Lebenszeichen Männerwelt
Harald Martenstein hat einen Song von James Brown im Ohr
Diese Kolumne handelt von dem leider verstorbenen Soulsänger James Brown, dessen Hit It’s A Man’s World vor etwa vierzig Jahren herausgekommen ist. James Brown war mal beim Zahnarzt. Dem Zahnarzt fiel auf, dass er schlecht aussah, er schickte ihn ins Krankenhaus, bald darauf starb James Brown. O ja, ich behandele auch die schwierigen Themen. In den letzten Jahren habe ich oft über meine gesundheitlichen Probleme geschrieben. Vielleicht habe ich es übertrieben. Im Grunde bin ich ganz gut beieinander. Ich habe zum Beispiel, meines Wissens, keinerlei Probleme mit der Prostata. Ich lese immer: Prostata, Männerproblem Nummer eins. Prostata, Geißel der Ergrauenden. Nicht für mich, Baby.
Ich habe gelesen, dass man bei Prostataproblemen nachts ständig auf die Toilette muss. Ich frage mich, wie all die jungen Frauen, die doch heutzutage in aller Regel Lebensgefährtinnen erfolgreicher älterer Männer sind, mit dieser Sache fertig werden. Das muss doch extrem lästig sein für die Partnerin, dieses ständige Aufstehen eines erfolgreichen Partners. Da ist man doch unausgeschlafen am Morgen. Das ist doch, neben anderem, sicher auch ein Grund dafür, dass so wenige junge Frauen in der Wirtschaft Karriere machen. Ein Teufelskreis! Aber ich bin nicht so, Baby.
Zurzeit bin ich auf Lesereise und fahre viel Zug. Ich kann nicht viel Schlechtes über die Deutsche Bahn sagen, obwohl das eigentlich ein Topos ist. Die Handy-Kolumne. Die Bahnkritik-Kolumne. »Blutrot ging am Horizont die Sonne unter, in der Ferne bellte ein Hund, Großvater zog an seiner Pfeife, Babette hatte einen erfolgreichen älteren Partner, und der Zug war verspätet.« Das sind »Topoi«. Nicht bei mir, Baby.
Allerdings sind in den ICEs häufig die Toiletten kaputt. Da hat der Konstrukteur geschludert. In manchen ICEs funktioniert, meines Wissens, nur jede dritte Toilette. Interessanterweise hängt genau gegenüber von vielen ICE-Toilettentüren ein Werbeplakat, das einen gut aussehenden, Richard-Gere-artigen Mann von schätzungsweise sechzig Jahren zeigt. Der Mann hat kurze, volle graue Haare, eine gertenschlanke Statur, ein ausdrucksvolles Kinn und sensible Augen. Der Bildtext zu diesem Mann lautet: »Entspannt unterwegs. Ohne lästigen Harndrang!« Darunter steht: »Endlich wieder entspannt reisen, ohne ständig ans nächste WC denken zu müssen. Prostagutt forte.« Ich will der Firma Prostagutt, light, medium oder forte, nicht unterstellen, dass sie dem Konstrukteur der ICE-Toiletten etwas zugesteckt hat. Fakt ist, dass in den engen, langen Fluren der ICEs pausenlos zahlreiche Männer hektisch auf und ab gehen, Männer ab vierzig. Sie wirken nicht entspannt. Offenbar müssen sie ständig an etwas denken. Manche telefonieren, vielleicht mit ihren jungen, müden Partnerinnen. Andere lesen das Werbeplakat. Dabei malmen sie mit ihren ausdrucksvollen Kiefern und streichen sich nervös durch das volle graue Haar. Nur ich bin ganz ruhig. Ich summe, total entspannt: »
This is a man’s, man’s, man’s world. Man made the trains to carry the heavy load.
« So viel zu mir, Baby. Und du?
Lebenszeichen 2007:
Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »
- Datum 26.04.2007 - 14:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
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