Zoo Ihr Auftritt, Frau Walross!Seite 4/4

Auch zeigt der Park die Tierarten erstmals nicht mehr einzeln, gewissermaßen nach dem Lexikon, sondern in gemischten Gruppen. Zebras tummeln sich zusammen mit Straußen und Warzenschweinen, wie in der »richtigen« Natur.

Und dennoch: Was Hagenbeck in Stellingen vorführt, vermag seine Kollegen Zoodirektoren nicht zu überzeugen. Eine heftige Kontroverse nimmt ihren Anfang. Stellingen sei kein Zoo, heißt es da, allenfalls ein Handelstierpark, in Wahrheit nur ein Schaustück, und mit Blick auf Eggenschwylers Felskompositionen ist von »Hagenbeckerei« die Rede. Nie und nimmer dürfe das zum Vorbild für Tiergärten werden. Denn diese seien »in erster Linie wissenschaftlich belehrende Institute«. Hagenbecks Vorstellung, die Menschen fänden in einem parkähnlichen Umfeld viel leichter Zugang zu den Tieren, folgen die Kollegen aus Berlin oder Frankfurt nicht.

Allerdings können sie die Anziehungskraft, die der »Tierpark der Zukunft« hat, nicht übersehen. Und das macht ihnen Angst. Sie gehen zum Angriff über und boykottieren Hagenbeck. Fortan kaufen sie ihre Tiere nicht mehr bei ihm, sondern bei der Konkurrenz. Sein neues Konzept indes setzt sich trotzdem durch. Im fernen Rom wie im nahen (Wuppertal-)Elberfeld findet es noch zu seinen Lebzeiten erste Nachahmer. Viele weitere Parks in aller Welt sollten folgen.

Carl Hagenbeck ging die Auseinandersetzung um sein Werk buchstäblich an die Nieren. Seine körperlichen Leiden verschlimmerten sich. Er konnte nicht verstehen, dass die Fachwelt ihm ihre Anerkennung verweigerte. Doch er sah mit Befriedigung, dass sein Name in der Gunst des Publikums ganz oben stand. Nicht nur in seiner Heimat, auch in der Hauptstadt. Dem Berliner Malerfürsten Lovis Corinth war es ein Vergnügen, Hagenbeck neben dem Walross Pallas zu porträtieren.

Und noch ein hoher Besucher aus Berlin gab ihm die Ehre: Kaiser Wilhelm II. Seine Majestät hatte an dem Selfmademan aus St. Pauli einen Narren gefressen. Dreimal besuchte er ihn in Stellingen, während er den Berliner Zoo mied. »Sie haben hier ein bildendes wissenschaftliches Institut geschaffen wie keiner zuvor«, meinte Majestät, kaufte Straußenfedern für die Prinzessinnen und orderte bei ihm Zebubullen für sein ostpreußisches Gut Cadinen (denn immer noch hoffte der in Züchtungsfragen kreuznaive Hagenbeck, durch Zebus den einheimischen Rinderbestand anfrischen zu können). Dort erhob er den Hamburger in den Rang eines preußischen Kommerzienrates. Der Kaiser hatte auch nichts gegen Hagenbecks Pläne, in Berlin einen riesigen Tierpark zu errichten, was den dortigen Zoodirektor an den Rand des Wahnsinns trieb. Das Vorhaben zerschlug sich.

Immerhin nahm nun auch Hamburgs Obrigkeit Notiz. Der Senat der Stadt rühmte, dass von dem Namen Hagenbeck eine suggestive Wirkung ausgehe. Er habe für »Heimische und Fremde, für Inländer und Ausländer einen ganz eigenen Klang«. Kurz, er locke willkommene Gäste in die Stadt.

Und tatsächlich: Wer immer Hamburg besuchte, den führte sein Weg ins preußische Stellingen (das erst 1937 eingemeindet wurde). »Deutschland und Stellingen, das muss man gesehen haben«, sang Enrico Caruso. Thomas Alva Edison, der legendäre amerikanische Erfinder, ließ sich mit einem kleinen Nilpferd ablichten, hohe und höchste Herrschaften wandelten durch den Park und nahmen Platz, wenn Nubier oder Kalmücken ihre Shows abzogen.

Am 14. April 1913 starb Carl Hagenbeck an den Folgen seines Nierenleidens. 2500 Kränze und Blumengebinde trugen die Hamburger ihm zu Ehren auf den Friedhof in Ohlsdorf; es war ein Trauerzug, wie ihn Hamburg zuletzt bei Klopstocks Beerdigung hundert Jahre zuvor erlebt hatte. Und noch heute wacht über Hagenbecks Grab, auf einen mächtigen Findling gestützt, sein Lieblingslöwe Triest – in Bronze.

Mehr zum Thema in dem Buch des Autors »Carl Hagenbeck«, das soeben im Ellert & Richter Verlag, Hamburg, erschienen ist (216 S., Abb., 14,90 €)

 
Leser-Kommentare
  1. Die Zucht in Gefangenschaft sorgt für einen Überschuss an Tieren. Babys sind nämlich Kassenmagneten und ziehen massenweise Besucher an, die zusätzlich zum Eintrittsgeld auch noch Geld in den Geschenkeshops und Snackbars der Zoos ausgeben.
    Zoos können vielleicht größere und feudalere Anlagen bauen, aber es sind und bleiben doch Gefängnisse. Viele 'Verbesserungen' sind eher kosmetischer Art und dienen eher den Besuchern als den Tieren. Die meisten Tiere in Gefangenschaft leiden unter Frustration und Langeweile. Anstatt Millionen darauf zu verschwenden, Unmengen an Tieren einzusperren, sollten wir uns für die Erhaltung und Wiedereinrichtung dessen einsetzen, was wir Menschen den Tieren genommen haben: ihren ursprünglichen Lebensraum.
    Den europäischen Zooelefanten geht es schlecht: Die Dickhäuter sind enorm gestreßt und fühlen sich so unwohl, daß sie nur den Bruchteil der Lebenserwartung wildlebender Verwandter haben. Elefanten in freier Widlbahn erreichen ein Alter von 60 bis 65 Jahren. Kein einziger Zooelefant wurde so alt. Elefanten, die im Zoo geboren wurden, sind am anfälligsten. Auch Elefantenkühe, die im Zoo unnatürlich früh Nachwuchs bekommen, sterben oftmals sehr jung.

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