Hier also auch? Indien ist kein antiamerikanisches Land – Millionen haben Verwandtschaft in den USA, und Washington päppelt Delhi neuerdings als Vorzugsverbündeten, inklusive Anerkennung als legitime Atommacht. Doch auf dem Seminar in Chennai, im Süden des Landes, mit indischen Regionalzeitungsjournalisten, die etwas über die EU erfahren sollen, kommt erst beim Thema Amerika das große Aufwachen. Verfassungsvertrag, WTO-Verhandlungen, schön und gut, aber eigentlich müsste der Daseinszweck der EU doch vor allem eines sein: die arroganten Vereinigten Staaten in die Schranken zu weisen. Die anwesenden Europäer kriegen nachgerade einen Schreck, wollen von der angebotenen antiamerikanischen Führungsrolle gar nichts wissen, reden von den Vereinten Nationen und der Herrschaft des Rechts, für Große und Kleine. Die EU will kein Gegenpol zu den USA sein, keine alternative Vormacht des Westens, und ganz bestimmt kann sie es nicht. Aber solche Aufforderungen zum Widerstand gegen die USA bekommen Europäer inzwischen überall zu hören, nach kurzem Kratzen an der Gesprächsoberfläche – besonders freilich in islamischen Ländern, ob offiziell pro- oder antiamerikanisch, ob Saudi-Arabien, Pakistan oder Iran, ob der Gesprächspartner zur herrschaftsnahen Elite gehört oder zur Opposition. Anti-Bush-Demonstrantin als Lady Liberty BILD

Die Grundstimmung gegen die Vereinigten Staaten reicht weit über alle konkreten Streitfragen hinaus. Wenn Angela Merkel Anfang der kommenden Woche zum EU/USA-Gipfel nach Washington reist, trifft sie auf die zahmste und kooperativste amerikanische Regierung seit Langem. Bei dem Treffen wird ein Projekt zur Harmonisierung der transatlantischen Wirtschaft gestartet, das die Amerikaner eigentlich nicht interessiert und auf das sie sich vor allem der Kanzlerin zuliebe einlassen. Die US-Diplomatie macht Überstunden, um in der Nato und mit den Russen über die umstrittene Raketenabwehr zu verhandeln. Ihre grandiosen Reformpläne für die islamische Welt, die in Europa für größenwahnsinnig gehalten wurden, hat die Regierung in Washington aufgegeben und backt mit der EU zusammen wieder die kleinen Brötchen einer traditionellen Nahost-Friedenspolitik. Die geschwächte, im Irak gedemütigte BushII-Administration ist wahrscheinlich ein bequemerer Partner, als es die Clinton-Regierung, der man in Europa noch immer nachtrauert, je war.

Es hilft nur nichts. Alles Amerikanische ist in (West-)Europa politisch radioaktiv geblieben – wer damit zu eng und zu lange in Berührung kommt, wird kontaminiert bis zur Unwählbarkeit. In der deutschen CDU/CSU begann sofort das große Zittern, als die SPD das Konflikt- und Mobilisierungspotenzial in den US-Raketenabwehrplänen entdeckte. Nicolas Sarkozy schweigt im französischen Präsidentschaftswahlkampf lieber über seine Amerikabewunderung, und nichts wird von der jetzt ausklingenden Ära Blair in Großbritannien mit größerer Erleichterung verabschiedet als seine historische Busenfreundschaft mit George W. Bush. Es ist ein weiter Weg von diesem zivilisierten Bündnisfrust bei alten Nato-Partnern bis zur entfesselten Demagogie von Drittweltpopulisten wie Mahmud Ahmadineschad (Iran) und Hugo Chávez (Venezuela). Bushs Außenpolitik zu bekämpfen, den American Way of Life kulturkritisch zu verachten oder die Vereinigten Staaten wie die iranische Staatsrhetorik als »großen Satan« zu verteufeln – das ist alles nicht dasselbe. Aber etwas potenziell Universales, eine Art Bauchgrimmen des Erdballs in wechselnder Stärke, zeigt sich in der Kritik an den Vereinigten Staaten. Der Antiamerikanismus ist eine neue globale Ideologie, die Leitkultur für den Protest gegen die herrschenden Verhältnisse, wie es über Jahrzehnte die verschiedenen Spielarten des Sozialismus waren.

Umfragen belegen, dass die weltweite Empörung über den Irakkrieg kein kurzzeitiger Stimmungsausschlag gewesen ist. Das Ansehen Amerikas hat sich nicht erholt – im Gegenteil: Es ist weiter verfallen. Einen »hauptsächlich positiven« Einfluss der USA in der Welt haben bei einer von der BBC in Auftrag gegebenen Erhebung 2005 40 Prozent der Befragten in 18 Ländern festgestellt, 2006 noch 36, 2007 schließlich 29 Prozent. Am düstersten war das US-Bild in Deutschland und Indonesien (74 bzw. 71 Prozent konstatierten einen »hauptsächlich negativen« Einfluss im Weltgeschehen), dramatische Vertrauenseinbrüche zwischen 2006 und 2007 gab es in Polen (von 62 auf 38 Prozent beim »positiven Einfluss«), den Philippinen (von 85 auf immer noch spektakulär freundliche 72 Prozent) oder in Indien (von 44 auf 30 Prozent). Die Amerikaner als Volk und das amerikanische Gesellschaftssystem bekommen bessere Noten als die US-Politik. Auch in muslimischen Ländern, wo die Abneigung gegen die Vereinigten Staaten an Hass grenzt, sind die Leute mehrheitlich für Demokratie und Unternehmertum – Optimisten können das als eine Art Untergrund-Sympathie für »eigentlich« amerikanische Werte interpretieren: Wenn die USA nur endlich ihren Idealen folgen würden, wäre ihnen die Zuneigung auch ihrer Feinde gewiss. Aber das sind abstrakte Fantasien. Die konkrete Wahrheit ist, dass die Aktie »Amerika« an der Weltbörse der öffentlichen Meinung einen tiefen Sturz getan hat.