Zoo Ihr Auftritt, Frau Walross!

Wie der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck das Schaugewerbe revolutionierte und dabei vor 100 Jahren den modernen Zoo erfand.

Der 7. Mai 1907 ist ein großer Tag für Deutschlands Löwen und Affen, Elefanten und Giraffen, für Kakadus und den Vogel Strauß. Der »König der Tiere«, wie Carl Hagenbeck von seinen Bewunderern verehrungsvoll genannt wird, eröffnet vor den Toren seiner Heimatstadt Hamburg, im damals noch preußischen Flecken Stellingen, auf 25 Hektar einen Tierpark, wie die Welt ihn noch nie gesehen hat. Nicht mehr hinter Gittern zieht der Löwe jetzt seine Kreise, sondern in scheinbarer Freiheit schüttelt er die Mähne, vom Publikum getrennt nur durch einen breiten Graben. So wie er finden etliche von Hagenbecks Tieren, ob Steinböcke oder Eisbären, in einer künstlich geschaffenen Landschaft mit Seen, Gebirgen und Schluchten ihren Platz. Es ist eine Revolution in der Tiergärtnerei. Denn solche Anlagen sind den herkömmlichen Zoos mit ihren Gitterkäfigen fremd. In kürzester Zeit wird Hagenbecks Tierpark zu einem Publikumsmagneten, der schließlich den viel älteren Hamburger Zoo am Rande der Innenstadt aufgeben lässt.

Carl Hagenbeck, der Fischkopp aus St. Pauli, gehört zu den großen Unternehmern der Epoche, durchaus ähnlich jenen Eisenbahnkönigen und Stahlmagnaten von Strousberg bis Krupp, die das Jahrhundert prägten. Indes betrieb er ein Geschäft, das seinen Kaufmannskollegen in Hamburgs Kontoren wunderlich vorkam. Denn Hagenbeck handelte nicht mit Kaffee oder Kautschuk, Waffen oder Tuchen, sondern mit Tieren aller Art, mit weißen Mäusen und schwarzen Panthern. Sein Großwild ließ er – in späteren Jahren – auf nicht immer feine Weise fangen, in Afrika und andernorts, die Tiere verkaufte er an Zirkusunternehmen und Zoos. Und er stellte sie selbst zur Schau. Schien dies schon etwas grenzseriös, so musste es den ehrbaren Kaufmann noch mehr befremden, dass der »Tierrummel-Entrepreneur« nicht nur Bestien präsentierte, sondern in seinen spektakulären »Völkerschauen« auch Menschen. Beim Anblick dieser seltsamen Revuen ergriff manchen das blanke Entsetzen: Die Krone der Schöpfung im Zoo! Doch Carl Hagenbeck wusste das Publikum an seiner Seite, vom Hafenarbeiter bis zum Kaiser.

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Seine Lebenserinnerungen Von Tieren und Menschen wurden zu einem Hausbuch der Deutschen, ein Bestseller, in viele Sprachen übersetzt, Hagenbeck selber zu einem Mythos. Als er am 14. April 1913 starb, ehrten die Hamburger ihn wie einen Volkshelden. Zeitungen in aller Welt widmeten ihm Nachrufe, und der mächtige Reeder Albert Ballin ließ wissen: »Das Fehlen seines Unternehmungsgeistes, den ich so sehr bewundert habe, bedeutet für Hamburg einen schwer ersetzbaren Verlust.«

Carl Hagenbeck, 1844 geboren, wächst im »lustigen alten Hamburg« auf, in der Vorstadt St. Pauli, wo das Publikum mit derben Scherzen und dito Reizen unterhalten wird und wo ihn die freie Luft des Hafens etwas von der Weite der Welt ahnen lässt. Früh schon muss er im Fischladen seines Vaters mithelfen; er tut es gern. Sechs kleine Seehunde sind es schließlich – Elbfischer haben sie Hagenbeck gebracht –, die im Revolutionsjahr 1848 das väterliche Geschäft in eine neue Richtung drängen. Die munteren Tierchen in einem Holzzuber erfreuen die Hamburger, die für den Anblick einen Schilling zahlen. Wenig später verkaufen Hagenbecks die lukrativen Seehunde einem Schausteller. Für den Jungen eine Lektion fürs Leben: Es lässt sich gutes Geld verdienen, indem man den Leuten fremdartige Tiere zeigt. Und man kann Geld verdienen, wenn man solche Tiere verkauft.

