Erwin Wurm Eine Minute Kunst
Ein Porträt des österreichischen Wahnwitzkünstlers Erwin Wurm, dessen Gesamtwerkjetzt in Hamburg gezeigt wird
Ruhmreich in die Geschichte der Kunst eingehen? Interessiert ihn nicht! Er möchte glücklich sein, respektiert werden, seine Kunst machen, gut von ihr leben können, seine Kinder wohlauf wissen, die Frau, mit der er lebt, friktionsfrei lieben, verlässliche Freunde haben - er möchte, gesund, vor allem produktiv sein, weil er am 19. April 2007 um 15.04 Uhr Wiener Ortszeit noch nicht die ultimative Arbeit seines Lebens abgeliefert hat.
Erwin Wurm. Jahrgang 1954. Bildhauer, Plastiker, Filmer, Fotograf. Erfinder der One Minute Sculpture, die in Sekunden aus einem Museumsbesucher eine Sofortskulptur kreiert, die nach fotografischer Dokumentation unmittelbar wieder ins bürgerliche Leben entlassen wird.
Einem Mann steckt er Spargel in die Nase, einem zweiten klemmt er Bananen unter die Achsel, dem dritten rammt er einen Labello in den Mund. Eimer kommen auf Köpfe, Gurken zwischen Zehen, Blumenvasen in die Hand, Besen untern Hintern. Was geschieht vor, in, hinter diesen Augen, die die verwendete Welt wenden, biegen, beugen, knicken und verrücken? Was geht in einem vor, der den Frauenkörper als Fahrradständer benutzt, nackte Schenkel aus dem Fenster streckt, Gebisse in Tischplatten beißen lässt? Stühle stehen auf Karotten, Sofas auf Streichhölzern, Wandtische auf Wurstsemmeln. Was passiert in einem, der im Porsche einen schmelzenden Fettkloß fantasiert, der einen Golf an der Wand entlangfahren lässt, einen Kleinbus um die Ecke knickt?
Ist Erwin Wurm bei Sinnen? Oder ist die Welt nur noch Unsinn?
Ein Wiener, der hadert mit dem ewig österreichischen Schwallen
Da sitzt dieser Österreicher wider Willen, der nicht »Wurm« heißen will und lediglich findet, sein »bescheuerter Name« sei »immer noch besser, als Ficker zu heißen«. Da sitzt er mit seinen außerordentlich traurigen Augen, in denen sich der Schrecken heimisch gemacht hat. Vor zehn Jahren verlor er in wenigen Monaten die Existenz. Zwischen dem Krebstod des Vaters und dem Krebstod der Mutter verließ ihn die Ehefrau mit beiden Söhnen. Über Nacht. Er stand im Nichts. Die Kunst fror ein. Die Freunde geflohen vor so viel Schmerz, die drei gesuchten Therapeuten nutzlose Krücken. Immer hatte er vehement geleugnet und als 19. Jahrhundert verdammt, dass Weh, Wahn und Kunst etwas miteinander hätten. Aber plötzlich, nach diesem schwarzen Jahr, dieser Schub: Aus dem Elend wächst die Einminutenskulptur. Sie macht ihn international bekannt.
Da sitzt er in Wien, will kein Wiener sein. Er hadert, nicht larmoyant, streitlustig hadert er und analytisch scharf mit dem ewig österreichischen Gefühl der Minderwertigkeit, dem dialektalen Stammeln, dem nebulösen Schwallen, der brutalen Gemütlichkeit plus Harmoniesucht inklusive Ausländerphobie, Antiintellektualismus und prinzipieller Entscheidungsfeindlichkeit: »Das macht mich krank!«
Nicht umsonst habe er nie eine Hiesige geliebt, sagt er schnell und hochdeutsch. Er bedient sich der druckreifen Diskurssprache eines 50plus-Intellektuellen aus Berlin oder Heidelberg, und nichts Wienerisches scheint an ihm auf, es sei denn, auf das Angenehmste, die Umgangsformen der Höflichkeit.
Wurm ist examinierter Kunsterzieher. Dieses Erststudium hat ihm der Vater abgerungen, ein Kripobeamter mit dicker Nazivergangenheit. Für den war Kunst prinzipiell brotlos, ein Künstler per se kriminell. Die Kämpfe zu Hause: hart. Sie haben gestählt für die Auseinandersetzung mit der teutonischen Vaterfigur Bazon Brock, dem präpotenten Lehr-Herrn des Zweitstudiums der Bildhauerei an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst. Der macht den Studenten Erwin vor versammelter Mannschaft »brachial nieder«, erklärt die action art-Semesterarbeit als »Dreck«, dekretiert mit schnoddriger Arroganz, »den Krempel zu verbrennen!«. Entsetzt, verletzt, zieht sich das Opfer, in der Schule als »Würmchen« gehänselt, zurück. Auch hat er sich drei volle Jahre an Übervater Beuys abgestrampelt, an dem er klebte wie die Fliege am Leim: »Er der Star, ich das Künstlerlein.« Erst nach Überwindung dieser Väterlichkeiten gelingen die ersten Arbeiten. Heute beschäftigt Erwin Wurm acht Mitarbeiter in seinem Atelier, um seinen Lehrstuhl an seiner ehemaligen Akademie herum arbeiten 15 Menschen. Auf dem österreichischen »Kunstbarometer 2006« gehört ihm der Platz 3 vor Brus auf 6 und Nitsch auf 8, der internationale »Kunstkompass« für die 100 Aufsteiger teilt ihm als einzigem Austriaken den Rang 51 zu. Seinen alten blauen Bubentraum, den Porsche 911, aus dritter Hand erworben, stellt er selbstverständlich in den Hof der Hochschule, während Beuys damals seinen Bentley 500 Meter vor der Demo versteckte, um mit dem Radl aus dem Kofferraum zur Aktion zu strampeln.
Wie sieht so einer aus, der die Welt als kafkaeske Chaplinade abbildet? Ein Witzbold? Clownsgesicht? Possenreißer? Dick & - Doof? Er lacht viel im Porschetempo des Gesprächs aber. Zu frisch der Furor, zu fett die Furcht seiner Erfahrung, die sein Lachen drosseln. All die Gefährdung der leichtgewichtigen Gestalt spielt sich ab im Blick, von randloser Brille mühsam geschützt - je nach Thema werden die Pupillen klitzeklein oder riesengroß. Irgendwann ist diesem Mann als Bub oder Jüngling das Entsetzen ins Gesicht gefahren und hat es nicht mehr verlassen. Bei all der schönen Ausgewogenheit seiner Züge.
Wahrscheinlich wars, als er erstmals »Welt« wahrnahm und ihren Wahnsinn sofort erkannte. Und der blieb in ihm stehen. Treibt an, ihn an, der kaum ruhig sitzt, dieser Peripatetiker, dauernd bewegt, ein einziges Mobile. Wurms schönste Skulptur ist seine Stirn, deren dünne Zeilen die Haut vernetzen, kräuseln, wirbeln, zwirbeln, je nach Leid oder Lust, die die wohlgeformten Lippen gerade ins Wort übersetzen.
Wurm hat auch etwas vom Smarten eines Investmentbankers, obwohl er sich für einen grauenhaften Geschäftsmann hält, oft genug zerfressen vom Zweifel an seiner Qualität, gewiss, dass der derzeitige »Erfolg in dieser Wirtschaftsdiktatur keine Dauermiete« ist, umzingelt vom »Superneiderverein« seiner schwarz betuchten Künstlerkollegen, die nur auf den Absturz der Erwin-Aktie warten. Die 24 Monate hat er nicht vergessen, die er nur mit den Wechseln einer gläubigen Galeristin überlebte. Alle Geschmeidigkeit, alles Helle wird also sofort abgebremst durch die Dunkelheit im Blick der verschatteten Augen.
Im null Komma nix macht er den Reporter zur Skulptur
Die sind überall. Im Atelier auf dem PC, bei den Stellagen, in den Regalen, bei Styropor, Gips, Schaum und Stoffen aller Art. Gerade wird über eine 2x1,90 Meter große Leinwand ein Jumbopullover gespannt, aus dessen menschenleerer Mitte, einsam und verloren, ein Ärmel so trist baumelt, dass einem die Tränen kommen.
Schon steht Wurm dicht neben mir, seine Samsung-Handycam gezückt, schießt ein Porträt für seine Philosophen-Serie An welchen Denker denken Sie gerade?. Wir hatten übers dilettierende Lesen philosophischer Werke gesprochen, ich über Ernst Blochs Prinzip Hoffnung, er Montaigne, Montaigne, Montaigene, der todesobsessiv zeitlebens Wurms Ich festigt.
In null Komma nix fertigt er aus seinem Porträt-Schreiber eine blaustiftkotzende Einminutenskulptur, aber erst nachdem er, die dazu passenden persönlichen Gegenstände suchend, mit atemberaubender Rasanz die Lebensumstände des Objekts observiert hat: Die Wohnung war minutenschnell visuell abgetastet, erfüllt von seinem Blick, wie Raumspray überall noch Stunden nach der Wurmschen Inspektion fremdelt man in den eigenen vier Wänden. Und wie er das macht! Wie seine feinen, flinken Finger über die digitale Leica fliegen, mit welch erotischer Haptik er sie befühlt, so zärtlich und liebevoll, als seien die zwei ein Paar und ich stünde gar nicht daneben.
Auf seinem Ateliertisch steht Theodor Wiesengrund Adorno mit überlebensgroßem Gipskopf und überquellenden Bauchfalten, mühsam in eine 68er-Cordhose gefüllt. Diese Respektlosigkeit wird all den Schwerstintellektuellen ein Grauen sein. Jokus? Hintersinn? Dialektik der Aufklärung?
Seine größte Skulptur hat Erwin Wurm jedenfalls noch nicht vollendet: Er möchte
das Wissen der Welt über die Welt ins Bild hauen. Wie er das Scheitern dieses
Wissens an der Welt in den Raum setzt, weiß er am 23. April 2007 um 9.13 Uhr Wiener Ortszeit immer noch nicht.
»Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes. Das ernste Leben eines lächerlichen
Mannes«, Deichtorhallen Hamburg, bis 2. September
- Datum 26.04.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.18 vom 26.04.2007, S.53
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