Biografie Väter und Sohn
Martin Dehlis brillante Biografie des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich.
Die Mutter war »ewig unzufrieden«; der Vater, ein »Koloß an Leib und Zorn«, »die große Angstquelle meiner Kindheit« – und »dazwischen ich, ein einziges, einsames Kind«. So steht es in einer um 1937/38 entstandenen Aufzeichnung. In dieser Zeit sitzt der dreißigjährige Sohn in einem Gestapo-Gefängnis. Nach dem Krieg veröffentlicht er einen Aufsatz mit dem Titel Ödipus und Kaspar Hauser. Da ist er noch immer einsam – und immer noch auf der Suche nach einer Frau, die ihm Mutter, nach einem Mann, der ihm Vater hätte sein können. Von einer Frau, die er zur Mutter gemacht und bei der einen Sohn und zwei Töchter vaterlos zurückgelassen hat, ist er bereits geschieden. Jetzt, 1953, wiederholt sich das Drama: Wieder wird er geschieden; diesmal kommen zwei Söhne in ein Schweizer Internat.
Für ihn aber beginnt nun eine Karriere, an deren Ende aus dem ewigen Sohn einer der geistigen Väter der 68er-Generation geworden ist. Die Bücher, die er publiziert, verdichten kollektives Schicksal und individuell Erlebtes. Sie tragen Titel, die zu Schlag-Worten werden: Die vaterlose Gesellschaft (1963); Die Unfähigkeit zu trauern (1967). Ja, von Alexander Mitscherlich ist die Rede. Das zuletzt genannte Buch hat er mit seiner dritten Ehefrau Margarete Nielsen verfasst – die in seiner 1980 erschienenen Autobiografie Ein Leben für die Psychoanalyse ebenso wenig beim Namen genannt wird wie ihre Vorgängerinnen, Melitta Behr und Georgia Wiedemann. Auch seine sieben Kinder bleiben darin auch ohne Namen.
Mitscherlich sei ein Antifaschist der ersten Stunde gewesen. So hat er sich selbst porträtiert. Und so kannte ihn die Öffentlichkeit. Schließlich hatte er sich kurz nach dem Krieg durch eine (gemeinsam mit Fred Mielke verfasste) Dokumentation über die Experimente an Häftlingen und Kriegsgefangenen einen Namen gemacht. Medizin ohne Menschlichkeit: Damit waren die Verantwortlichen für Unterdruck-, Fleckfieber- und andere Versuche gemeint, die vom Dezember 1946 bis zum August 1947 in Nürnberg vor Gericht standen. Mitscherlich hatte an dem Prozess als Beauftragter der Ärztekammer teilgenommen.
Zwei Jahrzehnte später, 1966, sagte er bei einer Feier: »Wir Deutsche haben schreckliche Dinge getan.« – »Wir«? Warum schloss sich Mitscherlich hier in ein Kollektiv ein, von dem er doch ausgeschlossen worden war? »Ist das nicht eine falsche Schuldpose, die dem, der immer im Widerstand war, nur schlecht ansteht?«, fragte René König verstört. Und so zeichnete Mitscherlich sein Selbstbild in einem Fragment: »Ich gehörte der Widerstandsgruppe um Ernst Niekisch an, war Mitinhaber des Widerstandsverlages und dementsprechend ein ›frühes Opfer‹ des Nationalsozialismus.« Daran ist nichts falsch. Es ist aber leicht, daraus falsche Schlüsse zu ziehen.
Die Lektüre der von Martin Dehli mit Hilfe umfangreichen Archivmaterials erstellten, methodisch und stilistisch brillanten intellektuellen Biografie Mitscherlichs hilft dies zu vermeiden. Sie gibt fundierte Antworten, auch auf Fragen, die noch nicht an dessen psychoanalytische Schriften gestellt worden sind. Damit ergänzt sie eine Maxime, die Mitscherlich bei der Feier des – wesentlich seinen Bemühungen zu verdankenden – Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt 1966 formuliert hat. Demnach wäre die »geduldige Selbsterforschung« das »einzig verläßliche Mittel«, das »Glaubwürdigkeit« verschaffen kann.
Ja, das wäre so, wenn es nur den Wunsch nach Wahrheit und nicht noch andere Motive gäbe, die Menschen dazu bewegen, ein Bild von sich zu entwerfen. Erinnerungen dürfen den Selbstwert nicht verletzen – das ist das Geheimnis jeder Neurose und (fast) jeder Autobiografie. Und so kommt der Unterschied zwischen der mythopoetischen Konstruktion, die unserem Wunsch entspricht, und dem Bild zustande, das diejenigen von uns zeichnen, die nicht an unser Selbstwert-, Identitäts- und Kontinuitätsbedürfnis gebunden sind. Mögen sie auch nicht die »reine« Wahrheit formulieren, so bringen sie doch den Mythos ins Wanken, an den wir selbst so gern glauben. Deshalb kann man Dehlis Biografie Leben als Konflikt als bewussten Gegen-Satz zu Mitscherlichs Autobiografie Ein Leben für die Psychoanalyse lesen.
Wer war Ernst Niekisch, dessen »Widerstandsgruppe« Mitscherlich angehörte, der deshalb 1937 verhaftet wurde, was dazu führte, dass er sich später als »frühes Opfer« des Nationalsozialismus auffassen konnte? Niekisch war »Nationalbolschewist«. Als solcher wollte er Hitler rechts überholen. In den von Niekisch geleiteten »Widerstandsverlag« war Mitscherlich 1935 eingetreten. Die Namensgebung des Verlags wie des dort erscheinenden Periodikums Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik bezog sich auf den gegen den Versailler Vertrag gerichteten Widerstand, der deshalb zum »Widerstand« gegen Hitler avancieren konnte, weil Niekisch Hitlers Bereitschaft, sich an Wahlen zu beteiligen, anstatt den gewaltsamen Umsturz der Republik zu propagieren, als »deutsches Verhängnis« interpretierte.
- Datum 25.04.2007 - 10:53 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren