G8-Gipfel Fern-Nachbarschaft
Vor dem G8-Gipfel: Warum wir die Globalisierung des Mitgefühls brauchen. Eine philosophische Betrachtung
Heiligendamm, 15. April 2007
Alle Welt spricht seit etwas mehr als einem Jahrzehnt von der »Globalisierung« und ihren ökonomischen Konsequenzen – und doch geschieht es nur selten, dass man sich über die kulturellen, technischen und moralischen Implikationen dieses Vorgangs Gedanken macht. Fürs Erste ist ja nicht zu leugnen: Das aktuelle Bewusstsein vom Zusammenwachsen der Welt zu einem einzigen Geflecht aus schnellen Transaktionen wird zunächst durch die ökonomischen Tatsachen wachgerufen. Dieses Geflecht nennt Niklas Luhmann »Weltgesellschaft«, Antonio Negri tauft es auf den klingenden Namen »Empire«. Der globale Welt-Effekt beruht in technischer Sicht auf ultrarapiden Kommunikationen, die den Raum neutralisieren und alle Regionen auf dem Planeten, ungeachtet ihrer physischen und kulturellen Abstände voneinander, in eine virtuelle Gleichzeitigkeit versetzen. Der große Demiurg, der allein imstande war, aus vielen Welten eine Welt zu machen, ist ohne Zweifel das Geld, das auf der Suche nach Verwertungschancen vor keinem Hindernis haltzumachen pflegt. Die weltbildende Energie des Geldzusammenhangs erzeugt freilich auch eine radikale Ambivalenz: Zum planetarischen Kapitalismus gehört auf der Ebene der Prozeduren ein elektronischer Kommunismus (das heißt die Tendenz zum Gemeineigentum an Wissen), und mit der Ausweitung der Profitzone geht mehr oder weniger automatisch eine Ausweitung der moralischen Einmischungszone einher.
In diesem Zusammenhang sind die aktuellen Versuche zu würdigen, Afrika in den Fokus der Weltaufmerksamkeit zu rücken. Das moralische Interesse an Afrika beruht auf der Beobachtung, dass es in der vorgeblich vernetzten, in Gegenseitigkeiten eingebetteten Welt noch immer riesige Territorien gibt, in denen die alte Vormacht des Raums und des Elends fortbesteht. Auf diese Weise wird innerhalb der »Weltgesellschaft« ein Gegensatz sichtbar gemacht, der die moralische Physiognomie der Gegenwart zerklüftet. Während immer größere Teile der Weltpopulation sich bereit machen, in das große Treibhaus des Wohlstands einzuziehen, bildet sich vor der empfindlichen Außenhaut der Komfortzone eine bedrohliche Armutsvorstadt von weltweiten Ausmaßen. Diese Opposition ist nicht nur architektonisch relevant. Der schreiende Gegensatz zwischen den künstlichen Paradiesen der Wohlstandszone und dem Elendscamping der Ausgeschlossenen affiziert mehr und mehr das moralische Weltklima. Dies kann auch gar nicht anders sein – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der informatische Kommunismus, der unserer Weltform inhärent ist, sich mit dem Provinzialismus der Gier nicht verträgt.
Es ist das große Verdienst Bob Geldofs und vieler anderer, die die afrikanische Ausnahme thematisiert haben, dass sie den Beweis liefern: Die Globalisierung des Mitgefühls macht an den Grenzen der Komfortzone nicht halt. Es gibt schon jetzt viele Menschen, die das Weltbild und Welterlebnis beider Seiten kennen und die aus der Pendelbewegung zwischen den Zonen jene moralische Energie erzeugen, ohne die kein Ausgleich, kein Transfer von Wissen, von Techniken und von erweiterten Lebenschancen geschehen kann. Diese Afrika-Aktivisten sind darum zugleich symbolisch und pragmatisch bedeutsam: Als Pragmatiker leisten sie effektive Hilfe zur Gegensteuerung, als Symbolisten zeugen sie für eine moralische Avantgardefunktion, deren Auftrag darin besteht, nach dem Kollaps des im Klassenhass verwurzelten Kommunismus eine von Generosität und Einfühlung inspirierte Form von Fern-Solidarität ins Leben zu rufen und am Leben zu halten. Welche Kräfte bei solchen Unternehmen freigesetzt werden können, hat die weltweite Hilfsaktion nach der Flutkatastrophe in Ostasien am zweiten Weihnachtstag 2005 gezeigt – nicht zuletzt durch die große Hilfsbereitschaft der Deutschen. Man darf sich angesichts solcher Indizien fragen, ob es nicht auch in moralischer Hinsicht einen Global-Warming-Effekt gibt, allen abwinkenden Signalen abgebrühter Experten für immergleiche Menschenschlechtigkeit zum Trotz.
