Die Rückenlehne kippt nach hinten, die Sitzfläche arbeitet sich nach vorn, der Unterkörper wird in einen Schacht geschoben. Am Ende des Vorgangs, der an die Beschickung eines Computertomografen erinnert, fühlt man sich vorzeitig eingesargt. Immerhin, so Thompson Solutions, der irische Spezialist für Flugzeugsitze: Das Kriterium »vollhorizontaler Liegesitz«, ein zentrales Merkmal fürs avancierte Businessfliegen, ist erfüllt. Und die Airline, die dereinst solche Sitze einbaut, wird sich auch freuen: Weil der Fluggast mit den Beinen in den Hohlraum zwischen den Vordersitzen verfrachtet wird, spart man 30 Prozent Kabinenfläche. Sitzen in der Businessclass BILD

Wie man möglichst viele Menschen im Flieger unterbringt, ohne dass Sardinengefühle aufkommen, ist das zentrale Thema der Aircraft Interiors, einer internationalen Fachmesse, die vergangene Woche in Hamburg stattfand. So viel vorweg: Wer erster Klasse fliegt, wird königlich verwöhnt werden und bis auf den Golfplatz nichts mehr von dem vermissen, was er am Boden gewohnt ist. Lange Menschen werden in der Holzklasse weiter leiden.

Die bisher übliche Anordnung der Sitze nebeneinander ist aus Sicht der Platzsparer nämlich suboptimal, da so ausgerechnet die ausladendsten Körperregionen, Hüften und Schultern, den Sitzabstand in der Reihe diktieren. Eine hässliche Folge ist der notorische Kleinkrieg um die Armlehne. Die Lösung von Thompson Solutions: Man staffelt die Sitze schräg versetzt. So reicht eine dünne Lehne; der hintere Teil ist für einen Fluggast exklusiv, dabei darf er mit Arm und Schulter gern in den Fußraum des Hintermanns hineinragen. Der vordere Teil der Lehne wird vom Nachbarn belegt. In größeren Flugzeugen kann so eine Reihe mehr untergebracht werden. Eine bessere Passagierpackung garantierten nur noch Stehplätze.

Die First Class dagegen entwickelt sich deutlich in Richtung Einzelzimmer, unbedingt mit Wänden, gelegentlich mit Dach. B/E Aerospace, ein großer amerikanischer Innenausstatter in Diensten der Flugzeugindustrie, präsentiert die neusten Edelstühle für Saudi Arabian Airlines – Kleinstapartments! Akustisch abgekoppelt, mit breitem Lümmelpolster ausgestattet, selbstverständlich mit großer Multimediaglotze, Arbeitsplatz und zahllosen Abstellflächen für Champagnerkelche versehen. Dazu stehen Ausrüster wie Techno Coatings aus Florida bereit, jede denkbare Oberfläche mit 24-karätigem Polished Champagne Gold oder Satin Platinum zu überziehen. Es empfiehlt sich allerdings auch in der ersten Klasse, die Materialien der Möblierung nicht allzu genau zu untersuchen. Die neuesten Schlafzimmer für Premiumgäste von Singapore Airlines (Hersteller: Koito Industries, Japan) sind erstaunlich wackelige Konstruktionen, die praktisch nur noch aus Oberfläche bestehen.

Gewicht ist ein Thema, welches das Material jeder einzelnen Flugzeugschraube bestimmt. Desso, ein Teppichweber aus den Niederlanden, rechnet so: Der Quadratmeter Wollteppich, aus unerfindlichen Gründen in Europa bevorzugt (in den USA 95 Prozent Nylon), wiegt 1,8 Kilo. Desso bietet einen Leichtwollteppich, der 400 Gramm weniger wiegt. Für die A340 macht das 70 Kilo Erleichterung, was wenig klingt. Doch ein Kilo Gewichtseinsparung bringt 150 Euro im Jahr, für eine Airbusflotte von 100 Einheiten bedeutet das Einsparungen von etwa einer Million Euro. Noch mehr könnten Airlines sparen, würden sie ein unempfindliches Muster wählen. Aeroflot ordert Dunkelblau mit orange und grauen Punkten – Krümel fallen nicht so auf. KLM ist quietschbunt gemustert, da macht auch ein Kaffeefleck nichts. British Airways dagegen: hellblaue Pünktchen auf blauem Grund. So ein Boden wird nicht alt.

Glücklich, wer sich um Gewichts-Pfennigfuchsereien nicht scheren muss. So irrt ein junger Mann, Innenausstatter von Privatjets, auf der Messe umher und sucht nur eins: Leder für die Bestuhlung, das an den orangefarbenen Lamborghini des Kunden erinnern soll. Gewicht spielt keine Rolle, Geld auch nicht, notfalls nimmt er dem Lederfabrikanten eine ganze Charge in der Sonderfarbe ab, also fünfzig Häute.