Tag der Arbeit Viele falsche FreundeSeite 3/3

Wenn’s die Masse macht, wird man nicht wählerisch bei der Kontaktwahl sein. Überzeugungen und was der Starrsinn noch für Folgen kennt, gehören aus dem Kopf geschlagen. »Hinweg mit allen Ecken und Kanten« ist nicht nur ein Gesetz der Aerodynamik im Autobau, sondern auch die Logik der vom Arbeitsmarkt geforderten Flexibilität. Dieses Beliebigkeitsethos des Netzwerkers – wir machen alles und mit jedem – lässt sich auch an einem anderen Schlüsselwort der Zeit ablesen: Allenthalben wird heute »die richtige Einstellung« gefordert, nichts qualifiziert besser, als sich auf andere – Kunden, Kollegen, Partner – und immer Neues einstellen zu können. Bedrohlich wird der Siegeslauf dieses Wörtchens aber, wenn man ein Ohr für dessen kybernetischen Beiklang hat. Einstellungen werden programmiert. Sie lassen sich nach Belieben umstellen. Wenn’s nottut, aber auch abstellen. In dieser Eigenschaft – ein Produkt zentraler und linearer Steuerung zu sein – erweist sich die Einstellung als das Gegenstück zur Auseinandersetzung, deren Ort sie gleichwohl okkupiert.

Am Horizont des Networks zeichnet sich eine postpolitische Affirmationskultur ab, die um Erfolg oder, weicher formuliert, um Anerkennung kreist. Mit jedem Kontakt, aus dem Kalkül geknüpft, daraus Kapital zu schlagen, bejaht und bahnt man sich zugleich den Weg zum Erfolg. Networking heißt: einen Pulk von Personen schaffen, in dem man mitläuft und mitgezogen wird. In der Affirmationskultur reichen sich Arrivierte die Hand und gratulieren sich, dass sie andere abgehängt haben.

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Anders die Auseinandersetzung. Man kann sie nicht auf ein Interesse, den Vorteil, das Spiel von Abhängen und Ankommen, den Lebenslauf um Anerkennung reduzieren. Sie hat nichts zu verlieren, weil sie von einem Geteilten, von einer Gemeinsamkeit, einem Gegebenen ausgeht. Wo man sich auseinandersetzt, hat man den gleichen Boden unter den Füßen. Was zählt, ist »die Sache selbst«, das Unpersönliche. Politik, Wissenschaft und Kunst – leicht zu übersehen, seit man sie auf die Authentizität des Erlebten einzuschränken sucht – sind ihre prädestinierten Felder.

Immer dreht sich die Auseinandersetzung um die Frage, wie man sich entscheiden soll, welcher Option man folgt, welche die richtige, das heißt die beste, und zwar für alle, ist. Networking setzt dagegen auf die performative Logik der Einstellung, die sich alle Optionen offenhält. Womit man sich in einer Hinsicht endgültig entschieden hat: gegen die Sache, für sich, gegen die Sachkenntnis, für die Performance. Daran zeigt sich exemplarisch der Abersinn des modernen Netzwerks. Im Grunde verdient es nicht mal diesen Namen, denn der Networker bildet in seinem Netz gleichsam einen archimedischen Punkt. Alle Kontakte sind auf ihn ausgerichtet. Unautorisierte Querverbindungen zwischen seinen Kontakten sind ihm sogar hinderlich, weil der Vorteil, den er sich von einem Kontakt erhofft, möglicherweise auf andere entfiele. Was sich hinter dem Wort Netzwerk verbirgt, gleicht eher dem hierarchischen, zentralistischen Staatswesen des Absolutismus, keinesfalls aber einem Netz. Ein Netz hängt nicht am seidenen Faden des Einzelnen, ein Netz dient immer einer Aufgabe, die größer ist als die Summe seiner einzelnen Knoten. »Kollektiv« lautet ein altes Wort dafür.

Wo Kollektive sind, herrscht Solidarität. Diesen viel strapazierten Begriff muss man in seiner einfachen, ursprünglichen Bedeutung verstehen, als Gemeinschaftsgefühl. Worauf ist dieses Gemeinschaftsgefühl gerichtet? Auf die Zukunft, könnte man glauben, auf gemeinsame Pläne, Ziele etwa. Solidarität meint aber etwas anderes. Das lateinische solidum wird mit gediegen, zuverlässig übersetzt. Unzerbrechlich, bedingungslos belastbar muss das Gemeinschaftsgefühl sein, damit Solidarität walten kann. Es kann sich deshalb nicht auf eine wacklige Zukunft stützen. Es muss in der Geschichte gesucht werden. Etwas, das schon da ist, ein Gegebenes, eine ursprüngliche Gabe, der man sich verpflichtet fühlt, nur das kann Solidarität verbürgen.

