Belletristik Leute, baut auf dieses Land!
Ulf Erdmann Zieglers erstaunlicher Roman »Hamburger Hochbahn« erzählt mal eine andere Geschichte der BRD.
Drei Mal hat er angefangen. »Ich, Thomas Schwarz, bin seit zehn oder elf Jahren Frühstücksdirektor bei…« »Ich, Thomas, bin der Sohn eines Richters aus einer deutschen Kleinstadt…« Und dann: »Mein eigentliches Vorbild ist ein unbekannter Architekt namens Bavendam.« Lebensläufe, um sich amerikanischen Studenten vorzustellen. Versuche auch, weit weg von zu Hause, sich über sich klarer zu werden.
Das Pathos ist weggearbeitet, aber die Leidenschaft bleibt spürbar in jedem Augenblick. Die große Illusion aller modernen Kunst, ins Leben einzugreifen, wird hier, noch einmal, wie als Abgesang beschworen. Der Held glaubt: »Architekt wird man, wenn man zur Kunst keinen Mut hat und Physik auf Dauer zu anstrengend findet.« Der Roman beschreibt aber den Versuch, das, was dazwischen liegt, auszuloten.
Der Anspruch ist hoch, der Einstieg nicht leicht. Deshalb sei gleich erwähnt, dass sich das Buch schon viele Freunde gemacht hat; kaum ausgeliefert, schon schwärmte die Neue Zürcher Zeitung, sonst, bei der Jagd nach Neuheiten, eher zurückhaltend, von einem »hinreißenden Début«. Im Frankfurter Literaturhaus, in dem sich kürzlich der Debütant präsentierte, jubelte der Dichter und Büchner-Preisträger Durs Grünbein derartig ungehemmt, dass selbst die Senioren im Publikum fast ausnahmslos einen Teil ihrer Rente opferten, um ein signiertes Exemplar der Hamburger Hochbahn nach Hause zu tragen. Auf der Kritiker-Bestenliste des SWR sprang Ziegler auf Anhieb an die Spitze. Dieser kleine Anschub mag helfen, die stilistischen Eigenheiten, besonders auf den ersten Seiten, leichterzunehmen. Sprachwitz, glänzende, auch treffend böse Formulierungen, eine umfangreiche Sammlung von Aphorismen bietet das Buch ebenso wie einige Manierismen und erstaunliche Verstiegenheiten.
Aus der Kleinstadt Lüneburg, aus den ersten Freundschaften und den ersten Liebschaften, führt der Weg des Helden bis in den mittleren Westen der USA, nach St. Louis, und immer wieder zurück, nach Lüneburg, Hamburg und Leipzig. Die Perspektive ist ungewöhnlich. Wir sehen die Welt aus der Sicht eines Architekten. Wobei wir, umgekehrt, aber auch sehen, wie sich diese Sichtweise entwickelt. Das heißt: Erst am Ende des Romans schließt sich der Kreis. Der Anfang ist eingeholt.
Der Roman beginnt und endet im Jahre 2002 in St. Louis. Dort lehrt und arbeitet, im Rahmen einer zweimonatigen Gastprofessur an der Washington University, die Hamburger (Installations)Künstlerin Elise Katz. Elise ist dafür bekannt, mit leeren Händen zu kommen, wohin auch immer man sie einlädt. Bei ihrer Abreise hinterlässt sie ein Kunstwerk, entstanden aus dem, was sie an Ort und Stelle vorgefunden hat. In St. Louis soll sie nun aber auch lehren. Für eine Künstlerin, die schon aufgrund ihrer Herkunft den größten Wert auf das Handwerkliche legt, keine ganz einfache Aufgabe. Erstmals ist sie nicht allein unterwegs. Thomas Schwarz, nur noch Tom genannt, ihr Freund und Lebensgefährte, ein Architekt, begleitet sie. Für ihn ist es eine Art Auszeit. Jahrelang hatte er als Detailzeichner gearbeitet (»Ich will nicht noch einmal zweieinhalb Jahre Doppelhaustüren zeichnen«), einiges nebenher geschrieben, über Theorie und Geschichte der Architektur, auch eine Monografie über einen der bekannteren deutschen Architekten der Gegenwart. Vor zehn, elf Jahren wechselte er die Seiten, wurde »Frühstückskellner«, plante und entwarf nichts mehr, sondern organisierte und verkaufte, was in einem großen, bekannten Hamburger Büro entworfen worden war. Er hat gut verdient, glücklich ist er mit seiner Arbeit nicht geworden.
Während Elise nun in St. Louis mehr und mehr in ihrer Lagerhalle verschwindet, die sie sich als Atelier angemietet hatte, gewinnt Tom immer mehr Zeit, über sich und seine Entwicklung nachzudenken, die Hamburger Verhältnisse und seine Lüneburger Jugend, seine Vergangenheit und auch, weil ihm eine Professur an der Washington University angeboten wird, über seine Zukunft.
Es geht um einen Zeitraum von etwa 25 Jahren. Geschichte löst sich in Geschichten auf, wobei nicht die erzählten Episoden, sondern die Entwicklung, die sie bezeichnen, im Vordergrund stehen. Ziegler arbeitet mit einer Art von dichter Beschreibung. Der politische Hintergrund, die gesellschaftlichen Brüche, werden auf diese Weise selten thematisiert und sind dennoch stets präsent. Etwa derart, dass wir die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze regelrecht riechen können – an den penetranten Rauchschwaden von Zweitaktmotoren vor dem Hamburger Rathaus.
Ziegler, als Publizist bekannt geworden, vor allem mit seinen Arbeiten über Fotografie, versteht, erstaunlich für ein Debüt, Reflexion in Handlung umzusetzen. Ein Beispiel aus der Studienzeit: In Braunschweig studiert Schwarz gemeinsam mit seinem ewigen Rivalen, späteren Freund und Weggefährten Claes Philip Osterkamp (CPO) Architektur. Schwarz’ Vorbilder sind nicht die kühnen Erfinder und großen Fantasten des 20. Jahrhunderts. »Mein eigentliches Vorbild ist ein unbekannter Architekt namens Bavendam. Er hat in meiner Heimatstadt einige wunderschöne, gemauerte Bungalows gebaut, die weiß angestrichen sind.« Dieses scheinbar pragmatisch verkürzte Verständnis von Architektur erklärt sich ihm richtig erst an der ländlichen Architektur des amerikanischen Mittelwestens. Er nennt es »vernacular«, gleichsam bodenständig. Ziegler, Jahrgang 1959, zählt zu einer Generation, die den großen Ideologien des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr auf den Leim gegangen ist. Sein Held versteht Architektur als Schaffung von Lebensräumen. Die beiden Braunschweiger Studenten wollen sich deshalb auch eher als Baumeister begreifen. Theorie liegt ihnen fern. Deshalb parodieren sie gern einen Lehrer, der für sie scheinbar abhebt. Doch durch die parodistische Beschäftigung mit der Theorie merken sie plötzlich, dass da etwas dran ist.
- Datum 26.04.2007 - 04:13 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren