Tanz Kopfüber in die Zukunft
Nirgends ist das Tanzen so politisch wie in Israel. Ein Besuch bei den Avantgarde-Choreografen Emanuel Gat und Ohad Naharin, die im Mai nach Wolfsburg kommen.
Auf der Fahrt zur Preisverleihung, gleich in der ersten Kurve hinterm Kulturzentrum, gibt es den obligatorischen Knall, den man aus tausend Nahostreportagen kennt. Ein blechernes Krachen, als ob Metall auf Stein schlägt. Ein hartes Intifada-Geräusch, das in der menschenleeren Gasse verhallt. Unser Kleinbus gerät ins Schlingern, aber am Steuer der Preisträger bleibt unbeeindruckt. Emanuel Gat, der eben von einer Probe kommt und nachmittags im Stadtteiltheater Duhal im Süden Tel Avivs einen der höchsten israelischen Kunstpreise entgegennehmen soll, schaut kurz über die Schulter, ob alle Passagiere wohlauf sind. Seine Mutter, seine Frau Yifat, die fünf Kinder. Dann parkt er vorsichtig auf dem Bürgersteig und ruft für die Familie ein Taxi. Später wird er das rechte Hinterrad wechseln, das in der Kurve gegen einen losen Bordstein geschlagen ist.
Wer als Westeuropäer die gängigen Fernsehberichte vom Nahostkonflikt im Kopf hat, muss sich erst daran gewöhnen, dass es in Israel manchmal ganz harmlos knallt. Dass hier nicht ständige Angst die Menschen beherrscht, sondern umgekehrt. Und dass die Künstler normale Künstlersorgen haben. Wie finde ich eigene Ausdrucksformen? Die Frage beschäftigt den 37-jährigen Gat, anders als viele Choreografen seiner Generation, rein praktisch, nicht theoretisch. Seine Stücke sind endlose Bewegungsströme, fließende Wechsel von Gesten, Wendungen, Körperbildern. Wenn jemand die starre Ästhetik der Ballettposen auflöst und die lähmende Einflussangst des antiklassischen Tanztheaters überwindet, dann er. Statt über die Bürde der Tradition zu klagen und sich in der Nische der Tanzverweigerung zu verkriechen, stürzt er sich kopfüber ins Experiment. Für diesen Mut wird er im Ausland als Shootingstar, zu Hause als Messias einer wiedergefundenen Zukunftsgewissheit gefeiert.
»Es gibt für mich keine Sackgassen«, sagt er im Taxi, das uns zum Duhal-Theater bringt, vorbei an schäbigen Bolzplätzen und halb demontierten Straßensperren, »weder in der Kunst noch in der Politik. Wir als Besatzungsmacht könnten besetzte Gebiete zurückgeben. Wir können Friedensangebote machen, die die Palästinenser nicht machen können. Es hat ja keinen Zweck, andere Menschen anzuklagen, dass sie auf ihrer Position beharren, man muss sich selbst bewegen. Je länger man sich nicht bewegt, desto schwerer wird der nächste Schritt.« Nie so lange zögern, bis das Zögern Macht über uns gewinnt – das ist das choreografische Prinzip, mit dem Gat in New York, London, Paris reüssiert. Wegen seines kahl rasierten Schädels wirkt er soldatisch, doch er schafft feinsinnige Körperkonzerte, in denen die Tänzer wie Töne schweben.
Dynamisches Körpertheater und wilde Trainingsmethoden
Emanuel Gat, Sohn sephardischer Juden, wollte eigentlich Dirigent werden, spielte Cello und war Wettkampfsurfer, bevor er mit 23 Jahren extrem spät zum Profitanz kam. Mittlerweile kann er ein eigenes Ensemble vorweisen. Er gehört zu einer wachsenden Gruppe jüngerer israelischer Künstler, die auf den ersten Blick unpolitisch wirkt, aber ihren euphorischen Freiheitsbegriff von den grenzenlosen Gestaltungsmöglichkeiten der Kunst direkt auf die Politik überträgt und sich weigert, das Dilemma eines inmitten der arabischen Welt gegründeten jüdischen Staates zu sehen. Gat verkörpert ein pazifistisches Israel jenseits der Terrormeldungen, das überdurchschnittlich kreativ ist. Bei nur sieben Millionen Einwohnern besitzt das Land momentan gleich drei Weltklasse-Ensembles für zeitgenössischen Tanz, die der Sparte als Avantgarde voraneilen: Rami Be’ers Kibbutz Contemporary Dance Company, Ohad Naharins Batsheva Dance Company und die zwölfköpfige Truppe Emanuel Gats.
Alle drei besitzen eine Dynamik, die in Europa fehlt. In Israel konnte die Non-Dance-Mode, die fürs hiesige Tanztheater so prägend war, nie Fuß fassen. Vielleicht liegt es an der psychischen Verfassung der Choreografen: Wessen Existenz bedroht ist, der braucht keine dekonstruktivistischen Spielereien. Wer Bombenanschläge fürchten muss, fürchtet sich nicht vor der kreativen Übermacht toter Tanzheroen. Wenn Gat und Naharin Anfang Mai gemeinsam beim Festival Movimentos in Wolfsburg gastieren, hat das keine politisch-inhaltlichen, sondern ästhetische Gründe. Nachdem im vergangenen Jahr schon Rami Be’ers Company bei Movimentos auftrat, wird Gat einen dreiteiligen Abend uraufführen, dessen zentrales Stück den Titel trägt: Alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort ohne sich zu verletzen.
- Datum 26.04.2007 - 07:04 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
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