Der junge Carl, der die Schule meist nur aus der Ferne sieht – zeitlebens spricht er ein breites Platt, Englisch und Französisch bringt er sich selber bei –, mausert sich in kurzer Zeit zum ersten Gehilfen seines Vaters und übernimmt, gerade 15 Jahre alt, den Tierhandel am Spielbudenplatz. Es ist die Zeit, da in Europa in schneller Folge zoologische Gärten entstehen, zum Teil aus bestehenden fürstlichen Menagerien, zum Teil neu gegründet von naturinteressierten Bürgern. Und diese Zoos brauchen Tiere. Es ist auch die letzte Hochzeit der kolonialen Expansion, die Zeit, da Jäger und Abenteurer Afrika erobern und Elefanten, Giraffen, Affen und sonstige Exotika mit nach Hause bringen. Noch liegt das Weltzentrum des Tierhandels in London, doch bald spricht sich herum, dass ein plietscher Hamburger Jung schneller ist als seine Konkurrenten. »Fix oder nix«, lautet Carls Devise. Er packt zu, wann immer irgendwo ein Tiertransport auftaucht, reist von einem Hafen zum anderen, von einem Zoo zum nächsten, ist mit den Direktoren auf vertrautem Fuß, kauft und verkauft in atemberaubender Schnelligkeit.

Der Augenblick ist wie geschaffen für ihn, den jungen Aufsteiger. Das Gesicht der Welt verändert sich: Eisenbahnen lösen Postkutschen ab, Dampfschiffe laufen vom Stapel, und die Telegrafie macht es möglich, ohne Umschweife zu reagieren. Spekulationen nie gekannten Ausmaßes bestimmen die Wirtschaft. Es ist der Moment, um Geschäfte zu gründen und Geld zu verdienen. Carl Hagenbeck ist dabei.

1874 erweitert er seine »Handels-Menagerie« und zieht vom Spielbudenplatz ein paar Straßenzüge weiter an den Neuen Pferdemarkt. Zum Wohn- und Kontorgebäude gehört ein 6000 Quadratmeter großes Gelände. Zusammen ergibt das »Carl Hagenbeck’s Thierpark«: Tierdepot und Zoo in einem, gegen Eintritt zu besichtigen. Von hier aus schickt er seine Tierfänger los und koordiniert die Transporte. Diese Tierfängerei ist ein hartes, uns heute barbarisch anmutendes Unterfangen. Dazu gehört, möglichst junge Tiere heimzubringen, was wiederum bedeutet, dass in aller Regel die Muttertiere getötet werden, um an ihre Kleinen zu gelangen. Oft kommt es zu regelrechten Gemetzeln. Auch die wochenlange Überfahrt auf hoher See gerät für die in enge Käfige gepferchten Kreaturen zur Tortur – Kafkas Affe kann in seinem Bericht für eine Akademie davon erzählen.

Hagenbeck selbst hat nie an einer solchen Expedition teilgenommen. Es mag manchem heute seltsam erscheinen, aber er liebte Tiere nicht nur als Ware. Er war Tierhändler und Tierfreund, so paradox das erscheint. Seine Geschäftspartner, viele Zoodirektoren, unter ihnen Alfred Brehm, Verfasser des berühmten Tierlebens, waren ihm freundschaftlich zugetan, und Hamburgs Tierschützer kürten Carl Hagenbeck sogar zu ihrem Ehrenmitglied.

Waren es 1848 sechs Seehunde, mit denen der Tierhandel begann, so sind es 26 Jahre später, 1874, sechs Lappländer, die den Weg für Hagenbecks Völkerschauen ebnen: drei Männer, eine Frau, ein vierjähriges Mädchen und ein Baby. An sich ist es nichts Neues, dass Menschen aus fernen Welten in Europa präsentiert werden, sei es auf Jahrmärkten oder an Fürstenhöfen. Aber es ist Hagenbeck, der dieser Sparte des Schaugewerbes neue Dimensionen gibt.

Auch zu den Völkerschauen strömen die Besucher in Scharen

Jene Lappländer mit dreißig Rentieren und ihren Gerätschaften geraten in dem Etablissement am Neuen Pferdemarkt zu einer wahren Sensation. Neugierig beobachten die Zuschauer, wie sie ihre Zelte auf- und abbauen, mit dem Lasso nach ihren Tieren werfen, und Hamburgs sittenstrengen Bürgern fallen schier die Augen aus dem Kopf, als die Lappländerin dem Baby auf offener Bühne die Brust reicht.

