Chronist des Grauens Die berühmten Tagebücher Victor Klemperers der Jahre 1933 bis 1945 sind jetzterstmals vollständig in einer CD-ROM-Ausgabe erschienen. Ein Gespräch mit dem Herausgeber Walter Nowojski
DIE ZEIT: Wie viele Seiten umfasst die Originalhandschrift der Tagebücher Victor Klemperers aus den Jahren 1933 bis 1945?
Walter Nowojski: Sie umfasst etwa 5000 Typoskriptseiten. Die Buchausgabe im Aufbau-Verlag aus dem Jahre 1995 enthielt etwa 1500 dieser Seiten, das heißt, die jetzige CD-ROM-Ausgabe ist um zwei Drittel erweitert.
ZEIT: Was haben Sie seinerzeit in der Druckfassung aufgenommen, was weggelassen?
Nowojski: In der Druckfassung habe ich mich konzentriert auf alle Aspekte der Judenverfolgung in Dresden, also auf Isolierung, Drangsalierung, Entrechtung und schließlich die systematische Vernichtung der jüdischen Minderheit. Das ist ja auch der Kern. Aber die Tagebücher enthalten viel mehr. Klemperer hat nach seiner Entfernung aus der Hochschule den verzweifelten Versuch, sein wissenschaftliches Werk fortzuführen, minutiös festgehalten, die schwierigen Recherchen für seine Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert, den Voltaire-Band und den Rousseau-Band.
Das ist jetzt alles aufgenommen. Außerdem hat Victor Klemperer, der sich ja gar nicht mehr als Jude verstand, festgestellt, dass, wie er schreibt, »Hitler wieder einen Juden« aus ihm gemacht habe. Er ist 1940 mit seiner Frau Eva ins »Judenhaus« gekommen, lebte auf engstem Raum mit Juden zusammen, auch religiös gebundenen. Er bemerkte, dass er über das Judentum wenig wusste, und begann nun mit Studien.
ZEIT: Was hat er gelesen?
Nowojski: Martin Buber, Theodor Herzl, Franz Rosenzweig. Er hat sich aber auch, und zwar sehr kritisch, befasst mit dem Verband nationaldeutscher Juden um Max Naumann und Hans Joachim Schoeps.
Ebenso intensiv auseinandergesetzt hat er sich natürlich mit dem Nationalsozialismus. Er hat Hitlers Mein Kampf gelesen und Exzerpte und Notate gemacht. Er hat Walter Görlitz Mussolini-Biografie gelesen. Er hat aufmerksam die Leitartikel von Goebbels in Das Reich verfolgt, weil er ja all das brauchte für seinen Plan, später ein Buch über die LTI zu schreiben, die Lingua Tertii Imperii, die Sprache des »Dritten Reiches«.
ZEIT: Das heißt, wir können jetzt die Entstehungsgeschichte seiner berühmten LTI aus dem Jahre 1947 anhand der CD-ROM-Ausgabe noch intensiver verfolgen, als das bisher der Fall war.
Nowojski: Ja, es sind sehr viel mehr Dinge in dem Tagebuch angesprochen, als er später in seinem Buch aufnehmen konnte. Er ist da auch historisch vorgegangen, indem er darlegt, wie ihm die Idee zu dem Buch aus der Beschäftigung mit der französischen Aufklärung, mit den dictionnaires, gekommen ist. Auch über das Problem der Benutzung von »Sklavensprache« denkt er immer wieder nach.
ZEIT: Wenn das alles so wichtig ist: Wieso haben Sie das damals nicht schon in die Druckfassung aufgenommen?
Nowojski: Ich hatte von vornherein vor, eine Edition zu machen, die sehr viele Menschen in Deutschland lesen sollten. Meine Absicht war nicht, ein Buch für Wissenschaftler zu veröffentlichen, und zwei dicke Bände, wie sie dann entstanden sind, waren auch nach Meinung des Verlages das Äußerste, was man bringen konnte, um einen größeren Leserkreis zu interessieren. Ich erinnere mich, dass es darüber Gespräche gegeben hat, und ich gelegentlich den Verlag bedrängte: Kann man nicht doch etwas mehr aufnehmen? Aber unmöglich konnte man eine Ausgabe von zehn Bänden die wären es geworden, wenn man alles gebracht hätte als Volksausgabe herausgeben.
ZEIT: Würden Sie das im Rückblick immer noch für eine richtige verlegerische Entscheidung halten, oder würden Sie angesichts des riesigen Erfolges der Klemperer-Tagebücher, mit dem Sie und der Verlag gar nicht gerechnet hatten, zugeben, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, das gesamte Konvolut zu veröffentlichen?
Nowojski: Das ist ein Gedanke, der mich in den letzten Jahren begleitet hat, und ich bin zu dem Ergebnis gekommen: Ich würde es genau wieder so machen, weil ich weiß, wer was liest. Mir ging es wirklich darum, einen großen Kreis über Intellektuelle und Wissenschaftler hinaus anzusprechen. Das hätte man nie erreichen können, wenn man alle Notate Klemperers zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten, seinen linguistischen Studien, alle seine Exzerpte aus den Nazipublikationen aufgenommen hätte. Das ist eine Fülle, die einen »normalen« Leser überfordert hätte.
