Cho Seung-Hui, der in der vergangenen Woche in Blacksburg Amok lief, war im Alter von acht Jahren mit seiner Familie aus Südkorea in die USA gekommen. Nachdem dies bekannt wurde, bemühten sich die meisten Kommentatoren um rasche Klarstellung: Die Herkunft des Täters hat mit den tragischen Ereignissen nichts zu tun. Ethnizität wird glücklicherweise nicht als Ursache für Amokläufe diskutiert. BILD

Dennoch hat Chos Verbrechen in der koreanisch-amerikanischen Bevölkerung für Bestürzung gesorgt. Charles Kim, Präsident der Korean American Coalition in Los Angeles, sagte der Presse, viele koreanischstämmige Amerikaner und sogar Südkoreaner fühlten sich in einer kollektiven Verantwortung für das Massaker.

Zur Erschütterung über die ethnische Herkunft des Mörders dürfte auch der Umstand beitragen, dass Koreaner, zusammen mit den anderen asiatischen Migranten in den Vereinigten Staaten, gemeinhin als »Modellminderheit« gelten: Sie verdienen im Durchschnitt mehr Geld und verfügen über eine bessere Ausbildung als die Angehörigen anderer Minderheiten; die Kriminalitätsrate ist niedrig. Die meisten US-Bürger gehen daher wie selbstverständlich davon aus, dass es bei dieser Gruppe kaum Probleme gebe.

Die wenigen Forscher, die sich bisher mit dem Wohlergehen der asiatisch-amerikanischen Migranten befasst haben, kommen jedoch zu anderen Ergebnissen. Sie sprechen vom »Mythos« der gut angepassten Modellminderheit. Mark Chae, Dozent an der Rutgers University, hat mehrere Studien analysiert, nach denen Asiaten seltener wegen psychischer Probleme behandelt werden. Offenbar liegt dies nicht etwa an der besseren geistigen Gesundheit der Migranten, sondern eher an ihrem kulturell geprägten Widerwillen, offen über psychische Belange zu reden. In einigen Kulturen bedeute schon das Eingeständnis einer Depression einen Gesichtsverlust für die gesamte Familie. Die tatsächliche Rate an psychischen Störungen liege jedoch genauso hoch wie in der weißen Bevölkerungsmehrheit oder sogar höher.

Ebenfalls gegen das Stereotyp einer Modellminderheit spricht, dass sich »die Asiaten« in den USA aus bis zu 30 verschiedenen nationalen Minderheiten zusammensetzen. Migranten aus Indien, von den Philippinen und aus Japan haben nicht nur sehr unterschiedliche Herkunftskulturen, sondern sind in den USA auch unterschiedlich erfolgreich. Für die Forschung werden sie jedoch der Einfachheit halber meist unter der Bezeichnung »Asian Americans« zusammengefasst. Ebenso willkürlich sind auch die Vorurteile, die man ihnen gegenüber hegt.

Joseph Hovey, Professor für Klinische Psychologie an der University of Toledo im Bundesstaat Ohio, ist einer der wenigen Wissenschaftler, die speziell koreanischstämmige Collegestudenten untersucht haben. Eine Umfrage im vergangenen Jahr ergab erhöhte Raten von Depressivität und, zumindest unter den männlichen Studenten, erhöhte Ängstlichkeitswerte. Beides hing mit der kulturellen Orientierung der Probanden zusammen: Die psychischen Probleme waren umso ausgeprägter, je stärker die Migranten sich mit traditionell als asiatisch geltenden Werten identifizierten. Dazu gehören die Achtung der Familienehre als höchstes Gut und das Ideal, emotionale Probleme nicht nach außen zu tragen.

Dies steht allerdings im Widerspruch zu klassischen früheren Befunden, nach denen der Erhalt einer eigenen kulturellen Identität sich positiv auf das psychische Befinden asiatischer Migranten auswirke. Als mögliche Erklärung hierfür präsentiert Hovey, dass gerade in einem College, wo liberalere Werte und Geschlechterrollen vorherrschen, die Identifikation mit der traditionellen koreanischen Kultur zu Konflikten führe.

Das Vorurteil vom erfolgreichen asiatischen Studenten hat zwar einige Berechtigung. Im landesweiten College-Eignungstest SAT erzielten Asiaten im Jahr 2005 einen höheren Durchschnittswert als Weiße. Das macht den Migranten allerdings das Leben nicht leichter. Zum einen bewahrt es sie, wie viele Untersuchungen zeigen, nicht vor alltäglichen rassistischen Erfahrungen und Diskriminierung. Zum anderen setzt es viele normal begabte Jugendliche unter Druck, wenn von ihnen erwartet wird, dass sie schlau, fleißig und erfolgreich sind.

Nach einer Analyse von Derald Wing Sue, Psychologieprofessor an der Columbia University, kam der hohe Durchschnittswert im Eignungstest SAT im Wesentlichen durch herausragende Ergebnisse einiger weniger zustande. Die meisten asiatischen Studenten verfügten hingegen über keine außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Diese breite Masse der asiatisch-amerikanischen Jugendlichen scheint unter den überzogenen Erwartungen, die wegen ihrer ethnischen Herkunft an sie gestellt werden, zu leiden. Das belegte bereits 1996 eine Studie von Stacey Lee. Der Professor der University of Wisconsin-Madison berichtet, dass viele asiatische Studenten Angst davor hätten, die Erwartungen an ihre Studienleistungen nicht erfüllen zu können. Geringer akademischer Erfolg gehe mit erhöhter Depressivität einher. Eine Folge dieses Leistungsdrucks könnte sein, dass viele tatsächlich wie fanatisch büffeln, um den Vorschusslorbeeren gerecht zu werden – womit sie wieder das Vorurteil gegen sie bestärken.

Solche Forschungsergebnisse können jedoch nicht erhellen, was Amokläufer Cho antrieb. Depressionen oder Angststörungen allein führen nicht zu derartigen Gewaltausbrüchen. Die gängigen Vorurteile machen aber deutlich, dass die Forschung der koreanischen Minderheit in Zukunft mehr Aufmerksamkeit widmen sollte. Elaine Kim, eine koreanischstämmige Ethnologin aus Berkeley, sagt: »Den meisten macht das überwältigende plötzliche Interesse an den koreanischen Amerikanern erst jetzt bewusst, wie unsichtbar diese normalerweise sind.«

Zum Thema:
Demonstration der Macht – Der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer im Interview

Gewaltkultur – Wie kam es zu dem Massaker in Blacksburg? Auf Websites und in Blogs beginnt die Diskussion