Im Laufe der Jahre verändern sich die Völkerschauen. Aus naiven Darbietungen werden professionelle Revuen. Hagenbeck holt Nubier-, Kalmücken-, Indianer- und Inder-Ensembles nach Europa, die quer durch den Kontinent an den verschiedensten Orten (meist in zoologischen Gärten) gastieren und allerhand Reiterspiele und Kriegstänze aufführen, regelrechte Shows. Das Publikum, ob in Berlin, Paris, Prag oder London, strömt in Massen. Der Reiz, fremde Welten zu erleben, scheint unwiderstehlich. Über fünfzig Schauen präsentiert Hagenbeck bis zu seinem Tod. Und er ist nicht der Einzige; auch andere Zoo- und Zirkusleute entdecken diese Einnahmequelle. Um sich von ihnen abzusetzen, erklärt der Hamburger seine Völkerschauen hochtrabend zu »anthropologischen-zoologischen Veranstaltungen«.

Es ist daher für ihn von unbezahlbarem Wert, dass eine Kapazität wie der Berliner Mediziner und Anthropologe Rudolf Virchow sein Programm über den grünen Klee lobt: »Diese Menschenvorstellungen sind sehr interessant für jeden, der sich einigermaßen klar werden will über die Stellung, welche der Mensch überhaupt in der Natur einnimmt, und über die Entwicklung, welche das Menschengeschlecht durchmessen hat.« Einem Kritiker hingegen, der es abscheulich findet, Menschen neben Dickhäutern und Affen vorzuführen, fährt Virchow in die Parade. Er schilt ihn, nichts von Wissenschaft zu verstehen, und macht Carl Hagenbeck zum Mitglied seiner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.

1910 erreichen die Schauen ihren Höhepunkt, als Hagenbeck 42 Sioux (und zehn Cowboys) aus Amerika für fünf Monate in seinen Stellinger Tierpark holt – über eine Million Besucher werden gezählt. Die Indianerromantik, geschürt durch Karl Mays Romane, macht es möglich. Der »edle Wilde«, wie ihn sich viele in Europa immer noch vorstellen, tritt ihnen hier gegenüber. Ein Klischee wird Wirklichkeit.

Gewiss fördert auch der späte Griff des Kaiserreichs nach Kolonien das Interesse an den Völkerschauen. Zwar interessiert Hagenbeck das nationale und imperiale Trara nicht sonderlich, doch nutzt er es gern, wenn es sich für das Geschäft auszahlt – wie 1887 bei den Auftritten von Prinz Dido aus Kamerun, dem deutschen Schutzgebiet in Westafrika. Vertragsgemäß demonstriert der Prinz mit seinen beiden Frauen und dem kleinen Hofstaat Sitten und Gebräuche der Heimat. Viel lieber aber lässt er sich als Fürst hofieren und vom Kronprinzen in Potsdam empfangen. Der ist entzückt, ebenso wie Professor Virchow, der die afrikanische Hoheit für seine anthropologische Sammlung vermessen darf. Entzückt ist auch Hagenbeck, als er anschließend die Einnahmen bilanziert.

Das Kerngeschäft aber blieb der Tierhandel. Aus diesem entwickelte sich ein neuer Unternehmenszweig: Zirkus und Dressur. Galt es bislang, die »Bestie Tier« mit roher Gewalt unter die Knute des Dompteurs zu zwingen, so verlangte Hagenbeck von diesem, durch »Liebe, Güte und Beharrlichkeit« die Tiere zu beherrschen. Vor allem Carls jüngerem Bruder Wilhelm gelangen hier erstaunliche Erfolge.

Viele Zoodirektoren wollen von dem »Tierpark der Zukunft« nichts wissen

Hagenbecks Dressurgruppen schafften es bis in die USA, wo Carl 1893 auf der Weltausstellung in Chicago selbst in die Arena stieg – sein Dompteur lag typhuskrank darnieder – und mit einem Stöckchen Löwen und Tiger zu circensischen Spielen animierte. Die Presse war begeistert, der Mann mit den strahlend blauen Augen und dem gepflegten Lincoln-Bart wurde rasch populär, er galt als The Barnum of the German Empire. Phineas Taylor Barnum war seinerzeit der größte Schausteller und Zirkusunternehmer, auch König des Humbugs genannt, weil er eine angeblich 161 Jahre alte schwarze Frau als Amme von George Washington präsentiert hatte. Doch glücklich wurde Hagenbeck in den USA nicht. Die rauen Geschäftsmethoden, als deren Opfer er sich sah, zwangen ihn, seine Tiere an den Zirkusunternehmer Wallace zu verkaufen, der den Namen Hagenbeck vertragswidrig gleich mit übernahm; der »Hagenbeck-Wallace Circus« existierte noch bis in die dreißiger Jahre.

Zeitgenossen schildern den Mann aus St. Pauli als rastlosen Geist. Zeit für die Familie, seine Frau Amanda und die vielköpfige Kinderschar findet er kaum. Immer sieht man ihn auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern. So entdeckt er schließlich das Panorama für sich, im 19. Jahrhundert ein attraktives Medium, das erst durch das Kino seinen Reiz verlieren sollte. Auf großen Rundgemälden werden Schlachten dargestellt, Landschaften und biblische Geschichten, Schiffsuntergänge, Szenen aus den Kolonien – in Breslau, Innsbruck, Den Haag, Luzern oder Altötting kann man sie noch heute bewundern. Hagenbeck entwickelt das Panorama zu einer Kulissenlandschaft, in die er Tiere stellt, was dem Betrachter die Illusion vermittelt, er erlebe sie in ihrer natürlichen Umgebung. Der Hamburger lässt seine Idee patentieren und zeigt 1896 auf der Gewerbeausstellung in Berlin ein 60 Meter tiefes und 20 Meter breites »Eismeer«. Künstliche Gletscher ragen aus dem riesigen Bassin, ein zwei Meter tiefer Graben schützt vor unliebsamen Begegnungen mit Eisbären und Seehunden.

400000 Besucher zählt die Schau. Sie zieht durch Europa; als Vie au Pôle Nord ist das Panorama in Paris zu sehen, und auch auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis macht es Furore. »Vor uns liegt äußerst naturgetreu dargestellt ein Gebiet der Eisregion«, heißt es in einer Zeitung. »Eisbären treiben auf Eisschollen ihr Spiel. Die Vogelwelt ist vertreten.« Alles sei nicht nur interessant, sondern auch lehrreich. Der Volkspädagoge aus Hamburg kann zufrieden sein: Wieder einmal ist ihm eine bildsame Sensation gelungen.

Dem Geist des Panoramas entspringt auch Hagenbecks letztes und größtes Werk, sein Vermächtnis: der neue Tierpark in Stellingen. Aus einer tristen Ansammlung von Käfigen, aus einer Welt von Stäben ist hier ein Ensemble von lebenden Landschaftspanoramen geworden – geradezu theaterhaft entfaltet sich das Tierleben vor naturalistischen Kulissen. Hagenbecks Architekt und Konstrukteur, der Schweizer Urs Eggenschwyler, hat zwischen 1904 und 1906 mit viel Eisen, Holz und Zement die Landschaften gebaut, Felsgebirge, die noch heute den Besucher beeindrucken. Sie machen die ehemaligen Menagerie-Insassen zu wahren Bühnenstars: Ihr Auftritt, Frau Walross!

Auch zeigt der Park die Tierarten erstmals nicht mehr einzeln, gewissermaßen nach dem Lexikon, sondern in gemischten Gruppen. Zebras tummeln sich zusammen mit Straußen und Warzenschweinen, wie in der »richtigen« Natur.

Und dennoch: Was Hagenbeck in Stellingen vorführt, vermag seine Kollegen Zoodirektoren nicht zu überzeugen. Eine heftige Kontroverse nimmt ihren Anfang. Stellingen sei kein Zoo, heißt es da, allenfalls ein Handelstierpark, in Wahrheit nur ein Schaustück, und mit Blick auf Eggenschwylers Felskompositionen ist von »Hagenbeckerei« die Rede. Nie und nimmer dürfe das zum Vorbild für Tiergärten werden. Denn diese seien »in erster Linie wissenschaftlich belehrende Institute«. Hagenbecks Vorstellung, die Menschen fänden in einem parkähnlichen Umfeld viel leichter Zugang zu den Tieren, folgen die Kollegen aus Berlin oder Frankfurt nicht.

Allerdings können sie die Anziehungskraft, die der »Tierpark der Zukunft« hat, nicht übersehen. Und das macht ihnen Angst. Sie gehen zum Angriff über und boykottieren Hagenbeck. Fortan kaufen sie ihre Tiere nicht mehr bei ihm, sondern bei der Konkurrenz. Sein neues Konzept indes setzt sich trotzdem durch. Im fernen Rom wie im nahen (Wuppertal-)Elberfeld findet es noch zu seinen Lebzeiten erste Nachahmer. Viele weitere Parks in aller Welt sollten folgen.

