Sicherheit Machtlos
In Deutschland fürchtet sich niemand mehr vorm gläsernen Bürger – weil jeder glaubt, dass er ohnehin durchleuchtbar ist.
Der Bundesdatenschutzbeauftragte hat anlässlich der geplanten Vorratsdatenspeicherung gefordert, dass Mobiltelefone künftig nur noch mit einem Warnhinweis auf der Rückseite verkauft werden dürfen. Er soll lauten: »Achtung. Die Verbindungen, die Sie mit diesem Gerät herstellen, können gegen Sie verwendet werden.«
Haben Sie diese Nachricht einen kurzen Augenblick lang geglaubt? Ja? Kein Grund, sich zu schämen. Sie waren bestimmt nicht der oder die Einzige.
In Wahrheit ist Peter Schaar freilich weder ein Märchenerzähler noch ein Hysteriker. Er sammelt Daten über die deutsche Datensammelei, zwecks jährlicher Berichterstattung. Und vielleicht ist das auch schon das Beste, was sich über seinen aktuellen Report sagen lässt: dass mit Schaar tatsächlich noch ein Sterblicher imstande ist, den Augiasstall staatlicher Speicherwut auszumisten. Löblich ist es, mit welcher Akribie Schaar Verstöße gegen den Datenschutz notiert. Und vergeblich.
Seien wir ehrlich. Es fürchtet sich niemand mehr vorm gläsernen Bürger – weil jeder glaubt (und sei es zu Unrecht, siehe oben), dass er ohnehin durchleuchtbar ist. Die Vorstellung vom Staat, der nur das vom Bürger weiß, was dieser freiwillig preisgibt, ist so passé wie ein Ostermarsch. Damit ist der Schaden, den der Datenschutz verhindern wollte, angerichtet. Wer sich überwacht fühlt, wird scheu und konform, traut sich nicht mehr aufzumucken. Und gegen Gefühle ist selbst Herr Schaar machtlos.
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- Datum 25.04.2007 - 12:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
- Kommentare 7
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mehrere Handys, viele E-mailadressen, viele virituelle PC's sollen sie sich doch an zu vielen Daten verschlucken. Denke ein einelner Nutzer verschiedener Kummumikationsmittel kann durchus mehrere Staatzies-Auswerter beschäftigen., Widerstand ist nicht sich zurückzuziehen, sondern in die Datenoffensive zu gehen.
brauchen wir SIE liebe Medien, um dieses Land aufzuklären und vorallem wachzurütteln!!!
Mit der Möglichkeit standardmässig Laufwerke zu Verschlüsseln und der Absage an die Briten eine Backdoor einzubauen hat Microsoft mit Vista den Staatsschnüfflern schon mal einen grossen Brocken in den Weg gelegt. Was ebenfalls weg muss, ist die Plaintext-Eingabe von Passwörtern (wg Bundestrojaner) und die unverschlüsselte Übertragung von Emails (wg Vorratsdatenspeicherung).
Profis hängen eh an die Verschlüsselungskette vorne und hinten noch was dran und sind selbst für die engagiertesten 'Forensiker' ausser Reichweite.
Juristen stellen die größte Berufsgruppe im Bundestag. Wir sollten mal Leute wählen, die kein finanzielles Interesse an immer mehr Gerichtsverfahren haben. J.S.
Ich fürchte, Herr Bitter, man könnte sich an dieser Stelle mit Ihnen gut darüber streiten, wer zuerst da war: das Huhn oder das Ei.
'Wer sich überwacht fühlt,' schreiben Sie, 'wird scheu und konform, traut sich nicht mehr aufzumucken'. Was wäre, Herr Bitter, wenn Sie die Ursache des Problems mit dessen Wirkung verwechseln? Wer scheu und konform ist und sich nie selber wehrt, der freut sich, wenn andere ihm Sicherheit im Tausch gegen seine Konformität bieten. Wer weiß schon, ob der Datenschutz in Deutschland überhaupt je eine echte Chance hatte. Der Schaden jedenfalls, den er verhindern sollte, ist meiner Meinung nach wesentlich älter, als alle deutschen Datenschutzregelungen zusammen. Mag sein, dieser Umstand ist bei der Installation des Gesetzes ganz einfach übersehen worden. Man übersieht ja häufig etwas, wenn man voll guten Willens ist, selbst in der Demokratie. Gerade da.
In einem Punkt allerdings gebe ich Ihnen Recht: Gegen die Gefühle fremder Leute ist selbst Herr Schaar machtlos. Der Mensch kann allenfalls die eigenen Emotionen beherrschen und das ist schon schwer genug.
Das war schon immer so. Wer sicherheitspolitisch in den Augen der Bundesbürger etwas gelten will, der muss regelmäßig Aktionen vorweisen. Schäuble legte nun in schwarzer Schrift mächtig vor, Wiefelspütz darf mit roter Tinte etwas abstreichen und anmerken. Am Ende freuen sich beide an ihrer politischen Bedeutungserhöhung und an schönen neuen Sicherheitsgesetzen.
An dem allgemeinen bürgerlichen Grundsatz, unbedingt immer Sicherheit vor Freiheit, ändert auch die freie Presse wenig. Denn die Risikofantasien verkaufen sich erheblich besser als jede Mahnung und Warnung vor zuviel Schnüffelei.
Ihnen, Herr Bittner, trotzdem Dank für einige
nachdenkenswerte Sätze.
sowohl historisch als auch logisch kommt zunächst die gesellschaft, dann der staat.
wir haben also die absurde situation, daß das ei die henne vergewaltigt.
gönnen wir uns ein rührei.
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