Sachbuch Die Kunst der Wissenschaft
Die Tierwelt der Maria Sibylla Merian
Sie war nicht irgendein Mädchen des 17. Jahrhunderts, sondern Kind einer gebildeten Frankfurter Handwerker- und Künstlerfamilie. Kupferstecher und Verleger war der Vater Matthäus, und als der starb, Maria Sibylla war erst drei Jahre alt, da heiratete die Mutter den Blumen- und Stilllebenmaler Jacob Marell. Das Mädchen, das so inmitten von wertvollen Büchern, Stichen und Bildern aufwuchs, wurde zu einer der weiblichen Forscherfiguren der Neuzeit, die einem heute vorkommen, als seien sie weniger von gestern als vielmehr von morgen. Von Kind auf Beobachterin der Metamorphose von Schmetterlingen, dann Insektenforscherin, öffentliche Künstlerin der Naturkunde, alleinerziehende Mutter von Töchtern, Familienernährerin seit der Trennung von ihrem Mann, Weltreisende: Maria Sibylla Merian (1647 bis 1717) war unter anderem eine Erfinderin des modernen weiblichen Lebens. Jetzt hat die akribisch in den Archiven gewon- nene biologiegeschichtliche Arbeit von Katharina Schmidt-Loske den Rang dieser Frau, die Künstlerin ebenso war wie Naturwissenschaftlerin, in einem prachtvoll illustrierten Band neu vor Augen geführt. So schön kann eine Doktorarbeit auch sein.
Ein ganzes Jahrhundert vor Humboldt trieb die 52jährige Merian, ihre jüngere Tochter nahm sie mit, biologische Feldforschung in Surinam und machte mit ihrem Werk Metamorphosis Insectorum Surinamensium von 1705 Europa mit diesem Erdstrich bekannt. Schmidt-Loske zeichnet Merians Werk vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Kenntnisse und weist Merians Einfluss auf Forscher wie Carl von Linné nach. Sie analysiert einige der bisher fast unbekannten 160 Aquarelle Merians, die das Album Merians Drawings of European Insects im Londoner British Museum umfasst. Auch Merians Studien der Froschmetamorphose (links ein Aquarell aus dem British Museum) hebt diese Untersuchung hervor. Spinnen, Raupen, Frösche? Wissenschaftskunst! EvT
- Datum 30.04.2007 - 11:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
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