Biografie Väter und SohnSeite 2/2
Mitscherlichs damalige politische Positionen widersprachen dieser Auffassung keineswegs. Dehli fasst seine diesbezüglichen Recherchen so zusammen: »Alexander Mitscherlich arbeitete am Ende der Weimarer Republik und zu Beginn des Nationalsozialismus als Buchhändler und Verleger in einer Stellung, in der er zur Verbreitung von antidemokratischem und rassistischem Gedankengut beitrug.« Und: »Die Frage nach der politischen Verantwortung, die er mit seiner Arbeit als Verleger und mit seiner Unterstützung der politischen Positionen Jüngers und Niekischs auf sich nahm, hat Mitscherlich (nach dem Krieg, Anm. d. Red.) abgewehrt. Er konnte die Auffassungen, die er zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr vertrat, nicht mehr in sein Selbstbild integrieren.«
Mitscherlichs Kontakt zu Ernst Jünger war noch prägender als der zu Niekisch. In Hof, der Stadt, in der sein Vater eine Klebstofffabrik besaß, hatte Mitscherlich eine Nacht mit dem Dichter durchgezecht. Der lud ihn daraufhin ein. Mitscherlich nahm die Einladung an – und ging als »vatersüchtiger Provinzjunge« (wie er in einem Brief schreibt) zu Jünger nach Berlin. Nun gehörte er zum Kreis der Neuen Nationalisten, die den Umsturz der Republik propagierten und einen Staat anstrebten, in dem es keine Klassen, nur noch Volksgenossen geben sollte. Mitscherlich nahm an Aktionen dieser Gruppe teil, darunter an der Störung eines Vortrags, den Thomas Mann 1930 in Berlin hielt und in dem er noch einmal mit beschwörenden Worten die Republik verteidigte.
Nach 1945 trennt sich Mitscherlich von Jünger, dem er nun vorwirft, er habe sich nicht klar und früh genug von den NS-»Idealen« abgegrenzt. Mitscherlich entwirft von sich das Bild des verführten Sohnes. Darauf reagiert Jünger in seinem letzten Brief vom 15. Juni 1946 mit den Worten: »Ich nehme also die geistige Vaterschaft an, die Sie mir zubilligen, und hoffe, daß der Trieb, an mir zum Ödipus zu werden, nicht unüberwindlich werden wird.« Die Trauer um den Verlust der vormaligen NS-»Ideale« unterbleibt auch in Mitscherlichs eigenem Fall. Anstatt den Verlust zu betrauern, verdammt er nun die Ersatzväter Jünger und Niekisch so, wie er den eigenen Vater verurteilt hat. Deshalb darf man die Botschaft seines Buches über die ausgebliebene Trauer, die durch rastlos-manische Aufbautätigkeit ersetzt wird, auch als verdeckte biografische Wahrheit entziffern.
Nun beginnt die andere Hälfte des Lebens . In Heidelberg gründet Mitscherlich – in Zusammenarbeit mit Victor von Weizsäcker, bei dem er 1941 promoviert und mit dessen Hilfe er 1946 habilitiert hat – die erste psychosomatische Abteilung an einer deutschen Universitätsklinik. Im selben Jahr publiziert er seine bereits 1943 fertiggestellte Arbeit Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit. Das Bild des Menschen in der Psychotherapie. Darin finden sich fürchterliche Sätze wie diese: »Aber die Mehrung von Krankheit und bloßem Vegetieren, das alle Kraft zu der Aufrechterhaltung des Daseins verbraucht, erschreckt: Daneben wachsen nun noch Individuen auf, die überhaupt ihre Existenz der Anstrengung, Leben um jeden Preis zu erhalten, verdanken. Auch diese Zahl wächst an, beunruhigend für eine Menschheit, die ihre Gesundheit mit Mühe gegen ihre Morbidität verteidigt.«
In der Neuausgabe der Schrift von 1977 werden diese Sätze ohne Hinweis auf die Kürzung gestrichen. Die hier vertretene Position entspricht einer synoptischen Psychotherapie – und entsprechend lautet auch der Titel der Zeitschrift, die Mitscherlich 1947 ins Leben ruft: Psyche – Jahrbuch für Tiefenpsychologie und Menschenkunde. Der Namenszusatz der Psyche wird 1956 in Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen geändert. Jetzt ist Mitscherlich dort angekommen, wo seither sein Erinnerungsbild steht: im Zentrum der nach 1945 in Deutschland wieder eingebürgerten Psychoanalyse. Sein Nimbus als Autor der Dokumentation des Nürnberger Ärzteprozesses reicht aus, die vertriebenen Psychoanalytiker 1956 anlässlich der Feiern zu Freuds 100. Geburtstag dazu zu bewegen, wieder nach Deutschland zu kommen und hier Vorträge zu halten.
1967 erhält Alexander Harbord Mitscherlich – endlich – einen Lehrstuhl, wenn auch nicht an der medizinischen, so doch an der philosophischen Fakultät der Frankfurter Universität. Er ist jetzt 59 Jahre alt und hat erreicht, was er erreichen musste, um seinen Vätern und Vorvätern gerecht zu werden. Schließlich trägt er ja den Vornamen des Großvaters, der ihn von seinem Taufpaten, Alexander von Humboldt, erhalten hatte; und als Mittelnamen trägt er den Vornamen des Vaters, der Chemiker war wie der Großvater und der Urgroßvater, dem in drei Generationen achtzehn Universitätsprofessoren gefolgt sind. Chemiker wurde Mitscherlich nicht – es sei denn, man wollte Freuds Analogie gelten lassen, wonach der Psychoanalytiker wie ein Chemiker arbeitet, wenn er die Symptome zergliedert und aus ihnen die zugrunde liegenden Triebregungen ausscheidet »wie der Chemiker den Grundstoff, das chemische Element, aus dem Salz«.
Leben als KonfliktSachbuchZur Biographie Alexander MitscherlichsMartin DehliBuchVerlag Wallstein2007Göttingen29,90320- Datum 25.04.2007 - 10:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.04.2007 Nr. 18
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