Web 2.0

Was machst du gerade?

Diese einfache Frage stellt eine Internetseite namens »Twitter« der Menschheit. Und die antwortet – so zahlreich, dass manche schon das nächste Milliardengeschäft wittern.

Schreibe gerade den ersten Satz eines Artikels über Twitter. Überlege, ob und wie man Twitter erklären könnte. Ist es gut oder schlecht, gaga oder sinnvoll? Trinke einen Schluck Kaffee, gucke aus dem Fenster. Eine Taube fliegt vorbei, ein Auto hupt. War schon seit über zwanzig Sekunden nicht mehr bei Twitter. Muss jetzt langsam zur Sache kommen, bin mal kurz offline.

Die Sache ist die: Eine kleine, feine Internetseite namens Twitter.com – benannt nach dem englischen Wort für Zwitschern – hatte in den letzten Monaten mit einer einfachen Idee derartigen Erfolg, dass manche Beobachter in ihr schon so etwas wie die nächste Entwicklungsstufe des Internets erblicken. Der Erfolg basiert auf der schlichten Frage: »Was machst Du gerade?« Die kurzen Antworten, die aus aller Welt hereinströmen, verbreitet Twitter über das Internet und auf Wunsch auch per SMS. Zu diesem Zweck dürfen die Selbstauskünfte höchstens 140 Anschläge lang sein, das entspricht genau der Länge dieses Satzes, inklusive Punkt.

So weit die Idee. Wozu das Ganze gut sein könnte, wird zum Teil noch ermittelt.

Da ist zunächst die Oberfläche. Wer sich dafür interessiert, wie die Bewohner unseres Planeten in diesem Moment ihrem Leben nachgehen, kann es bei www.twitter.com ganz genau erfahren: Eine Studentin in Jakarta kocht sich gerade Spaghetti, in Teheran wird ein Hund spazieren geführt, in Nagasaki eine Gardine aufgehängt. Endlich: Kippte in China ein Sack Reis um, hier könnte man es mitbekommen. (Bei Twitter würde es so klingen: »JoJo: Mir ist doch tatsächlich gerade ein Sack Reis umgefallen. Mist! Location: Peking«.)

Mit twitter ist der Grundton ganz gut benannt. Das Zwitschern der Menschheit nimmt Twitter gleichmütig entgegen und verwandelt es in – teilweise – lesbare Listen. Viele der interessanteren Minibotschaften geben wieder, was den Leuten gerade durch den Kopf schießt. Aber auch die sinnfreieren Mitteilungen ergeben in den ständig aktualisierten Listen einen Lesestoff, der bei auffallend vielen Lesern eine Suchtwirkung entfaltet. Und obwohl diese Seite vermutlich nicht errichtet wurde, um unser globales Bewusstsein zu erweitern, tut sie nebenbei vielleicht genau das. Falls sie uns nicht vorher restlos verblödet.

Im März ist Twitter ein Jahr alt geworden, aber erst in den vergangenen drei Monaten rasant angewachsen. Bisher sind es vor allem die Zuwachsraten, die Beobachter der Onlinewelten elektrisieren: Im Dezember hatte Twitter gerade mal 10.000 registrierte Benutzer, im Februar waren es 50.000 und im März schon 100000. Nur noch ein paar Verdopplungen nach diesem Muster, so denken die Analysten der Neuen New Economy, und die Millionengrenze ist geknackt. Und so sehen manche in dem bisher eher niedlichen Angebot einer kleinen Firma aus San Francisco das nächste YouTube-Phänomen heranwachsen. YouTube basierte schließlich auch auf einer schlichten Idee – wir stellen Videoclips ins Netz –, wuchs erst langsam, dann explosionsartig, und wurde voriges Jahr für 1,6 Milliarden Dollar an Google verkauft. Die derzeitige Begeisterung für Twitter ist auch in der Angst begründet, das nächste große Ding zu verpassen.

Zu den eifrigsten Nutzern gehört der amerikanische Präsidentschaftskandidat John Edwards, der seine Anhänger via Twitter über die Stationen seiner Kampagne informiert (implizit natürlich auch über sein zukunftsweisendes Computerverständnis). Die BBC und die New York Times twittern, welche Nachrichten sie gerade parat hätten – für die, die noch Zeit zum Lesen haben.

