Lebenszeichen

Hitler

Harald Martenstein beteiligt sich an der Entnazifizierung

Vor einiger Zeit musste ich mich aus beruflichen Gründen intensiv mit Adolf Hitler befassen. Dabei habe ich eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht. Adolf Hitlers Mutter war krank und starb. In dieser Zeit wurde sie von einem Arzt aufopfernd betreut, der Dr. Bloch hieß und Jude war. Weil die Hitlers arme Leute waren, arbeitete Dr. Bloch für ein bescheidenes, fast lächerliches Honorar, 77 Hausbesuche und 47 Behandlungen kosteten 359 Kronen. Das kann man alles nachlesen. Der junge Hitler ergriff unter Tränen Dr. Blochs Hand und sagte: »Dr. Bloch, ich werde Ihnen immer dankbar sein.« So war es. Hitler sorgte im sogenannten »Dritten Reich« persönlich dafür, dass dem alten Arzt kein Haar gekrümmt wurde, Dr. Bloch überlebte und sagte nach 1945 in einem Interview: »Mir wurden Vergünstigungen gewährt, wie sie keinem anderen Juden in ganz Deutschland eingeräumt worden sind.«

Das heißt, Adolf Hitler hat in der finstersten Epoche der deutschen Geschichte nachweislich das Leben von mindestens einem Juden gerettet. Bekanntlich war der Antisemitismus das Kernstück der nationalsozialistischen Ideologie, es war streng verboten, Juden zu helfen. Hitler hat also einiges riskiert, als er Dr. Bloch half, er hätte ja seinen Job verlieren und zum Gespött werden können. Man stelle sich vor, die britische Presse hätte Wind davon bekommen, dass ausgerechnet Adolf Hitler heimlich verfolgten Juden hilft. Als ich das gelesen habe, sind mir zum ersten Mal Zweifel daran gekommen, ob Hitler wirklich Nationalsozialist war. Es stimmt natürlich, dass er dort in leitender Position tätig und in diese Dinge verstrickt gewesen ist, aber das Letztere gilt in jener Zeit doch mehr oder weniger für alle. Es findet sich immerhin kein einziges von Adolf Hitler unterzeichnetes Schriftstück, in dem stünde: »Alle Juden sind umzubringen.« Womöglich hat Hitler, der einfach nur ehrgeizig war und eine politische Karriere machen wollte, den Antisemitismus und den Militarismus der meisten anderen Deutschen beobachtet und sich gesagt, dass er auf diese Weise, indem er sich so gibt, wie er sich gab, am schnellsten Kanzler wird, was ja auch stimmte, innerlich aber war er ein Gegner des NS-Regimes. Seinen Zwängen aber konnte er sich ebenso wenig entziehen wie Millionen andere. Immerhin hat er, wieder unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Risiken, den SA-Führer Röhm beseitigen lassen, einen besonders brutalen Kerl, und er hat mit letzter Kraft dafür gesorgt, dass wenigstens nicht der fanatische Nazi Göring sein Nachfolger wird, sondern der ideologisch weniger festgelegte Admiral Dönitz. Wenn man sucht, findet man also genügend Hinweise dafür, dass Adolf Hitler, so sonderbar es klingt, ein Mann des Widerstands und ein guter Mensch gewesen sein könnte, vorausgesetzt, man ist fest dazu entschlossen, diese Meinung zu vertreten, zum Beispiel, weil man, vielleicht als Ministerpräsident, Redner auf einer Gedenkveranstaltung für Adolf Hitler ist und weil man die Gefühle der Freunde und Angehörigen von Adolf Hitler, die in der ersten Reihe sitzen, auf keinen Fall verletzen will.

 
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Leser-Kommentare

  1. nicht zu übertreffen, nur zur ergänzung: da saßen sie beim requiem, wie kleine sünderlein, die auf ihre entnazifizierung warten. filbingers erben späth, teufel und der treue (?) diener aller herren mayer-vorfelder mit einem dem staatsakt angemessenen gesicht. ob sie an ihre mittäterschaft durch unterlassen gedacht haben? ob sie sich an die schlacht um das akw wyhl und die arroganz der macht, an der spitze der rechtskundige jurist und ministerpräsident, erinnerten? wie bei der polizei plötzlich befehl und gehorsam nach oben gespült und der vorauseilende gehorsam zur beschleunigung der karriere eingeführt wurde? der rechtsbruch blieb kein einzelfall, die cdu machte sich den staat zur beute und beschädigte auch unter den nachfolgern des 'personifizierten guten gewissens' die rechtskultur des landes baden-württemberg. auch hier waren sie spitze!
    frieder kohler, denzlingen

    • 19.04.2007 um 21:59 Uhr
    • beaver

    dass sich Hitler, wie viele in dieser dunklen Zeit der deutschen Geschichte, seinem eigenen Charisma nicht entziehen konnte - auch wenn die jüngere Generation das heute nicht mehr verstehen kann...

