Pressefreiheit In UngnadeSeite 3/3
Die »Stellungnahme der Verwaltung« und die beigefügte Akte El Kurdi sollen erklären, was für den OB und sein Gefolge offenbar schlicht logisch ist. Dort heißt es nämlich: Dem Oberbürgermeister sei es »natürlich nicht zuzumuten«, an Veranstaltungen mit Leuten teilzunehmen, die ihn schäbig kritisierten. Aber: Die Verhaltensregeln für die städtischen Mitarbeiter werden korrigiert. Fortan müssen nicht nur die Mitarbeiter des Fachbereichs Kultur El Kurdi meiden, sondern alle. »Die Anfrage wird aber zum Anlass genommen, nunmehr im Interesse einer gleichmäßigen und transparenten Verfahrensweise allen städtischen Institutionen eine entsprechende Weisung zu erteilen.« Basta.
Eine andere Stadt hat dem Autor bereits Asyl angeboten
Dem gibt es angeblich nichts hinzuzufügen. Jürgen Sperber darf nur auf die zwei schriftlichen Mitteilungen verweisen, die vor ihm auf dem grauen Schreibtisch liegen. Der Pressesprecher der Stadt Braunschweig ist um seinen Job momentan nicht gerade zu beneiden: Sperber, ein bäriger Mann mit grau meliertem Vollbart, muss den Sachverhalt immer wieder erklären, auch denen, die sich »weigern, es zu verstehen«, sagt er. Mehr als das darf er nicht. Aber selbst diese beschränkte Aufgabe wird ihn in den nächsten Tagen stark fordern. Das Interesse ist groß: Das Fernsehen steht unangemeldet vor der Tür und stellt auch noch Fragen, der Deutsche Kulturrat rügt den OB Herrn Dr. Hoffmann und stellt alles ganz falsch dar, die Presse findet die Sache skurril und schätzt das aggressive Potenzial des Satirikers El Kurdi offensichtlich völlig falsch ein. Und nun wollen auch die Fraktionen im Rat plötzlich irgendwas zu sagen haben, SPD, Grüne, Linke und die Bürgerinitiative Braunschweig (BIBS) ermahnen den OB zum Einlenken. Der Kritik solle Hoffmann juristisch begegnen, nicht jedoch mit einer Instrumentalisierung der Verwaltung, zitiert die Lokalzeitung eine anonyme Stimme aus dem Rathaus. Mit Namen will in dieser Angelegenheit keiner genannt werden.
Ein schmaler Mann, mit rundem Brillengestell in glänzendem Silber, der über die kühlen Gänge des Rathauses huscht, bestätigt, was auch El Kurdi selbst befürchtet: »Kaum einer wird noch mit ihm zusammenarbeiten jetzt, keiner will den Groll von Hoffmann auf sich lenken.« Die Weisung des OB komme einem Berufsverbot gleich, mahnt auch der Deutsche Kulturrat. In einer Stadt wie Braunschweig verteilt diese fast alle größeren Subventionen. Es mag zwar faktisch keine Weisung vorliegen, El Kurdi von Förderungen auszuschließen. Praktisch aber ist es längst so weit. Die Zeiten, in denen El Kurdi für die Stadt sehr erfolgreich Jugendtheaterstücke inszeniert hat, sind offenbar vorbei. »Schon seit zwei Jahren werden meine Aufträge wie zufällig immer weniger«, sagt er.
El Kurdi steht vor dem prächtigen Eingangsportal des Rathauses auf dem Platz der Deutschen Einheit und erwartet neue Nachrichten aus dem Inneren der Festung. Eine Klärung in Sicht? Ein Einlenken, wie es der Deutsche Kulturrat fordert? Nichts. Man bleibt dabei und schweigt. Auf dem Rückweg dann schweigt El Kurdi, die Hände behält er in den Taschen seiner Jeansjacke. Die Frage zum bedrückenden Gefühl: Ob er wegziehen würde aus Braunschweig? »Nein, aufgeben will ich nicht. Meine Tochter hat das neulich gefragt, aber ich habe ihr erklärt, dass man nicht immer nur gemocht wird im Leben und auch damit zurechtkommen muss«, sagt El Kurdi. Falls er das doch nicht aushält, bleibt immer noch Hannover. Der Kulturdezernent der Landeshauptstadt hat dem Autor in einem offenen Brief Asyl angeboten.
Zum Thema
Presefreiheit -
Traum und Trauma. Fotos der Reporter ohne Grenzen»
Hausdurchsuchungen, Abhöraktionen:
Je mehr der Staat von seinen Bürgern wissen will, desto stärker ist auch die Pressefreiheit gefährdet»
- Datum 04.05.2007 - 06:16 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Nicht nur das Berufsverbot gegen Herrn Kurdi hat unser OB erlassen, ein Buchhandel soll auch schon in Ungnade gefallen sein.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren