DIE ZEIT: Sie wohnen hier in Straßburg wieder im selben Haus, in dem Sie bis zum frühen Tod Ihres Vaters aufgewachsen sind. Mit welchen Gefühlen sind Sie in der Stadt?

Tomi Ungerer: Ich habe immer sofort Heimweh nach Irland, wo ich ja normalerweise lebe. Ich bin in den letzten drei Jahrzehnten ein echter Ire geworden, aber hier in diesem Haus zu sein bedeutet viel für mich. Straßburg ist eine Rückkehr in die Vergangenheit, Irland so was wie eine Rückkehr in die Zukunft. Ich pendle zwischen beiden hin und her. Die Gegenwart ist nur eine dünne Membran zwischen Vergangenheit und Zukunft, aber sie ist das Wichtigste. Der Moment jetzt, dieses Interview zum Beispiel. Sind Sie eigentlich sicher, dass Ihr Tonband wirklich funktioniert?

ZEIT: Zumindest dreht sich da was.

Ungerer: Einmal habe ich ein dreistündiges Interview gegeben, und es war nichts drauf. Die arme Frau.

ZEIT: Mit zwanzig sind Sie nach Lappland getrampt, 1952 waren Sie Soldat in einem französischen Reiterkorps in Algerien. Bereits als Elfjähriger haben Sie in einem Schulheft prophezeit: »Ich werde der Wanderer sein.«

Ungerer: Ist es nicht komisch, dass man als Kind schon so viel weiß?

ZEIT: War Ihnen das Elsass damals zu eng?

Ungerer: Ich wollte vor allem weg aus Frankreich. Die Franzosen haben hier nach dem Krieg einen kulturellen Mord begangen, und die Elsässer waren nicht stark genug, um sich zu wehren. Ich bin später zurückgekommen, um meinem Land den Franzosen gegenüber wieder ein bisschen Stolz zu geben, und das ist mir auch gelungen. Nicht allein, man macht nichts allein auf dieser Welt. Früher habe ich immer gesagt, das Elsass ist wie eine Toilette, immer besetzt – das kann ich heute nicht mehr behaupten. Ich glaube, noch vor 15 Jahren war es verboten, in Schulen Deutsch und Elsässisch zu unterrichten, aber die Zeiten sind vorbei. Man muss für etwas kämpfen können im Leben. Und überhaupt ist mir eine Barrikade im Leben lieber als ein Stau auf der Autobahn.

ZEIT: Bei aller Wanderlust: Ist es für einen Künstler wichtig, Wurzeln zu haben?

Ungerer: Aber ja, die Energie kommt durch die Wurzeln. Ich wäre nicht, was ich bin, wenn ich nicht Elsässer aus dieser bestimmten Generation wäre. Schon dieser Zorn, diese Unsicherheit: Bin ich Deutscher? Bin ich Franzose? Ich bin froh, diese Unsicherheit in mir zu haben – besser so als arrogant. Wenn ich eine Zeichnung mache oder einen Text schreibe, muss man mir zehnmal sagen, ja, das ist okay, das ist gut, bevor ich daran glauben kann. Ich war aber schon immer so ein ungläubiger Thomas: Als kleiner Junge habe ich noch gebetet, den Glauben zu haben, aber er kam nicht. Seitdem glaube ich an den Zweifel.

ZEIT: Gibt es Dinge, an denen Sie nicht zweifeln?

Ungerer: Bei Sachen wie Gewalt und Faschismus zum Beispiel hat man keine Zweifel, das ist einfach schlimm und muss bekämpft werden. Obwohl selbst die schlimmsten Systeme ihre guten Seiten haben. Im Kommunismus und sogar unter Hitler gab es gute Sachen. Ich habe in der Nazizeit gelebt und gelitten, aber das Schulsystem war damals ganz anständig. Man kann von allem lernen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin Pazifist und bekämpfe den Faschismus, aber mit der Technik von Herrn Goebbels. Goebbels war der beste Kommunikationsfritze, den es je gegeben hat, das Hakenkreuz war faszinationsmäßig mehr als Coca-Cola. Wenn man etwas bekämpft, dann am besten mit den Waffen des Feindes – man dreht alles wieder um.

ZEIT: Zum eigenen Vergnügen singen Sie deshalb auch gerne mal ein Nazilied.

Ungerer: Da sind tolle Sachen dabei. Siehst Du im Osten das Morgenrot? / Ein Zeichen zur Freiheit, zur Sonne! Das wurde zwar unter den Nazis geschrieben, ist für mich aber trotzdem ein schönes Lied: Als Frühaufsteher sehe ich nämlich jeden Morgen die Sonne aufgehen. Wenn man wie ich durch die Nazi-Gehirnwäsche gegangen ist, kriegt man das außerdem nicht mehr raus. Nur schäme ich mich nicht dafür. Ich singe aber auch die Internationale und Lieder von Freddy Quinn. Bei mir wird immer gesungen.

ZEIT: »Kraft durch Freude«?