Kunstfestival Schwimmwesten für Kühe
Während des Berliner Festivals Designmai zeigen die Gestalter der Hauptstadt, was sie alles können – und welche Produkte in Zukunft überlebensnotwendig sein werden.
Berlin ist eine Designstadt. Das behaupten nicht nur einige der hier lebenden Designer, weil sie an die Kraft der Selffulfilling Prophecy glauben, das hat 2006 auch ganz offiziell die Unesco bestätigt und der Stadt den Titel »City of Design« verliehen. Mitverantwortlich dafür ist wohl auch der Designmai, jene jährliche Leistungsschau, die 2003 von einigen Berliner Gestaltern initiiert wurde. Inzwischen ist das Festival eine echte Institution, samt Geschäftsführerin und Direktor, die nun ganzjährig im Schinkelschen Postfuhramt von Mitte arbeiten.
Letztes Jahr hatten die Organisatoren versucht, in einer Halle auf einer städtischen Zentral-Brache die »Designcity« nachzubauen. Heraus kam eine Messepräsentation, die eher einer Schrebergartensiedlung ähnelte, in der sich niemand über den eigenen Vorgarten hinauswagt. Nun kehrt der Designmai glücklicherweise zum bewährten Konzept der ersten Jahre zurück: Die Designer bleiben an ihrem Arbeitsplatz in der Stadt, hängen eine freundliche grüne Fahne auf die Straße und laden so zum Besuch in das Büro, den Laden oder die Werkstatt.
Zudem greift eine zentrale Ausstellung das Thema des Festivals auf: Im zwischengenutzten »Möbelland«, einem ehemaligen Einrichtungshaus, wird gezeigt, was »Digital Ability« ist, wie Designer digitale Technologien in Entwurf, Produktion und Kommunikation nutzen. Dabei können absonderliche Experimente zur Formfindung herauskommen, etwa die Blumenvase Pollinosis, für die der Niederländer Marcel Wanders einen 3-D-Scan der beim Niesen umherfliegenden Tröpfchen vergrößert und in Kunststoff gegossen hat.
Vorgestellt werden aber auch Neuerungen aus der Gadget-Industrie, zum Beispiel Laufschuhe, die die Schrittgeschwindigkeit des Trägers messen und sie seinem MP3-Player mitteilen. Und die ersten Möbel, die mit neuartigen Technologien produziert wurden, darunter Patrick Jouins Stuhl Solid C1, ein komplexer Faltenwurf aus transparentem Kunststoff. Jouin verwendet die Rapid-Prototyping-Technologie, ein Verfahren aus dem Modellbau, das sich gerade zur Produktion von Kleinserien durchsetzt. Dabei wird ein Objekt aus flüssigem oder pulverisiertem Material von der Maschine in horizontalen Schichten aufgebaut, es wird dreidimensional »ausgedruckt«.
Die stilistische Vielfalt und technische Perfektion des international anerkannten Designs aus der Ausstellung wird der Besucher beim Rundgang durch die Büros mit den grünen Fahnen seltener antreffen. Von den knapp 1500 in Berlin ansässigen Designfirmen nehmen etwa 70 am Designmai teil. Was sie zeigen, hängt oft nur lose mit dem Festivalthema zusammen, auch in diesem Jahr gibt es wieder zahlreiche produktgewordene Scherze: einen Taschenrechner mit Blankotasten ohne Zahlen etwa oder eine Glühbirne, die so aussieht, als sei sie schon kaputtgegangen. Manch anderes bleibt überhaupt Experiment und mag wohl ein wenig introvertiert wirken; doch kennzeichnen gerade diese Arbeiten von Möbel Horzon, Redesigndeutschland oder der Zentralen Intelligenz Agentur die »City of Design«. Der Designmai hatte immer schon ein wenig den Charme von Jugend forscht. Er ist keine Verkaufs-, sondern eine Aufmerksamkeitsmesse.
Das erklärt auch, warum für die Ausstellung der Designmai Youngsters in der Treptower Arena fast dreimal so viele Bewerbungen eingingen wie für den etablierten Teil des Festivals. Man hat sich – voll jugendlicher Dissidenz gegen die vermeintlich Großen – die »Digital Inability« auf die Fahnen geschrieben. Aber das Motto sei eigentlich nicht so wichtig, sagt Youngsters-Organisator Jörg Suermann. Seine Schau gebe einen Überblick über das, was die Berufseinsteiger so machen. Schwimmwesten für Kühe zum Beispiel. Die werden »spätestens 2047 überlebensnotwendig sein«, argumentieren die Designer Karsten Guth und Nils Volkmann. Bisher existieren sie, wie so viele der spannenderen Entwürfe dieses Festivals, nur als Konzept. Hilfreich könnte für die Berliner Designer deshalb das Designmai-Symposium sein. Dort wird unter anderem Adrian Bowyer sein Forschungsobjekt »RepRap« vorstellen, einen Rapid-Prototyping-Drucker, der sich selbst ausdrucken kann – und sicherlich auch Schwimmwesten.
Von 12. bis 20. Mai; www.designmai.de
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Serie -
- Quelle DIE ZEIT, 29.04.2007 Nr. 18
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