  2. dass das endlich mal jemand sagt, grad heut, wo der widerstandskämpfer und menschenfreund adolf hitler geburtstag hat. das hätte ihn sicher gefreut, den guten. ich glaube jetzt weint er da oben im äh... naja.

    • 21.04.2007 um 15:07 Uhr
    • misdre

    ...sehr aufmerksam und - natürlich - passend. Danke schön! :)

    • 21.04.2007 um 15:08 Uhr
    • misdre

    ...sehr aufmerksam und - natürlich - passend. Danke schön! :)

  3. Eleganter kann man Herrn Oettinger nicht in den Hintern treten.
    Besten Dank!

  4. mal ne Frage: Sprecht, was haben Sie mit 17 gemacht und gedacht?
    Hatten Sie noch Träume? Vielleicht an eine herrschaftsfreie Gesellschaft geglaubt? Vorwärts mit der KPD? Bündnis von Demokraten, Sozialisten und sonstigen Kommunisten? Legal, illegal, scheißegal? Vielleicht klammheimliche Sympathien für die Desperados der RAF?

    Oder auf der anderen Seite? Nationaler Widerstand? Wiedereinführung der Todesstrafe? Schluss mit dem Vergangenheitsmasochismus?

    Oder schon damals kreuzbrav alles nachgebetet, was man Ihnen angetragen hat? Damals schon immer das Fähnchen tapfer nach dem Wind gehängt? Liebling jeder Schwiegermutter?

    Oder ......?

    Wie immer auch: Ich verlange lückenlose Auskunft mit Nachweisen!

    Sonst, meine Lieben geht der Schuss nach hinten los. Sind Sie unglaubwürdig, was immer Sie sind, oder sein zu glauben, oder sein wollen!

    War Grass in der Affäre Höfer involviert? Hat Grass wie Höfer einen jungen Pianisten den NS-Schergen ans Messer geliefert? Hat Grass sich als Superfreund Israels aufgeführt, der die Einwände eines einsamen, des Deutschen nur spärlich mächtigen, arabischen Journalisten mit „das halte ich für unverschämt“ abbügelte? Höfer brachte es fertig bei dem Thema „Nicaragua unter Daniel Ortega und die USA“ nach der Devise „Sechs Stühle, eine Meinung“ nicht einen einzigen Journalisten einzuladen, der mit den Sandinisten sympathisierte.

    „Selbstgerechtigkeit“? Ist Ihnen der Fall des ehemaligen SS-Mannes Manfred Augst bekannt, zu dessen Familie Grass nach dessen spektakulären Selbstmord Kontakt aufnahm?
    Hier ein link auf den Bericht von dessen Tochter Ute Scheub:
    http://www.single-generat...

    „Bitburg“? Glauben Sie ernsthaft, Kohl und Reagan hätten diesen Friedhof demonstrativ nur deshalb besucht, weil Ihnen das Schicksal auch der jungen SS-Soldaten so nahe ging?

    Hat Grass gefordert, die sterblichen Überreste letzterer auszubuddeln und in den Rhein zu schmeißen?
    War Grass der einzige, der Bedenken erhob, dass die beiden Staatsmänner durch ihren Besuch Wehrmachts- Waffen-SS-Angehörige, amerikanische GIS als Opfer eines Krieges gleichsetzten, wenn nicht gleich mit den Gefangenen des Lagers Bergen-Belsen, was die beiden Antifaschisten sinnigerweise einen Tag später besuchten?

    Informieren hätten Sie sich schon lange können. Aber das wollen Sie gar nicht. Sie wollen nur einen Mann anpinkeln, der nicht ungebrochen „ich bin Deutschland“ sagt.

    Für alle aber, die nicht glauben, was die [entfernt wegen Beleidigung Dritter/ Redaktion] sondern was wissen wollen:

    [und diese massive Ansammlung externer Links wurde ebenfalls entfernt / Redaktion]

    klaus priesucha
    oldenburg

  5. [entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion]

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  • Von Harald Martenstein
  • Datum 18.4.2007 - 10:13 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
  • Kommentare 10
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