AufstrebendRaus aus dem Abseits

Der deutsche Posaunist Nils Wogram ist eine der großen Hoffnungen des europäischen Jazz. von S. Hentz

Das Abseits ist ein Dorf in der Nähe von Braunschweig: freiwillige Feuerwehr, Schützenfesttrophäen an Häusergiebeln, eine Wirtschaft. Einige Hundert Einwohner, ein Fußballplatz, ein Neubauviertel, stündlich ein Bus in Richtung Stadt, am Wochenende seltener. Wer im Abseits aufwächst, ist auf das angewiesen, was er vorfindet. Auf den Fußballverein im Ort, die Plattensammlung des Vaters, Musikinstrumente im Haus. Das Abseits verstärkt sich selbst, es macht einsam, doch ermöglicht es Konzentration. Und manchmal löst es Sehnsucht aus nach einem Punkt, an dem das Abseits aufgehoben ist, nach einer Mannschaft oder Band. Das Abseits hat Nils Wogram, Jahrgang 1972, Mittelfeldposition im Fußball, Posaune im Jazz, geprägt.

Längst ist Wogram andernorts zu Hause: geografisch in Zürich, bei seiner Frau und der vier Jahre alten Tochter; geistig in der Welt des Jazz – der lässige Mittdreißiger ist eine der großen Hoffnungen des europäischen Jazz. Ein gefragter Instrumentalist, virtuos, sensibel, diszipliniert; ein selbstbewusster Könner, der es sich leistet, Angebote rigide nach eigenen Maßstäben zu bewerten. Und die stehen quer zum alltäglichen Jazzgeschäft. Nils Wogram ist kein Mann für zarte Hintergrundbespielung verwelkter Gesangstalente oder für exzentrische Projektideen, mit denen die diversen Jazzfestivals versuchen, Aufmerksamkeit zu ergattern. Da kann sich Nils Wogram schon einmal in Rage reden. »Es gibt diesen Wahn der Veranstalter, die sagen: ›Du darfst auf meinem Festival spielen, aber denk dir mal ein richtig tolles Projekt aus.‹ Dann wühlst du in deinem Hirn und denkst dir irgendwas aus – das kann funktionieren, es gibt ein paar Proben und ein Konzert, und alle sagen: ›Danke, war gut bezahlt – und ciao.‹ Mich faszinieren dagegen Bands, die lange zusammen bleiben und eine einzigartige eigene Sprache entwickeln.«

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Solche Bands zu gründen und lebendig zu halten, zwei, drei, viele Bands, das ist seine Art, die Bands sind seine Inseln der Gemeinsamkeit im Abseits des Jazzbetriebs. »Diese Konzentration auf die Bands ist ein klares Statement. Ich will nicht mitmachen bei diesem verlogenen Stargast-Theater.« Der Spielmacher Wogram schafft dabei eine bemerkenswerte Kontinuität: Mit dem aus Russland stammenden Pianisten Simon Nabatov spielt er seit zwölf Jahren zusammen, seit zehn Jahren im Duo; das Quartett Root 70 entstand im Jahr 2000, die Spuren seines Septetts lassen sich fast genauso weit zurückverfolgen, und auch das Nostalgia Trio mit dem Keyboarder Florian Ross an der Orgel existiert seit 2003. So verschieden diese Bands auch klingen, eine gemeinsame Grundidee ist nicht zu überhören. Mit großer Sorgfalt und klangmalerischer Sensibilität entwirft Wogram streng strukturierte Kompositionen voller Querverweise und Anspielungen auf Folklore, klassische Kompositions- oder Montagetechniken, auf Rhythmen oder harmonische Wendungen aus der Pop- oder Jazzgeschichte, auf deren Schwingen die Solisten ihre Stärken ausspielen können. »Jede Band hat ihren eigenen Sound, und alle Bandmitglieder haben ihre Spezialthemen«, sagt Wogram, »und ähnlich wie das Ellington, Mingus und Miles in ihren Bands gemacht haben, will ich die Musiker mit dem, was sie besonders gut können, in neue Zusammenhänge stellen.« Von dieser strukturierten Arbeitsweise mit ihren ausnotierten Komponenten ist es kein großer Schritt zum Arrangement für die NDR-Bigband. »Dieser fette Sound«, schwärmt er, »super Solisten, gute Ideen, eine gewisse Quirligkeit, das ist sehr kreativ.« Doch die Arbeit mit solch einem Tanker ist für ihn nur ein interessantes Zwischenspiel.

Von Kindesbeinen an war Wogram begeistert vom Jazz und von der Posaune. Als er endlich groß genug war, den langen Posaunenzug bedienen zu können, suchte er nach dem besten Lehrer. Der war Posaunist im Staatsorchester Braunschweig, offen für alle Stile und beseelt von Begeisterung für sein Instrument und die Finessen, die den kleinen Unterschied ausmachen. Das Putzen, die Haltung, der Ansatz, die Zugtechnik – Wogram lernte mit der Sorgfalt der klassischen Schule und kam schnell voran. Im Jugendsinfonieorchester der Musikschule spielte er das klassische Repertoire, bei seinem Lehrer hörte er Luciano Berios Sequenza V, eine experimentelle Komposition für Posaune solo, die ihm eine neue Welt auffächerte. Daneben gab es immer noch den Jazz, die Musik, die er aus seines Vaters Plattensammlung kannte, und die Träume von der großen Jazzgemeinschaft in New York, ausgelöst von den zugehörigen Fotos und Covertexten. Da musste er hin. Die Dringlichkeit ist noch heute zu spüren, wenn Wogram über seinen Werdegang spricht.

Die klassische Grundausbildung, das Studium in New York, schließlich die Rückkehr nach Europa, nach Köln, wo Nils Wogram viele der Musiker traf, mit denen er noch heute zusammenarbeitet: Das alles fließt zusammen in seinem Posaunenspiel. Da sind die irrwitzig schnellen Linien der Bebop-Tradition, da ist die rhythmische Standfestigkeit auch in vertrackten Taktgebilden, da ist der wandlungsfähige, dunkle Ton, der zwischen Schmettern, Schmatzen und einem sehr kultivierten Singen changiert, das sich dem weichen Klang der Bassklarinette annähert. Wogram beherrscht die ganze Palette und hat sich eine enorme Ökonomie im Einsatz seiner Mittel erarbeitet. »Am Anfang«, sagt er, »waren Jazz und moderne klassische Musik zwei verschiedene Sachen für mich, das ist dann mehr und mehr ineinandergemorpht, und ich habe viel mit Spezialeffekten gearbeitet, aber je älter ich werde, desto schlichter werden meine Stücke. Ich habe jetzt mehr Ruhe und Mut, auch mal was zu machen, was einigermaßen normal ist.« Damit ist Wogram zwar nicht dorthin gegangen, wo das große Publikum ist, aber das Abseits hat er längst hinter sich gelassen.

Nils Wogram ist in den kommenden Monaten in diversen Ensembles – etwa mit dem Aki Takase Quintet und der Band Root 70 – auf vielen Bühnen zu sehen.

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    • Schlagworte Band | Jazz | Solist | Russland | Braunschweig | Europa
    • Der Autor Diedrich Diederichsen

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