Twitter bringt vor allem Verkürzung und Beschleunigung mit sich. Kaum hatte die Menschheit halbwegs begriffen, was Blogger so machen – Meinungen und Eindrücke in endlosen Textkaskaden kundtun – da lässt das schnelle, schlanke Zwitschermodell die sogenannte Blogosphäre ziemlich aufgedunsen erscheinen. Wer sich erst auf den Twitter-Rhythmus eingelassen hat, auf den wirken E-Mails und Blogs plötzlich so verstaubt und klobig wie elektrische Schreibmaschinen.

Vielleicht ist Twitter in ein paar Wochen schon wieder von vorgestern, vielleicht werden wir es nie wieder los – egal: Für Twitter zählt nur die Gegenwart. Und zurzeit lässt sich Twitter auch einfach als eine Art globaler Aktionskunst bewundern – sobald man seine erste Skepsis überwunden hat.

Denn so ziemlich jeder halbwegs vernünftige Mensch denkt beim ersten Twitter-Anblick: Wer braucht diesen Quatsch? In den Reaktionen lässt sich allerdings immer wieder der gleiche Verlauf beobachten. Da sich das Internet pausenlos selbst kommentiert – und auch Twitterer gern darüber twittern, wie sie Twitter finden – lässt sich das Umdenken live verfolgen, bei einem Benutzer nach dem anderen, immer nach derselben Melodie: Was für ein Blödsinn, na gut, ich probier’s mal, huch, das macht ja Spaß, au weia, ich bin Twitter-süchtig.

Kaum ein Erfahrungsbericht der Twitterer kommt ohne einen Hinweis auf die Suchtwirkung aus. Es sind dabei gleich zwei anthropologische Konstanten, die sich Twitter zunutze macht: Der Selbstdarstellungstrieb der Menschheit ist eine unerschöpfliche Ressource. Die Neugier auf das Leben anderer Leute auch. Kombiniert mit der Volksdroge SMS, gibt es dann kaum noch ein Entrinnen.

Trotzdem behauptet der Gründer der Seite, Evan Williams, 34, dass er noch nicht genau wisse, was eigentlich seine Geschäftsidee ist. Eine gewisse Entspanntheit kann sich Williams leisten. Seit er mit seiner 1999 installierten Seite Blogger.com den entscheidenden Weblog-Begriff mitgeprägt hat, ist er einer der Stars des Web 2.0. Erst recht, seit er seine Seite 2003 an Google verkauft hat. Angemessen virtuell wandelte Williams in den letzten Wochen in einem halbstündigen Video-Interview durchs Netz, in dem er alle erdenklichen Fragen zum Twitter-Konzept beantwortete. »Twitter macht im Moment Verluste, wir zahlen jeden Monat eine fünfstellige Summe drauf«, sagt er da, vor allem die SMS-Gebühren seien ein Problem. Wenn erst die Nutzerzahlen weiter steigen, ließe sich aus ihnen aber sicher auch irgendwie Profit schlagen, es werde allerdings noch »einiges Experimentieren« erfolgen müssen. Einen Geschäftsplan habe er noch nicht. Umso raffinierter sind seine Werbeslogans. In twitterischer Selbstbezüglichkeit verkündet das Firmen-T-Shirt, was sein Träger gerade tut, nämlich: »Trage mein Twitter-T-Shirt«. Auch die Visitenkarten des Unternehmens bringen das gegenwärtige Geschehen zur Sprache: »Überreiche meine Visitenkarte«.

Weil der Ansturm in letzter Zeit so groß war, dass die Server zusammenzubrechen drohten, will Williams die Seite fürs Erste nicht mit weiteren Funktionen aufmotzen. Den Ausbau betreiben derweil andere. In sogenannten Mash-ups fusionieren Twitter-Fans die Seite mit anderen Plattformen: Bei Twitterverse.com werden die häufigsten Themen dokumentiert, bei Twitterholic die eifrigsten Nutzer. Zu den eindrucksvollsten Twitter-Zwittern gehören Twittermap und Twittervision. Sie machen die eingehenden Nachrichten auf Satellitenbildern und Landkarten sichtbar. Während Twittervision eher ein ästhetisches Vergnügen bereitet – auf einer Weltkarte blitzen alle paar Sekunden Botschaften auf – lassen sich für Twittermap leicht praktische Anwendungen vorstellen. Nach dem Prinzip von Google Earth kann der Betrachter hier jede beliebige Straßenecke heranzoomen – und erkennt an den Sprechblasen, die aus den Häusern ragen, worüber in der Nachbarschaft gerade getwittert wird. Das ist zuerst etwas unheimlich. Und dann unwiderstehlich.