ZEIT: Sie haben nun nicht nur die Tagebücher vollständig in der Originalfassung transkribiert, sondern erstmals auch das Faksimile der kompletten Handschrift veröffentlicht. Was lässt sich daraus ablesen?
Nowojski: Erstens gibt es denjenigen, die es genau wissen wollen, die Möglichkeit, die Übertragung zu kontrollieren. Zweitens erzählt die Handschrift unendlich viel über die Situation Victor Klemperers in dieser schicksalsträchtigen Zeit. Wie es beginnt: Am Anfang noch einigermaßen auf den ersten Blick lesbar - wie er dann im »Judenhaus« um Papier bangen muss - wie er links und rechts, oben und unten keine freien Plätze mehr lässt, es gibt keine Ränder mehr.
ZEIT: Verändert sich auch die Handschrift?
Nowojski: Die Handschrift wird krakeliger, das heißt, die Unruhe und die Gehetztheit dieses Mannes werden sichtbar. Man merkt, dass die Qualität der Blätter immer schlechter wird, dass die Tinte immer heller wird, er muss Wasser dazugießen. All das kann ein aufmerksamer Leser und Betrachter sich anschauen und erhält so zusätzliche Auskünfte über dieses wichtige Dokument.
ZEIT: Man hat Ihnen seinerzeit hier und dort den Vorwurf gemacht, dass Sie in der Kommentierung der Tagebücher allzu sparsam verfahren seien.
Jetzt haben Sie einen umfangreichen Apparat aufgenommen. Was enthält er?
Nowojski: Der Apparat enthält zunächst einmal umfangreiche Anmerkungen zu allen Personen, zu allen dort genannten Begebenheiten. Er enthält lückenlose Biografien der über 320 im Tagebuch vorkommenden Dresdener jüdischen Leidensgefährten Klemperers eine Arbeit, die mich über Jahrzehnte beschäftigt hat mit langen Aufenthalten in Auschwitz, in Theresienstadt, vielen Gesprächen mit Überlebenden, die inzwischen längst tot sind. Bei Klemperer finden Sie manchmal nur zwei Zeilen über einen Menschen. Ein Druck auf eine Taste und schon haben Sie die Biografie und manchmal auch das dazu passende Foto. Darüber hinaus habe ich natürlich nicht die Täter ausgelassen. Sie finden in der CD-ROM-Ausgabe auch die Biografien der Peiniger Klemperers, aber auch der über diesen Peinigern stehenden Verantwortlichen, die jemals in Dresden von 1933 bis 1945 gewirkt haben, und was aus ihnen geworden ist, auch über 1945 hinaus. Sie finden solche Angaben auch über seine Kollegen an der Technischen Hochschule in Dresden, wo deutlich wird, wie sie sich ihm gegenüber, dem »hochverehrten Professor« und Senator der Technischen Hochschule, nachdem er 1935 entlassen worden war, verhalten haben, und auch noch nach dem Kriege. Darüber hinaus finden Sie eine Chronik der Judenverfolgung in Dresden, in der benannt wird, was es fast täglich an neuen Verordnungen in dieser Zeit gegeben hat, dazu mehr als hundert Fotos und Dokumente.
ZEIT: Planen Sie über diese Edition hinaus die vollständige Publikation der Tagebücher auch aus der Weimarer Republik und der Zeit nach 1945 und der DDR bis zum Tode Klemperers 1960?
Nowojski: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat, nachdem nun dieses Ergebnis vorliegt, einer Weiterarbeit zunächst für die Weimarer Jahre zugestimmt. Das heißt, ab 1. Mai kann ich beginnen, diese Aufgabe zu erfüllen. Ich sage immer: Wer wissen will, welche Rolle deutsche Universitäten, und zwar vor allem die Herren hinter den Kathedern, bei der Inthronisation Hitlers gespielt haben, der lese diese Tagebücher.
Dann wird er es genau erfahren. Auch die Tagebücher der Nachkriegsjahre, die mir natürlich ebenso am Herzen liegen zumal ich Victor Klemperer als Student in Berlin erlebt habe und von seinen Vorlesungen fasziniert war , würde ich sehr gern auf CD-ROM publizieren. Aber das ist noch nicht möglich, weil dieser Teil für eine vollständige Publikation noch gar nicht frei ist. Klemperers zweite Frau Hadwig möchte verständlicherweise nicht, dass allzu Privates aus der Geschichte ihrer Beziehung schon zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wird.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE VOLKER ULLRICH
Die CD-ROM-Ausgabe »Victor Klemperer: Die Tagebücher« (Kommentierte Gesamtausgabe - herausgegeben von Walter Nowojski unter Mitarbeit von Christian Löser) ist erschienen als Band 150 der Digitalen Bibliothek der DIRECTMEDIA Publishing GmbH (ISBN 978-3-89853-550-2) und kostet 45,Euro
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.18 vom 26.04.2007, S.62
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