Grigorij Sokolow führt das zurückgezogene Leben eines Antistars. Der 57-Jährige lässt sich nicht vermarkten, tritt nur als Solist auf, unterrichtet nicht und veröffentlicht seit Jahren keine CDs. Sokolow lebt in St. Petersburg. Mit zwölf Jahren gab er sein erstes Konzert.

Die Tür zur Bühne öffnet sich, der Pianist erscheint. So beginnen alle Klavierabende. Und jedes Mal muss der Pianist dasselbe lästige Hindernis überwinden, das sich zwischen ihm und der Kunst auftut: den einsamen langen Weg vom Rand zur Podiumsmitte. Abend für Abend ist das ein besonderer Gang. Der Künstler schreitet zur Tat, und das Publikum schaut ihm dabei zu. Der Künstler muss sich, bevor er einen einzigen Ton gespielt hat, in Beziehung zur Welt setzen – indem er geht.

Nur wenige Pianisten genießen diesen Auftritt. Wladimir Horowitz zuckte vor dem Betreten des Konzertsaals zurück wie ein scheuendes Pferd. Manchmal musste er über die Türschwelle geschubst werden, bis er endlich mit seinem verschmitzten Lächeln ins Scheinwerferlicht trat. Alfred Brendel kommt auf die Bühne wie ein gedankenverlorener Bibliothekar, der in seinem Privatarchiv unterwegs ist, um eine wichtige literarische Fundstelle zu begutachten. Jewgenij Kissin schleicht mit einer Leichenmiene übers Podium, als sei der Flügel der offene Sarg, an dem man ihn zwinge, eine Rede zu halten.

Sonderbar ist das Auftrittsgebaren vieler Pianisten, aber am Ende stehen sie alle neben ihrem Instrument und signalisieren mit ihrer Haltung: Ich bin der Solist, der hier die Kunst macht. Nur Grigorij Sokolow nicht. Er ist der Einzige, der bei seinem Erscheinen übersehen werden möchte. Auf leisen Sohlen huscht er herein mit skurril vornüber geducktem Körper. Den rechten Arm hat er auf den Rücken gelegt wie ein unterwürfiger Oberkellner. Seine Gesichtsfarbe ist bleich und die Mimik wächsern. Hat Grigorij Sokolow jemals während eines Konzertes gelächelt? Ohne aufzublicken eilt er herbei, schraubt sich mit einer ruckartigen Bewegung in den Klavierschemel und beginnt sofort zu spielen.

Applaus zwischen den Stücken ist für ihn ein störendes Nebengeräusch: Reglos lässt er ihn an sich abregnen und setzt die Finger gleich wieder auf die Tasten, denn am liebsten spielt er eine Konzerthälfte, ohne unterbrochen zu werden. Sogar seine Zugaben klingen wie Beschwörungen, vom Beifall abzulassen. Poetisch Versonnenes und Versponnenes spielt er, eindringliche Mahnungen zu innerer Einkehr, bloß keine virtuose Zirkusnummer, die die Begeisterung weiter anstacheln könnte.

In seinen Konzerten vernimmt man höhere Stimmen

Am Ende eines Konzerts tritt Sokolow nicht ab, sondern er zieht sich zurück, zaghaft nickend, gleichsam im Krebsgang. Während andere Pianisten die Wirkung der Musik, den Gefühlsrausch und den Erfolg auskosten und mit in die Garderobe nehmen, lässt Sokolow alles auf der Bühne zurück. Jede seiner Gesten sagt: Achtet nicht auf mich! Seht ab von meiner Person! Ich bin es nicht, der hier die Kunst macht.

Aber er macht sie doch. Und wie. In Sokolows Konzerten erfährt man, dass Musik zwar auf Instrumenten gespielt wird, aber dass sie eigentlich klingendes Denken und Empfinden ist. Unter seinen Händen lösen sich die Töne von den Bedingungen ihrer Hervorbringung. Sokolow drückt die Tasten mit makelloser Technik – und zugleich mit einer Natürlichkeit, die über alles virtuose Können hinausweist. Im Grunde strebt jeder Musiker dieses Ideal an. Aber Sokolow hat es so traumsicher verinnerlicht, dass seine Klavierabende in den besten Momenten wie spiritistische Sitzungen anmuten. Das Auditorium vernimmt höhere Stimmen, ohne recht zu wissen, welche rätselhaften Dinge da vorn am Flügel eigentlich vor sich gehen.