Glaubt man marktgängigen Hochschulreformern, dann handelt es sich bei einer Universität um eine Firma, die zahlungskräftigen Studenten kostenpflichtig Wissenspakete verkauft und mit einem optimalen Erscheinungsbild in den Medien um neue Kunden wirbt. Bislang konnte man sich über diese Management-Phrasen lustig machen, doch nun hat der Spaß ein Ende.
Alt und quietschig - Wiedersehen mit der Uni Hamburg . Eine Galerie in Bild und Text BILD

Die Hamburger Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz hat ihre Dekane an die Leine genommen und sie angewiesen, Medien-Anfragen, die »aktuell politisch diskutierte Fragen betreffen (z. B. Studiengebühren, Exzellenz, Zulassungsbeschränkungen)«, mit der Pressestelle »abzustimmen«. Fachbezogene Äußerungen und Expertisen seien »nachträglich« zu melden.

»In der Vergangenheit ist es immer wieder vorgekommen, dass Mitglieder der Fakultäten Erklärungen an die Medien verschickt oder Stellungnahmen zu Medienanfragen abgegeben hatten, ohne sich mit der Pressestelle abzustimmen.« Dies sei im »Interesse einer einheitlichen« Darstellung der Universität »kontraproduktiv«. Mit einem Wort: Abweichende Meinungen abweichender Lehrkörper schaden der Firma.

Die Unruhe unter Hamburger Professoren ist beträchtlich, und sie ist es mit Grund. Gewiss will niemand der Präsidentin das Recht streitig machen, die Universität nach außen zu vertreten. Aber die Schwierigkeit beginnt schon damit, dass Themen, die Monika Auweter-Kurtz für genehmigungspflichtig hält, keine sind, die nur das Erscheinungsbild der Universität berühren, ihre Corporate Identity, wie Reformfachkräfte sagen. Es sind Themen, die die Gesellschaft selbst betreffen, also die sozialen Rahmenbedingungen der Wissenschaft.

So ist zum Beispiel die Einführung von Studiengebühren ein derart einschneidender politischer Akt, dass er die Diskussion in den Sozialwissenschaften treffsicher herausfordern muss. Dazu darf sich jeder Forscher frei äußern, ohne Rücksicht auf die präsidiale Meinungslinie oder die Maximen ihrer Marketingabteilung, für die jede abweichende Meinung, etwa in Sachen Studiengebühren, einen PR-Schaden darstellt. Aber gut. Wer der Ansicht ist, eine Universität sei keine Universität, sondern eine Firma, bringt eben einen Erlass zu Papier, der, nimmt man ihn ernst, kaum anderes darstellt als die Einschränkung der Lehr- und Forschungsfreiheit.

Viel war bei den Hochschulreformen von neuer »Freiheit« die Rede, als sei die alte Universität eine Haftanstalt gewesen, die ihre Insassen in Ketten schlug. Tatsächlich brachten die überhasteten Reformen neue Zwänge mit sich – und sei es bloß die autoritär verfügte Rücksichtnahme auf effiziente »Außendarstellung«, also die sklavische Selbstbeobachtung der Universität durch die flackernden Augen von Markt und Öffentlichkeit. Die wissenschaftliche »Leidenschaft für die Wahrheit« weicht den akademischen Public Relations. Umgekehrt wär’s besser.