorisch Manifeste in glitzernde Unwirklichkeit zu zerreiben. Das ist Sokolows Welt. Aber er lässt sich vom Taumel nicht forttragen und entwickelt das Überschnappende aus Fasslichkeit und Konturenschärfe. Kristallin funkeln seine Akkordkaskaden. Auf diesem Flug herrscht eine kühle, klare Luft.
Wie kommt Sokolow von solchen Kunsthöhen wieder herunter? Bis zur letzten seiner acht Zugaben, um die er sich nie lange bitten lässt, bewegt er sich wie verkapselt auf der Bühne. Die Begeisterung, in die sich die Spannung um ihn herum längst gelöst hat, erreicht ihn nicht. Sein Verhältnis zum Publikum nennt er eine »Einbahnstraße«. Er gebe den Zuhörern etwas und nicht umgekehrt. Wenn er spiele, nehme er sie mit in seine innere Welt. Einer wie Sokolow, so denkt man, legt sich nach dem Konzert auf sein Hotelbett und starrt bis zum nächsten Morgen die Decke an. Aber dann trifft man in der Garderobe einen Menschen im Frack, der aufgekratzter Laune ist, der Gratulationen entgegennimmt und scherzt. Der Salamander hat die Gesichtsfarbe wieder gewechselt.
Es scheint ihm gut zu gehen, diesem rätselhaften Pianisten.
Grigorij Sokolow spielt am 24. April in Hamburg, am 27. April in Hannover, am 4. Mai in Schwetzingen und am 31. Juli zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen
- Datum 18.4.2007 - 11:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
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