Ist im Norden alles besser? (3) Angstlust im Sehnsuchtsland

Schweden ist friedlich – und reich dazu. Dennoch fürchten sich die Einwohner: Vor Ausländern. Vor dem sozialen Abstieg. Vor allem aber vor Verbrechen.

Wenn Deutschland um die richtigen Rezepte gegen Arbeitslosigkeit und Bildungsmisere streitet, kommt die Sprache schnell auf den Norden. In Finnland und den skandinavischen Staaten, heißt es dann, gebe es genug Arbeit für alle, wenig Ungleichheit und viele gute Schüler.

1. FOLGE: DÄNEMARK: Wie schafft man Arbeit für alle?
2. FOLGE: FINNLAND: Was ist die Schule wert?
LETZTE FOLGE: SCHWEDEN: Warum hat ein Land ohne große Probleme so viel Angst?

Der Notruf kam am frühen Morgen gegen drei Uhr. Die Nacht in Umeå war ruhig gewesen, ein paar altbekannte Betrunkene, ein paar aufgedrehte Halbstarke, das übliche Nachtprogramm einer Provinzhauptstadt im Norden Schwedens. Fast alle 80.000 Einwohner schliefen, in der Polizeiwache im Ridvägen hielt sich der Notdienst mit starkem Kaffee wach, als der Anruf einging, der Umeå verändern sollte. Seine Freundin sei vergewaltigt worden, rief ein Mann atemlos ins Telefon, zwischen den Birken im Haga-Park. Mitten im Ort.

Es war Sonntag, der 9. Mai 1999. Es war schon hell, die vergewaltigte Frau hatte dem Täter in die Augen gesehen. Der Mann war nicht vermummt gewesen, Anfang dreißig vielleicht, auffallend klein. Er hatte Cowboystiefel getragen und nach Alkohol gerochen. Am Tatort rollten die Kriminaltechniker ihr blau-weißes Absperrband aus. Sie fanden Spuren seines Spermas.

Anzeige

Kommissar Göran Markström, 49, seit fast drei Jahrzehnten im Dienst, war nicht sonderlich besorgt, als er am nächsten Morgen zur Besprechung rief. Markström ist ein massiger Mann in schwarzem T-Shirt und schwarzem Sakko, eigentlich trägt er immer Schwarz. Eine Vergewaltigung also. In Stockholm, 700 Kilometer weiter südlich, redeten sie ja dauernd vom Verbrechen, zumindest seit dem Mord an Olof Palme, dem schwedischen Ministerpräsidenten. Aus Stockholm kamen auch all die Kriminalromane, all die schwarz umhüllten Bücher von Mankell, Edwardson, Nesser, Sjöwall und Wahlöö, die von grausigen Morden erzählten, von einer anderen Welt. Markströms Welt war Umeå an der zerfurchten Küste des bottnischen Meerbusens, eine Region, größer als die Niederlande, und doch mit nur 400 Polizisten ausgestattet. Sie haben hier die niedrigste Kriminalitätsrate in ganz Schweden, 9400 Delikte auf 100.000 Einwohner – halb so viele wie in Stockholm. Nur alle paar Jahre ein Mord, meist ein gewöhnliches Eifersuchtsdrama, schnell geklärt.

Der Kommissar ahnte an jenem Morgen nicht, dass er es mit einem Serientäter zu tun hatte und dass ihn die Verfolgung dieses Mannes sieben Jahre seiner Dienstzeit kosten würde. Vor allem aber ahnte Göran Markström nicht, dass da ein Fall auf ihn zukam, der die Fantasie seines ganzen, nachrichtenarmen Landes gefangennehmen sollte. Dass er selbst am Ende Hauptfigur in zwei Kriminalromanen sein würde. Und dass er die Angst der Schweden kennenlernen würde, ihre Lust am Schauder.

Stig Edqvist hätte Markström vorbereiten können, von Kommissar zu Kommissar, doch die beiden Männer sind sich nie begegnet. Zwischen ihnen liegt eine Tagesreise auf der Europastraße 4, die sich von Süden nach Norden durch Schweden zieht. Als Stig Edqvist nach Stockholm zurückkehrte, war er gerufen worden. Sein Leben lang war er anderen zu Hilfe geeilt, war nach Zypern gegangen als Chef der Militärpolizei im schwedischen UN-Bataillon, nach Bosnien als Ermittler im Auftrag des Internationalen Gerichtshofs. Zu diesem Zeitpunkt dauerten die Ermittlungen in der Mordsache Palme schon elf Jahre an, die leitenden Kommissare hatten sich verbraucht, nun sollte Edqvist die Sache übernehmen.

