Lesen 2.0
Es gab einmal eine Zeit, da war die Wirklichkeit nur ein Text - diese Zeit nannte man die Postmoderne, es waren stille Tage im Klischee, der Kalte Krieg warf seine Schatten, und als der Kommunismus fiel und der Kapitalismus seine Gegner, seine Zweifel, seine Fesseln verlor, da kam das Internet gerade recht - mal wieder eine schöne, neue Ersatzwirklichkeit.
Heute würde man eher sagen: Hybridwirklichkeit. Alles ist hybrid dieser Tage, die Autos, die mit Benzin und Strom fahren - die Politik, die links und rechts steuert - und nun auch die Literatur die mehr oder weniger klassisch geschrieben, aber mehr oder weniger unklassisch gelesen wird. Erfinder der Hybridliteratur sind natürlich die Japaner, die schon bei den Autos ganz vorn dabei waren. Und der Toyota Prius der japanischen Literatur heißt Yoshi.
Yoshi hatte vor sieben Jahren noch einen Coffeeshop in Shibuya, dem Hip-Viertel von Tokyo - heute verkauft er seine dunklen, verschlungenen Liebesgeschichten in Millionenauflagen. Der Trick: Seine Bücher sind Handyromane, sie werden in kleinen Lieferungen verschickt, an die 100 Kapitel, über drei, vier Monate hinweg, drei Minuten ist ein Kapitel ungefähr lang, die Zeit eben zwischen zwei U-Bahn-Stationen. » Keitai« heißt diese Art von Mobilromanen, die bis zu 20 Millionen Mal heruntergeladen werden und nun auch ganz oben stehen auf den Bestsellerlisten der Literatur 1.0: Vier der zehn meistverkauften Bücher im Jahr 2006 waren Handyromane, Yoshis Engel mit gebrochenen Flügeln holten sich 1,2 Millionen Japaner in der Gutenberg-Form.
Wer seine Romane aber aufs Handy geschickt bekommen will, muss etwa zwei Euro im Monat bezahlen - dafür erhält man eine Auswahl zwischen Klassikern wie Ryunosuke Akutagawas Rashomon und dem beliebten Mystery-Horror-Love-Mix, der sich bei den meist weiblichen Lesern besonders gut verkauft: 80 Prozent der Keitai-Leser sind Frauen, die die Geschichten abends im Zug lesen und zum Teil, das ist ja die Medienlogik 2.0, selbst schreiben und mit ihren eigenen, anonymen Romanen selbst Erfolg haben. Umgerechnet 60 Millionen Euro setzte die Branche 2006 um, bei 100 Millionen Handys in Japan ist da aber noch Wachstum möglich. » Ich habe ganz neue Leser gewonnen, vor allem Teenager, die noch nie ein Buch in der Hand hatten«, sagt die Schriftstellerin Mica Naitoh, deren erfolgreichster Keitai-Roman Der Liebeshimmel heißt.
Was als Titel natürlich sehr viel positiver klingt als die Versuche deutscher Schriftsteller, die neuen Publikationswege zu nutzen. Klage heißt der Blog, den Rainald Goetz für Vanity Fair schreibt - und Elfriede Jelinek hat für ihren neuen Roman, den sie gerade kapitelweise auf ihrer Homepage veröffentlicht, auch einen doch recht alteuropäischen Titel gewählt: Neid. Aber die beiden sind ja auch Kinder der Postmoderne 1.0.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.18 vom 26.04.2007, S.57
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