Carl Hagenbeck ging die Auseinandersetzung um sein Werk buchstäblich an die Nieren. Seine körperlichen Leiden verschlimmerten sich. Er konnte nicht verstehen, dass die Fachwelt ihm ihre Anerkennung verweigerte. Doch er sah mit Befriedigung, dass sein Name in der Gunst des Publikums ganz oben stand. Nicht nur in seiner Heimat, auch in der Hauptstadt. Dem Berliner Malerfürsten Lovis Corinth war es ein Vergnügen, Hagenbeck neben dem Walross Pallas zu porträtieren.

Und noch ein hoher Besucher aus Berlin gab ihm die Ehre: Kaiser Wilhelm II. Seine Majestät hatte an dem Selfmademan aus St. Pauli einen Narren gefressen. Dreimal besuchte er ihn in Stellingen, während er den Berliner Zoo mied. »Sie haben hier ein bildendes wissenschaftliches Institut geschaffen wie keiner zuvor«, meinte Majestät, kaufte Straußenfedern für die Prinzessinnen und orderte bei ihm Zebubullen für sein ostpreußisches Gut Cadinen (denn immer noch hoffte der in Züchtungsfragen kreuznaive Hagenbeck, durch Zebus den einheimischen Rinderbestand anfrischen zu können). Dort erhob er den Hamburger in den Rang eines preußischen Kommerzienrates. Der Kaiser hatte auch nichts gegen Hagenbecks Pläne, in Berlin einen riesigen Tierpark zu errichten, was den dortigen Zoodirektor an den Rand des Wahnsinns trieb. Das Vorhaben zerschlug sich.

Immerhin nahm nun auch Hamburgs Obrigkeit Notiz. Der Senat der Stadt rühmte, dass von dem Namen Hagenbeck eine suggestive Wirkung ausgehe. Er habe für »Heimische und Fremde, für Inländer und Ausländer einen ganz eigenen Klang«. Kurz, er locke willkommene Gäste in die Stadt.

Und tatsächlich: Wer immer Hamburg besuchte, den führte sein Weg ins preußische Stellingen (das erst 1937 eingemeindet wurde). »Deutschland und Stellingen, das muss man gesehen haben«, sang Enrico Caruso. Thomas Alva Edison, der legendäre amerikanische Erfinder, ließ sich mit einem kleinen Nilpferd ablichten, hohe und höchste Herrschaften wandelten durch den Park und nahmen Platz, wenn Nubier oder Kalmücken ihre Shows abzogen.

Am 14. April 1913 starb Carl Hagenbeck an den Folgen seines Nierenleidens. 2500 Kränze und Blumengebinde trugen die Hamburger ihm zu Ehren auf den Friedhof in Ohlsdorf; es war ein Trauerzug, wie ihn Hamburg zuletzt bei Klopstocks Beerdigung hundert Jahre zuvor erlebt hatte. Und noch heute wacht über Hagenbecks Grab, auf einen mächtigen Findling gestützt, sein Lieblingslöwe Triest – in Bronze.

Mehr zum Thema in dem Buch des Autors »Carl Hagenbeck«, das soeben im Ellert & Richter Verlag, Hamburg, erschienen ist (216 S., Abb., 14,90 €)

 
Leser-Kommentare
  1. Die Zucht in Gefangenschaft sorgt für einen Überschuss an Tieren. Babys sind nämlich Kassenmagneten und ziehen massenweise Besucher an, die zusätzlich zum Eintrittsgeld auch noch Geld in den Geschenkeshops und Snackbars der Zoos ausgeben.
    Zoos können vielleicht größere und feudalere Anlagen bauen, aber es sind und bleiben doch Gefängnisse. Viele 'Verbesserungen' sind eher kosmetischer Art und dienen eher den Besuchern als den Tieren. Die meisten Tiere in Gefangenschaft leiden unter Frustration und Langeweile. Anstatt Millionen darauf zu verschwenden, Unmengen an Tieren einzusperren, sollten wir uns für die Erhaltung und Wiedereinrichtung dessen einsetzen, was wir Menschen den Tieren genommen haben: ihren ursprünglichen Lebensraum.
    Den europäischen Zooelefanten geht es schlecht: Die Dickhäuter sind enorm gestreßt und fühlen sich so unwohl, daß sie nur den Bruchteil der Lebenserwartung wildlebender Verwandter haben. Elefanten in freier Widlbahn erreichen ein Alter von 60 bis 65 Jahren. Kein einziger Zooelefant wurde so alt. Elefanten, die im Zoo geboren wurden, sind am anfälligsten. Auch Elefantenkühe, die im Zoo unnatürlich früh Nachwuchs bekommen, sterben oftmals sehr jung.

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