Diese Art der lokalen Vernetzung – an der auch etliche andere Firmen arbeiten, etwa auf der Basis von Navigationssystemen – könnte schon bald in den Alltag einziehen. Gleichgesinnte Nachbarn können so elegant zueinanderfinden. Und es muss nicht immer alles für die ganze Welt lesbar sein. Twitterer können sich jederzeit aussuchen, ob ihre Nachrichten für die Öffentlichkeit oder nur für einen festgelegten Freundes- oder Kollegenkreis bestimmt sind. Ebenso lassen sich natürlich die eingehenden Botschaften aussieben.

Aber was genau kann Twitter, was andere Internetseiten, Rundmails oder auch bessere Kalenderprogramme nicht können? Es liegt im Wesen dieser Art von »sozialer Software«, dass darüber nicht in abgeriegelten Entwicklerbüros befunden, sondern vor allem in Onlineforen heftig gestritten wird. Da berichtet ein Programmierer, wie vorige Woche ein Erdbeben in Mexico City Sekunden nach dem Ausbruch bei Twitter genau beschrieben und erst Stunden später bei CNN gemeldet wurde. Ein anderer schwört auf Twitter zur Koordination weltweit verstreuter Mitarbeiter und vielbeschäftigter Familienmitglieder. Und manche halten Twitter trotz allem für ein – bestenfalls – amüsantes Spielzeug.

Im deutschsprachigen Internet wird Twitter auffallend kritisch diskutiert. Während sich die einen um das Ende der Privatsphäre sorgen, zerbrechen sich andere den Kopf, wie sich mit der Sache Geld verdienen ließe. Die ersten deutschen Klone gibt es auch schon: Texteln.de steckt noch sichtlich in den Anfängen, die Beiträge eines überschaubaren Nutzerkreises ranken sich vor allem um die Themen Essen und Schlafengehen.

Die meisten Twitter-Nutzer werden einfach das Gefühl nicht los, dass sich mit einem Angebot wie Twitter wieder mal etwas Grundlegendes verschiebt. Die Regeln der Kommunikation zum Beispiel. Der Internetunternehmer und Blogger Ross Mayfield brachte den Geisteszustand der Twitterer auf die Formel der »kontinuierlichen Teilanwesenheit«: Man ist zwar immer erreichbar, aber auch immer woanders. Die sowieso schon geringe Formalität einer SMS, geschweige denn E-Mail, reduziert Twitter noch weiter: Je größer der Kreis der Empfänger, desto unverbindlicher die Nachricht. Auf eine Twitter-Botschaft kann man reagieren, muss es aber nicht. Nachdem die SMS schon das Konzept der Pünktlichkeit relativiert hat (»Komme 20 min später«), könnte Twitter die gute alte Verabredung gleich ganz hinter sich lassen: Ein paar Dutzend Leute erfahren, in welchem Café man sich in den nächsten Stunden treffen könnte – und kommen vorbei oder auch nicht. Immerhin: So führt auch die virtuellste, knappste Kommunikation am Ende womöglich wieder zur guten alten Geselligkeit.

Oder zurück zur Natur. Am vergangenen Wochenende kam die wichtigste Twitter-Nachricht aus dem Rheinland: »Hallo Computerfreaks, das Wetter ist unglaublich gut in Deutschland! Geht nach draußen!«

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Links zum Thema
www.twitter.com »

www.twittervision.com »

twitter.com/public_timeline »

twittermap.com/maps »

www.twitterverse.com »

www.twitterholic.com »

Die deutsche Debatte
"Thesen zum Hype" »

Warum Twitter eine Lücke füllen kann »

Überlegungen über nützliche Anwendungen:
17 sinnvolle Anwendungsideen für Twitter »

5 Ways to Use Twitter for Good »

Ross Mayfields Blog »

Interview mit Evan Williams (Vorsicht, lang) »

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Leser-Kommentare

  1. Ich finde das Thema höchst spannend. Einige Twitter-Einträge haben fast schon etwas Poetisches. (Siehe auch http://www.upload2007.com...)