Dieser moralische Weltklimawandel – von dessen Tatsächlichkeit man sich in den kommenden Jahren wird überzeugen können – geht auf die positiven Nebenwirkungen einer im Übrigen sehr gefährlichen Verwandlung in der Weltform der Modernen zurück: auf die Unterdrückung der herkömmlichen Distanzhygiene (bei welcher der Abstand selbst konfliktvermeidend wirkt) und die Schwächung der Grenzfunktionen. Für beides sind die modernen Raumvernichtungstechniken verantwortlich, an erster Stelle die schnellen Transportmittel und ultraschnellen Nachrichtentechniken. Sie haben dafür gesorgt, dass ein völlig neues System virtueller Nachbarschaften, virtueller Solidaritäten und Kommunitäten entstanden ist, mit deren Auftauchen die Basisdaten der konventionellen Soziologien außer Kraft gesetzt wurden. Man muss nicht mehr zusammenleben, um verbunden zu sein; man muss nicht verwandt sein, um füreinander etwas übrigzuhaben; man muss keine gemeinsamen Illusionen nähren, um sich miteinander zu solidarisieren; man muss sich nicht persönlich gesehen haben, um füreinander etwas zu tun. Ich nenne die Summe dieser Verhältnisse: Fern-Nachbarschaften. Sie ist die unpathetische Gestalt dessen, was Nietzsche die Fernstenliebe nannte. Deren Entdeckung fällt weder ins 19. Jahrhundert noch in unsere Zeit, denn ihre Formulierung beginnt bereits mit dem Anbruch der Hochkulturen vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren. Die Globalisierung hat für den Ernstfall fern-nachbarschaftlicher Weltbezüge gesorgt. Wenn man von dem Abenteuer der Moral hat sprechen können – wird es im kommenden Jahrhundert nicht vor allem in der Kultivierung der Fern-Tugenden bestehen?
Der Philosoph Peter Sloterdijk ist Teilnehmer des Intellectual- Live-8-Forums für Afrika in der kommenden Woche in Berlin. Die hochrangig besetzte Konferenz erarbeitet Vorschläge zur Unterstützung Afrikas – rechtzeitig zum G8-Gipfel der führenden Industrienationen Anfang Juni in Heiligendamm. Zu den Gastgebern des Forums gehört neben anderen der Musiker Bob Geldof
- Datum 27.04.2007 - 09:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
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Auch mir ist Herr Sloterdeyk schon sympathisch und klug ist er natürlich auch. Nur ist es hier vielleicht doch nicht das einzige, was der G-8-Gipfel zu bewegen hat. Auch hat er hier die Frage und die Bedeutung der Verhütung nicht angesprochen, die in afrikanischen Ländern ja doch auch noch nicht gelöst ist.
Auf arte kamm die Sendung zapping international, eine Vorstellung der jeweiligen Fernsehwelt, vorige Woche über ein afrikanisches Land. Dort wurde dann ein junger Fernsehmacher gezeigt, der auch aus den Slums sendete und der dort meinte, dass die Leute vielfach auch glücklich seien. Auch über diese Dinge wäre hier eine philosophische Reflektion angebracht (gewesen), m.E.. Kann es sein, dass mancher dort gar glücklicher ist als so manch gutverdienender West-Malocher...?
Nachdem jahrzehntelang während des Kalten Krieges in Afrika heiße Stellvertreterkriege mit Millionen Opfern - vergleichbar in den sozialen Wirkungen des ehemals in Deutschland tobenden 30jährigen Krieges - tobten, entdecken die Gleichen, die diese Kriege mit angeheizt haben, plötzlich wieder ihr Herz für Afrika.
Dieser Herzerwärmung für Afrika(siehe auch die aktuelle G8-Agenda) dürfte eher der Muffengang zugrunde liegen, dass dieser geschundene Kontinent in einer China-Afrika-Sphäre für immer dem EU- und USA- Einfluss auf Nimmerwiedersehen entschwindet.
z.. B. in Wüsten, fällt mir gerade noch zum Vorbeitrag ein. Brandenburg vor allem soll ja auch sehr trockenen Zeiten entgegengehen. Aber gut: Welche afrikanische Wüste hat schon ein Motodrom?! Warum nur brauchen die das nicht - warum nur ist man dort so rückständig...?! Baut den Afrikanern endlich auch ein Motodrom (bzw. eben die modernen Fussballstadien...)!
Warum kämpfen eigentlich die Afrikaner nicht für eine grundsätzliche UN-Reform?
All dies eben Fragen über Fragen, die einer gekonnten Antwort harren...
Vielleicht ein weniger an Philosophie, dafür etwas mehr Realität.
Die Menschen mögen ja durch die modernen Verkehrsmittel sich räumlich annähern, der Egoismus der Menschen, verstärkt durch den Egoismus von Organisationen, hat sich bisher nicht geändert.
Beispiel I : Afrika und genmanipuliertes Getreide.
Im Jahre 2001 stand Sambia vor einer großen Hungersnot. Die USA sandten im Auftrag der Welthungerhilfe ein Schiff mit 30.000 to genmanipuliertem Mais nach Sambia. Der Anteil dieses Maises in den USA beträgt 70 %. Er wird in Brasilien und China in großen Mengen angebaut .