Der Krieg in Bosnien war gerade vorbei, als Ed-qvist 1997 in seine Heimat flog – und glaubte, in die heile Welt zurückzukehren, die er Jahre zuvor verlassen hatte. Schweden, Sverige, schon dieses Wort, weich wie eine Kuscheldecke. Schweden und sein Wohlfahrtsstaat, ein Sehnsuchtsland in den Augen der Welt. Die Statistiken erzählen bis heute von einem skandinavischen Idyll: Die neun Millionen Schweden haben laut OECD eine der gleichmäßigsten Einkommensverteilungen der Welt. 70 Prozent der arbeitsfähigen Bürger sind erwerbstätig, bei den über 55-jährigen Menschen ist diese Quote doppelt so hoch wie in Deutschland. Schwedische Frauen arbeiten mehr als deutsche – und bekommen mehr Kinder. Die Lebenserwartung liegt bei über 80 Jahren, fast auf japanischem Niveau. Man sucht lange nach Zahlen, die auf soziale Probleme hinweisen könnten, findet dann einen Ausländeranteil wie in der Bundesrepublik – aber in Schweden erreichen Migranten bessere Schul- und Berufsabschlüsse. Das Land mit den wenigsten Einbrüchen in Europa: Schweden. Worüber sollte Stig Edqvist sich Sorgen machen?

Als der Kommissar heimkehrte und die Ermittlungen im Mordfall Palme übernahm, hoffte er, dass diese Aufgabe ihn weniger Nerven kosten würde als die bosnischen Heckenschützen. Aber er irrte sich. In Schweden kursierten zu diesem Zeitpunkt bereits tausend Mordtheorien: Der KGB, Iran, der Mossad, die CIA, Südafrika, die ganze Welt war verdächtig, in den Mord am schwedischen Ministerpräsidenten verstrickt zu sein. Dann wurde der Kleinkriminelle Christer Pettersson angeklagt und verurteilt, in der nächsten Instanz jedoch freigesprochen. Pettersson ist inzwischen tot. Palmes Witwe glaubte in ihm zwar den Täter zu erkennen, aber Pettersson hatte kein Motiv, die Tatwaffe ist verschwunden, nichts lässt sich beweisen. Ein Gericht hat verboten, gegen Pettersson weiterhin zu ermitteln. Wer erschoss 1986 den Sozialdemokraten Olof Palme? Noch heute gehen bei Stig Edqvist jeden Tag Hinweise aus der Bevölkerung ein. Acht Büroräume in der Zentrale der rikspolisen wurden zusammengelegt, damit ein eigener Sicherheitsbereich entstehen konnte: die Aktenkammer Palme. 15 Jahre lang, sagt Edqvist, müsste ein geübter Richter pausenlos lesen, um alle Papiere zu kennen. Stig Edqvist ist jetzt 58 Jahre alt, noch vier Jahre im Dienst bleiben ihm, bis der Mord an Palme verjährt – in Schweden kann Mord tatsächlich verjähren. Der Kommissar sagt: »Ich fühle mich manchmal müde.« Größer als der Mordfall Kennedy ist dieses Ermittlungsverfahren, 500 Ermittler waren anfangs am Werk, jetzt sind es noch zehn. Stig Edqvist wird der letzte sein.

Leser-Kommentare
    • Colon
    • 30.04.2007 um 15:53 Uhr

    Dicht und schön geschrieben, dazu lehrreich für die Diskussion in der Republik der Michel. - Oder: ein Beitrag, wie und warum wir den zunehmend wie Dr.Seltsam auftretenden Minister Schäuble und seinen leicht erregbaren rosa Mitspieler Wiefelspütz sehr ernst nehmen müssen. - Angstlust und Kontrollzwang, verheiratet und beständig auf der Suche nach neuen Paragraphen. Horror vacui innenpolitisch.

  1. 2.

    Mein lieber Mann, die armen Schweden. Aber Rettung ist in Sicht.
    Zieht nach Deutschland. Hier gibt`s nach Auskunft der Politiker zwar auch keine Kriminalität, aber die Zeitungen berichten trotzdem wahrheitswidrig jeden Tag darüber. Ihr werdet euch nicht mehr umsonst fürchten und werdet im Handumdrehen eure Paranoia los.

  2. 'trouble in paradies' ...dass sich auch Skandinavier so langsam umzingelt fuehlen kann ich nachvollziehen.Man wird diese Angst nicht politisch schoen schreiben koennen denn wenn man erst mal das Gefuehl der Sicherheut verloren hat kann man es selten oder garnicht wieder finden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service