    Wie wäre es mal mit einem Poetry-Slam per Twitter?

    • 22.04.2007 um 15:16 Uhr
    • wafidu

    Cool, ok, jooh, yes, yep, yeah, ja, ... Zustimmung hat viele Gesichter. Sei es als SMS, e-mail oder Chat-Nachricht im Frage- und Antwortdialog, der sich wiederholend, endlos und parallel mit mehreren Teilnehmern abspielen kann. Von den grinsenden gelben Kugelgesichtern ganz zu schweigen, die weniger nach dem Motto 'ein Bild sagt mehr als Tausend Worte' kreiert wurden. Zum Glück sorgen diese Textschnipsel nicht für grossen Traffic (hat nichts mit fi**en, aber mit Verkehr zu tun) im weltweiten Netz, sondern gehen im Rauschen der Youtube Videos, myspace-flickr Bilder und peer-to-peer Tauschbörsen unter; sonst müsste man sie abschaffen, da zu 98,89% überflüssig. Dazu gesellen sich oben genannte Texte als Kurzbeiträge auf unzensierten Nachrichtenportalen. Im Extremfall als 140 Zeichen kurzes 'Gezwitscher' auf dem gleichnamigem Portal (twitter.com oder dessen elektronischen Klonen). Auf diesem lässt und hinterlässt jeder Online-'Ich lass die Hosen runter'-Junkie Spuren seines nichtigen Daseins. Leider für alle nachvollziehbar und für die Ewigkeit in elektronischen Archiven gespeichert. Selbst für die direkt angesprochenen 'Freunde', 'Buddies' oder 'Meine_Gruppe' dürfte es uninteressant sein, dass Mr. Oberpimpblogger79 alias Markus Müller gerade Hakle 5-lagig für die Hygiene danach verwendet, um sich dann zurück an den 40-Zoll TFT-Bildschirm im acht Quadratmeter grossen Wohnzimmer zu machen. Alles mit einer Hand. In der anderen das Handy für den SMS-Versand dieser Nichtigkeiten. Im selben Zeitraum laufen eingehende 'Nachrichten' auf seinem Account auf diesem wunderbaren, weil 'Alle machen mit und finden es cool', Gezwitscher-Portal auf. Wieder 36 neue, man ist ja schliesslich bekannt und beliebt in der Community. Die SMS-Weiterleitung hat Mr.79 schon längst deaktiviert, sonst wäre die Handynutzung durch eingehende Nachrichten blockiert. Aber wer sind diese 'always on' und 'always community aware' people? Buchstabensüchtige Nerds (früher auch Freaks genannt, ganzfrüher: Fanatiker, noch davor: Anhänger, weiter zurück: FDJ, Hitlerjugend, etc.), die jeden Trend mitmachen oder einfach nur Volldeppen? Keiner will es eigentlich wissen. Weder die Betroffenen aus Furcht vor Freitod, noch die Nicht-Betroffenen. Denn letztere bekommen von alledem glücklicherweise nichts mit. Die Community feiert sich mal wieder selbst in Auswüchsen des Web 2.0, wo Mitmachen alles ist. Das Nicht-Mitmachen wird belohnt mit Ruhe, Zeit zum Todschlagen und Spass mit realen Menschen in einer realen Welt. 'Twitter Dir Einen' oder 'Zwitscher Dir Einen' oder lass es einfach. Jedem das seine.

    • 23.04.2008 um 10:49 Uhr
    • opak

    Wie alles im Leben braucht es bei Twitter Medienkompetenz. Die meiste Zeit wird doch immer noch mit eMails und endlosen Meetings vergeudet... Wer Twitter gut einsetzt - und das Thema wird bei dem sagenhaften Wachstum wichtiger - kann wieder einiges an Zeit sparen. Tipps gibt es hier: 7 Gründe warum Twitter Zeit spart

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  • Von Jürgen von Rutenberg
  • Datum 14.5.2008 - 11:18 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
  • Kommentare 4
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