Was genau ist diese Gabe? Erste Möglichkeit: Sie ist nichts anderes als die gemeinsame Geschichte. Daraus leiten sich heute der neue Patriotismus und sein Bemühen ab, das Inventar der Geschichte handlich und verbindlich zu machen, sprich: zu kanonisieren. Das geht einher mit der Rückkehr zu den tradierten Formen geschlossener Netzwerke wie Ehe, Familie, Nation – und dem Supplement des ehrenamtlichen Engagements. Dieser konkreten und partikularen Version der Gabe ließe sich, zweite Möglichkeit, eine abstrakte und universalistische entgegenhalten. Die Gabe als Gründungsgeste: Grundsätze, Grundrechte, Grundeinkommen. Für alle, ganz gleich, wer man ist, woher man kommt, wie lange man bleibt und wohin man geht. Das wäre, frei nach Thukydides, die Geburt der Historie als »Errungenschaft für immer«; aber auch das endgültige Ende des Networkings und seiner »langfristigen Investitionen« – um noch einmal eine Formel zu benutzen, die in vielen Fällen doch nur ein Euphemismus war: für eine fortwährende Zitterpartie auf der freien Wildbahn des Kapitals.

 
Leser-Kommentare
  1. ich finde den artikel sehr gut, bis auf die letzte Seite, wo es um Einstellung und Auseinandersetzung geht. Da gebe ich tilmank Recht, ich finde es wird ein bisschen gezwungen und abgehoben.

    Ich habe auch das Gefühl, dass sich dieses Networking, das ursprünglich ein Begriff aus der Wirtschaft ist, immer mehr auch das Beziehungsverhalten im Privatleben prägt. Die virtuellen Facebooks wie StudiVZ sind nur die Spitze des Eisberges, da wird es offensichtlich ganz lächerlich.

    Die neuen Kommunikationesmittel bieten die Möglichkeit, mit jedem in Kontakt zu bleiben und haben den Weg bereitet für eine neue Oberflächlichkeit. Eine Freundesammelleidenschaft ist entstanden. Dabei geht es nur darum, einen Nutzen für sich selbst zu ziehen: Steigerung des Selbstbewusstseins, Überbrückung von Einsamkeit etc.

  2. Von der freien Wildbahn, die Risiken und Chancen birgt, spricht man ja weniger beim Kapital, das trifft hier aber wohl auch zu, als bei der Partnerwahl. Und es gibt auch einige Arme, die sich, allein auf das Netzwerk des Sozialstaates gestützt, wie in der freien Wildbahn vermehren.
    Wenn wir die freie Wildbahn nun ordnen, domestizieren wollen, wenn wir hier also die Selbstdomestikation perfektionieren, so muss man dies nicht nur beim Kapital, sondern auch bei der Vermehrung tun - es dürfte dazu bei beidem keine Alternative geben. Allerdings ist ein domestiziertes Leben zwar sicherer, aber eben auch etwas reizloser als eines in freier Wildbahn.

    Der Mensch ist (in Kürze wohl) sozusagen komplett zum Zootier geworden.
    Es gibt nun Zootiere, die in dieser sicheren Verwahrung Probleme mit der Fortpflanzung haben. Es könnte sein, die Indizien dafür sind erheblich, dass wir da auch dazugehören.

  3. Kann mir mal einer dieses Soziologen-Geschwafel erklaeren? Ohne 'kybernetischen Beiklang,' bitte, was auch immer dies sein mag? Als ob dieser ganze Networking-Quatsch nicht schon schwachsinnig genug waere, muss nun also auch noch dessen “performative Logik” gedeutet werden.

    Was fuer ein grotesker Intellektuellen-Schwachsinn ...

  4. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet das Networking eine Erfindung frei von Risiken, Nebenwirkungen und der Möglichkeit des Fehlge- bzw. Missbrauchs sein würde, war nie besonders groß. Was immer der Mensch sich ausdenkt muss er über einen langen Zeitraum hinweg mühsam erwerben - auch und gerade dadurch, dass er schmerzhafte Fehler macht. Wer also dem digitalen Netzwerk mehr Vertrauen entgegen bringt, als dessen tatsächliche Leistungsfähigkeit rechtfertigt, lernt was fürs Leben.

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  • Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
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