Speyer. Martina Tillmann ist fassungslos. »Dass nur zwei Straßen von hier jemand verhungern musste, versteh ich einfach nicht«, sagt die Frau, die für die Speyerer Tafel arbeitet und Lebensmittel an Notleidende verteilt. »Alles an Hilfe wäre möglich gewesen«, ist Martina Tillmann überzeugt, doch »man muss die Hilfe auch annehmen können«. BILD

Sascha K. verlangte nicht nach Hilfe. Sie wurde ihm auch nicht angeboten, denn jene, die hätten helfen können, wussten offenbar nichts von seinen Leiden. Auch nicht die Speyerer Tafel, die nur wenige Fußminuten vom Zuhause des jungen Mannes entfernt liegt. Der 20-Jährige hatte sich vor den Augen seiner Mutter Elisabeth zu Tode gehungert, am Ende soll er zwischen 30 und 40 Kilogramm gewogen haben. Elisabeth K. hatte selbst nicht mehr gegessen und überlebte nur deshalb, weil der Tod ihres Sohnes sie endlich nach Hilfe rufen ließ.

Nur wenige kannten die beiden, dennoch glauben jetzt viele, die Hintergründe ihres tragischen Schicksals zu kennen. »Der Hungertod heißt Hartz IV«, titelte stern-Online in der vergangenen Woche, und die Junge Welt brachte die Mutmaßungen auf die Schlagzeile: »Tod durch Hartz IV«.

Tatsächlich lässt sich nicht bestreiten, dass Sascha und Elisabeth K. Opfer der Hartz-IV-Gesetze wurden. Noch bis Ende 2004 bezogen der lernbehinderte und vermutlich depressive Mann und seine Mutter Sozialhilfe. Der Soziale Dienst der Stadt Speyer kümmerte sich um sie – und so machten sich die Behörden vor Ort regelmäßig ein Bild von der Lebenssituation der beiden.

Doch dann kam Hartz IV und damit auch die Gesellschaft für Arbeitsmarktintegration Vorderpfalz (GfA), die in Speyer lediglich mit einer Zweigstelle vertreten ist. Nachdem Mutter und Sohn sich wiederholt nicht auf Anschreiben gemeldet und Jobangebote abgelehnt hatten, verschwanden sie vom Radar der GfA. Ende vergangenen Jahres wurden schließlich die Hilfeleistungen an beide komplett eingestellt.

Hans Grohe, stellvertretender Geschäftsführer der GfA in Ludwigshafen und zuständig für Speyer, behauptet, seine Mitarbeiter hätten sich um Sascha K. und seine Mutter ausreichend gekümmert: »Wir haben nicht nur bürokratisch gehandelt.« Vielmehr seien im persönlichen Gespräch mehrfach Vereinbarungen getroffen worden, die von den beiden »immer wieder gebrochen« worden seien. Doch inwieweit ist jemand, der sich zu Tode hungert, zurechnungsfähig? Man habe sich auf ein »noch nicht so lange zurückliegendes Gutachten« über die Psyche des Mannes gestützt. Das wurde jedoch vor über fünf Jahren erstellt, Sascha K. hatte da noch die Sonderschule besucht. Eine weitere psychologische Untersuchung war letztes Jahr anberaumt worden.