Vertreter zweier Umweltorganisationen veranlassten den Präsidenten, den Mais wieder zurückzuschicken, da “Gen-Mais” ähnliche Folgen habe wie Aids, und bei einem Anbau in Sambia keinerlei Aussichten bestünden, zukünftig irgendwelche Lebensmittel nach Europa exportieren zu können. Auch die Zusicherung, den Mais nur zum Konsum und nicht als Saatgut zu verwenden, half nichts.
Beispiel II Kampf gegen Malaria
Europa inkl. den USA und Russland haben sich durch den Einsatz von DDT im letzten Jahrhundert frei von Malaria gemacht. Der Einsatz von DDT wurde seit 30 Jahren bis jetzt den afrikanischen Völkern verwehrt, da es durch den großflächigen Einsatz zu Schäden an Vogeleiern kommen kann. Die jährliche Anzahl an Malaria-Toten, vor allem Kinder, beträgt ca. 500.000. Länder, die DDT in geänderter Form wieder anwenden, haben enorme Erfolge bei der Bekämpfung der Malaria erzielt.
Beispiel III : Energieeinsatz und “Globale Erwärmung”
Während sich die westlichen Industrienationen durch den Einsatz billiger Energieformen wie Kohle und Öl zu ihrem Wohlstand verholfen haben, versucht man den Einsatz dieser Energien in den Entwicklungsländern wie z.B. in Afrika zu verhindern. Dort sollen Solartechnik und Windkraft die vorherrschenden Energiearten sein. Die Solartechnik ist derzeit in Europa zehnmal so teuer wie die Energiegewinnung aus Kohle, die Windkraft etwa dreimal so teuer. Zum Feuermachen dient vielerorts Kuhdung.
Dies sind die Realitäten.
Wer ernsthaft Afrika helfen will, soll hier in der westlichen Welt anfangen. Die Probleme von Afrika haben zunächst einmal mit der Geschichtsschreibung und mit dem Umgang mit Afrikanern zu tun.
Mit Geschichtsschreibung meine ich die Tatsache, dass der Beitrag der afrikanischen Zivilisation zur 'westlichen Zivilisaion' bis heute gefälscht und verdrängt worden ist. Um bisschen kontret zu werden möchte ich z.B. darauf hinweisen, dass die Griechen keine 'Supermänner' waren, sondern auf das, was schon vorhanden war, aufgebaut hatten (Besuch von Platon in Afrika).
Wie der Soziologe U. Beck zutreffen feststellt ist Afrika in der westlichen Welt ein Konzept, das vor allem auf Folklor beruht. Der Westen hat sich ein Bild von Afrika zu recht gelegt, das nichts mit der Realität zu tun hat. Leider auch in der Wissenschaft.
Zum Schluss möchte ich sagen, das Afrika kein Geld oder keine Solidarität braucht, sondern Anerkennung und Freiheit (von dem Eurozentrismus).
Philosophen vorzuwerfen, daß er ein Philosoph (kein Bauarbeiter und auch kein Entwicklungshelfer) ist und sich dementsprechend ausdrückt, nun ja.
Vielen, die sich an Formulierungen und Reflektion erfreuen, ist der Autor Spiegel und Orientierungspunkt.
Was ich so mitbekommen habe, finde ich auch öfters mal ein wenig zu salonhaft bzw. knapp daneben und damit doch vorbei.
Aber der spielerische Umgang mit der Sprache ist doch etwas
sehr Notwendiges und Begrüßenswertes.
Jede Zeitung die etwas auf sich hält, braucht ihren eigenen Philosophen. Gut, 'die Zeit' hat nur einen Philosophieprofessor bekommen und der schreibt nicht mal gut, aber immerhin.
Ich stelle mir vor, wie Prof.Sloterdijk sich in seinem gemütlichen Sessel zurücklehnt, um anzufangen, sich Gedanken über Afrika zu machen. Er wird nächste Woche auf dem 'Intellectual Live-8-Forum' als Vertreter der philosophischen Elite des Landes auftreten und außerdem ist es mal wieder an Zeit 'eine philosphische Betrachtung' für 'die Zeit' zu schreiben.
Der Artikel muss sehr orginell sein (vielleicht kann er wieder mit Metaphern und Analogien aus der Reaktortechnologie auftrumpfen) und mindestens einen neuen Begriff prägen. Diesmal sind es 'Fern-Nachbarschaften'. Sich neue Begriffe einfallen lassen kommt immer gut und ist die philosophische Analogie zum new economy bullshiting. Sehen Sie, ich kann das auch.
Aber Herr Sloterdijk, wenn Sie mir zeigen können, wie ich meinem Fernnachbarn aus Afrika ein Glas Wasser und ein Stück Brot überreichen kann ohne meinen Popo zu bewegen, dann sind Sie trotz allem mein Held. Aber vielleicht ist mein Mitgefühl nicht stark genug.
Sorry Hr. Prof. Sloterdijk,
aber viel mehr fällt mir zu Ihrem Artikel nicht ein.
Meiner Meinung nach brauchen wir weder eine Fülle neuer Wortschöpfungen noch eine 'Globalisierung des Mitgefühls', sondern schlicht mehr Gerechtigkeit in der Welt - und Menschen, die sich dafür einsetzen.
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