Callcenter Bei Anruf Stress

Arbeitskampf bei der Telekom: 50.000 Jobs sollen ausgelagert werden. Viele Mitarbeiter fürchten, bei dubiosen Arbeitgebern in der Callcenter-Branche zu landen.

Die Grenze der Belastbarkeit ist im Arbeitsalltag schnell erreicht

Die Grenze der Belastbarkeit ist im Arbeitsalltag schnell erreicht

Trotz der niederschmetternden Erfahrung will er nicht resignieren. Peter Smit hat schon allerhand mitgemacht im Leben; selbst Toiletten für drei Euro die Stunde hat der gelernte Maschinenschlosser schon geputzt. Zuletzt arbeitete er in einem Callcenter, für immerhin 4,76 Euro die Stunde. Als das Klima aber immer rauer und der Druck unerträglich wurde, schalteten Smit und seine Kolleginnen die Gewerkschaft ein und gründeten einen Betriebsrat. Das war Anfang Februar. Inzwischen ist Smit arbeitslos. Das Callcenter wurde geschlossen.

Solche und ähnliche Geschichten sind es, die der gesamten Branche ein Schmuddelimage eingetragen haben. Dabei bieten etliche Unternehmen gut bezahlte Jobs für qualifizierte Mitarbeiter – zum Beispiel die Deutsche Telekom. Doch die hat angekündigt, sich den »marktüblichen Konditionen« anpassen zu wollen. Dazu will sie rund 50000 Arbeitsplätze in Tochterunternehmen auslagern.

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Das schürt Ängste und bringt Unruhe in Europas größte Telefongesellschaft. Die Mitarbeiter fühlen sich verraten, weil sie fürchten, verkauft zu werden, wie schon viele aus ihren Reihen zuvor. Die Telekom hat immer mal wieder Callcenter an Konkurrenten abgegeben. »Dieser Menschenhandel ist für uns einfach unverständlich«, sagt ein Betroffener.

Zigtausende wehren sich mit Protesten. »Wir mögen unsere Kunden sehr, der Vorstand nur den Aktionär« steht auf ihren Plakaten. Die Gewerkschaft ver.di hat zu den Warnstreiks aufgerufen. Die Perspektive, nur noch Kostenfaktor zu sein und womöglich dort zu landen, wo es einem wie Peter Smit ergeht, lässt das Vertrauen in den neuen Chef René Obermann schwinden. Der führt seit November vergangenen Jahres die Geschäfte der Telekom. Er und der kommissarische Personalchef Karl-Gerhard Eick geben sich unerbittlich: »Wenn ein Streik sein muss, muss er sein«, sagte Eick zu Beginn der Verhandlungen. Er fungiert im Hauptberuf als Finanzchef des Unternehmens. Am Dienstag dieser Woche trennten sich die Kontrahenten ohne Ergebnis.

Was ist das für eine Branche, in der die Telekom-Mitarbeiter so ungern den Arbeitgeber wechseln? Deren ramponierter Ruf die Beschäftigten oft verschweigen lässt, wo sie ihr Geld verdienen?

Es gibt in Deutschland rund 400000 sogenannte Callcenter-Agents. Sie prägen das Bild vom Unternehmen bei Geschäftspartnern und Verbrauchern und bearbeiten rund 20 Millionen Anrufe – täglich. Die meisten Mitarbeiter an den Hotlines haben ihren Platz in Handelskonzernen, Banken, Versicherungen oder anderen Unternehmen, die ihren Kundenservice in Eigenregie organisieren. Sie sind meist durch Tarifverträge geschützt.

Knapp ein Viertel, so schätzen Branchenexperten, arbeiten bei reinen Dienstleistern, die für fremde Unternehmen den Kontakt zum Kunden halten. Dazu gehört beispielsweise die walter services ComCare GmbH & Co. KG. Sie ist einer der großen Arbeitgeber am Markt und hat bislang schon sieben Callcenter von der Telekom geschluckt. Das Unternehmen wächst rasant, setzt zunehmend auf höher qualifizierte Mitarbeiter mit Verkaufsgespür und Menschenkenntnis. Immerhin ist walter nicht nur eines der ältesten Callcenter Deutschlands, sondern auch eines der wenigen in dieser Branche, die mit ver.di einen Tarifvertrag abgeschlossen haben.

Leser-Kommentare
  1. Ich weiss leider ziemlich genau, wie es in dieser Branche zugeht. Meine Mutter ist seit mehreren Jahren bei einem solchem Unternehmen Vollzeit beschäftigt, offiziell als Aushilfskraft (Was an sich schon gesetzeswidrig ist, da nach meinen Informationen so etwas eigentlich ein reguläres Arbeitsverhältnis darstellt). Der Hammer ist jedoch folgender: Die Regel in diesem Betrieb lautet: 'Mit Krankmeldungen brauchen sie hier gar nicht anzukommen' (o-Ton Chef). Das heisst, bei Krankheit muss man Urlaub nehmen, ggf. unbezahlt. Wer sich dagegen wehrt, kann gehen (Betriebsbedingte Kündigung...). Derweil der gute Mann sich gerade eine neue Villa hinstellt und der Betrieb prächtig expandiert. Die Arbeitnehmer sind entweder niedrig ausgebildet oder Frauen um die 50, die sich mit Händen und Füssen selbst an so einem Ausbeuterjob festhalten müssen. Wie es einen solchen Klischeekapitalismus in Deutschland geben kann, das muss mir mal jemand erklären. In jedem Fall verständlich, das die Telekom - Mitarbeiter nicht gerade scharf darauf sind, u. U. bei solchen 'Arbeitgebern' zu landen.

  2. ... aber dank CDU und deren lobbyistischer Hintermänner aus der Wirtschaft soll weiter extensives Lohndumping in Deutschland betrieben werden können.

    Da steht ja ein langfristiges Verarmungs- und Entrechtungskonzept dahinter.

    Selbst Heiner Geissler (ehemaliger CDU-Generalsekretär) sagt heute, dass Werner Sinn von der ifo diesen Blödsinn aufgebracht hat, der heute als 'Meinungskartell' der Unternehmer und Parteien nur schwer zu durchschlagen ist - was auch für die Lüge der so genannten 'Lohnnebenkosten' gilt. So lange sich die Politik da weiter beschwatzen und lobbyieren lässt, ist mit keiner Besserung zu rechnen.

    • Sannie
    • 19.04.2007 um 12:06 Uhr
    3.

    Schade, daß die Darstellung in der Presse immer so wirkt, als handele es sich um bedauerliche Einzelfälle.

    > Am unteren Ende werden nur 1250 Euro gezahlt.
    steht im Artikel. Tatsächlich ist das aber schon Tariflohn und es kann sich glücklich schätzen, wer ihn bekommt. Zwar ist es die unterste Stufe, aber so wird es ja immer gemacht: In den Stellenanzeigen werden Leute mit abgeschlossener Ausbildung gesucht, diese dann aber auf Callcenterplätze gesetzt, für die der Auftraggeber eben nur den Einstiegstarif bezahlt, obwohl die Anforderungen gerade im technischen Support gar nicht so gering sind. Das erklärt vielleicht aber die oft unfaßbar miese Qualität. Denn auch sogenannte Weiterbildungen erschöpfen sich in Schulungen auf die zu nutzende Software oder das zu verkaufende Produkt. Also auch nichts, was den Arbeitnehmer beruflich weiterbringen kann.

    Klar, daß man von gut 900 Euro netto in einer Großstadt kaum leben kann und Nebenjobs beinahe unmöglich sind, wenn man in teilweise täglich wechselnden Schichten arbeitet.

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