Gesang ohne Grenzen

Was ist die Stimme? Ist sie tobender Sturm oder frische Sommerbrise, sanft wie Wasser oder rau wie Hagel?« 2001 stellte der New Yorker Künstler Rinde Eckert diese Frage auf der Bühne des Burghofs im südbadischen Lörrach. Eingebunden in das Global Vocal Meeting, eine Eigenproduktion des Festivals Stimmen, suchte er zusammen mit Musikern aus Mali, Ungarn und Indien nach verwandten Regungen im menschlichsten aller Instrumente. Eine Szene, die geradezu emblematisch für die Ausrichtung dieses südwestlichsten aller deutschen Musikfeste steht: Im Dreiländereck ist es Programm, die Stimme jeden Sommer fünf Wochen lang als Grenzüberwinderin zu präsentieren. Sie als Sturm wie auch als Brise wehen, sowohl sanft als auch rau aufs Publikum wirken zu lassen.

Befragt nach seiner Philosophie, verweist der Festivalleiter Helmut Bürgel auf Richard Powers Buch Der Klang der Zeit, Pflichtlektüre für sein Team. Das amerikanische Epos über die Ehe zwischen einer Schwarzen und einem deutsch-jüdischen Emigranten spannt die Musik als Utopien fördernde Kraft ein. Genau wie Powers erzählt man in Lörrach Zeitgeschichte mit der Stimme als einendem Medium und spinnt sie weiter.

»Es war ein doppelter Glücksfall«, erinnert sich Bürgel an die Anfänge. Als der Veranstalter, Journalist und Filmemacher 1993 in das Zollstädtchen kam, fand er einen Ort vor, der noch ein wenig im Windschatten der Kunstmetropole Basel dahindümpelte. Der Bürgermeister war allerdings gerade dabei, eine kulturelle Infrastruktur zu schaffen, die mit dem Burghof, einem Konzerthaus, ihr Herzstück bekam.

Bürgel, der beauftragt wurde, ein Konzept für eine ganzjährige Bespielung zu entwickeln, ging mit dem Sommerfestival gleich noch einen Schritt weiter. » Andere Formen der Musik wurden damals wahrgenommen, Formen, die über unsere Kulturgrenzen hinausgingen, auch andere Arten der Polyfonie, sardische, georgische.«

Die Hinwendung zum Fremden führt auch zurück zum Eigenen

Wie viele ehemalige Jazzfreaks hatte er im aufkeimenden Weltmusiktrend eine neue persönliche Leidenschaft entwickelt: die Vokalmusik fremder Länder. Das Fremde schließlich führte ihn auch wieder zur abendländischen Chorliteratur zurück. Seinen biografischen full circle wollte er nun nach außen projizieren. » Es gab schon damals Festivals im Überfluss, also musste ein besonderer Fokus her. Das war wiederum ein Glück, dass die Idee, Stimmen stil- und kulturübergreifend auszuleuchten, noch niemand beackert hatte, obwohl man diesen global gefärbten Aufbruch im Vokalbereich deutlich spüren konnte.«

Mit Namen wie Johnny Cash, Nina Simone und dem Hillard Ensemble, aber auch mit exklusiver Musik aus Nahost und Asien wurde Stimmen rasch zum Motor fürs Dreiländereck und profitierte nebenbei vom Chic der Weltmusik. Die Spielwiese bekam Länderschwerpunkte, von Skandinavien über Indien bis in die Türkei. Und expandierte schnell trinational: Stimmen-Bühnen standen schon in den Ausstellungsräumen der Baseler Fondation Beyeler, auf der Burg Rötteln, in einem Dominikanerkloster im Elsass, auf dem Domplatz der Juragemeinde Arlesheim und in etlichen pittoresken Parks. Das sieht zunächst nach touristischer Marketingstrategie für die Region aus, hat aber vielmehr mit dem Ehrgeiz zu tun, für jede Stimme ein auf sie zugeschnittenes Ambiente ausfindig zu machen.

Die Vox humana intuitiv, jenseits des Verbalen zu erfassen, diese Herausforderung steckt in vielen Stimmen-Events. » Ein Konzert muss vor allem einen emotionalen Fluss haben. Wir wollen keine Lehrstunden abhalten und Musik erklären, keine wissenschaftliche Veranstaltung für eine Elite, die sich selbst bestätigen möchte«, sagt Bürgel. Bei knapp 40000 Zuhörern aus allen Schichten setzt man auf Breitenwirkung, gruppiert traditionelle Klänge aller Kontinente zu Interpreten der aktuellen Charts. Sufi-Rituale, ein Seidenstraßen-Abend oder das Taarab-Orchester Sansibars gehören zu diesem Spektrum genau wie Pink und Pur, Xavier Naidoo oder angesagter Flamenco-Hip-Hop aus Barcelona nicht zuletzt der finanziellen Mischkalkulation wegen.

Denn erst die ermöglicht den Raum für aufwändig inszenierte Utopien, aufgeführt von Künstlern, die ein offenes Sensorium für politische Entwicklungen mitbringen. Schließlich könne Musik doch nicht en dehors de la tempête stattfinden, so Bürgel. Ohne erhobenen Zeigefinger, das ist ihm wichtig, hat man schon Palästinenser und Israelis zu einem gemeinsamen Chorprojekt auf die Bühne geholt, drei Sängerinnen mit buddhistischem, muslimischem und christlichem Hintergrund abwechselnd auf den Spuren dreier Einsiedlerinnen in drei Kirchen singen lassen.

»Niemand soll von der Bühne herunter missionieren. Ich setze auf die leise Wirkung. Gesang leuchtet, wenn er gut ist, innere Räume aus.« In diesem Geiste initiiert Bürgel dieses Jahr die Begegnung pakistanischer Qawwali-Sänger mit einem Gospelchor Achse der Ekstase versus Achse des Bösen.

In diesem Jahr ist das »andere Amerika« Themenschwerpunkt

Ein plakatives Aufeinandertreffen, das sich als schlüssiger Baustein des diesjährigen Schwerpunktes Das andere Amerika erst beweisen muss.

Mit archaischem wie experimentellem Blues, mit aktuellen Stars des Neo-Soul wie India.Arie, einer Zydeco-Nacht oder Alternativer-Folk-Vertretern will man ein kulturell vielfältiges Amerika abbilden, das Bürgel in den deutschen Medien nicht mehr widergespiegelt sieht. Artist In Residence wird Bobby McFerrin sein, der solo und mit seinem Voicestra wiederum direkt an die imaginäre Kraft des Vokalen appelliert.

Doch man weist nicht nur auf die sanfte, musikimmanente Tour gen USA.

Mit Laurie Anderson und dem auch als Literaturdozent tätigen Sekou Sundiata kommen zwei Performancekünstler, die in komplexen Multimediashows die Frage nach der Identität Amerikas stellen und die Seelenzustände der Ghettos erkunden. Der Wunsch nach dem rein intuitiven Erfassen der Stimme kann hier freilich nicht mehr erfüllt werden: Gesang und spoken word halten sich die Waage. Ein Symposium vertieft die politische Ausrichtung der Stimmen 2007: US-Künstler diskutieren mit Reportern von Le Monde Diplomatique oder Lettre International, die Erfahrungen mitbringen von Orten, in denen Amerika jüngst einen Krieg angezettelt hat. Dazu zählen auch Schauplätze des sozialen Brandschatzens im Innern wie in New Orleans. Ein fünfwöchiger polyfoner Wettstreit von Utopien und Realismen. In Richard Powers Roman hat die Musik letztendlich nicht genug Strahlkraft, um ein rassistisches Klima zu bekämpfen. Im abgezirkelten Raum des Stimmen-Festivals jedoch kann sie sich als Siegerin fühlen, zumindest einen Sommer lang.

www.stimmen.com

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.18 vom 26.04.2007, S.F34
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