Das Radl kommt bei Karl Valentin gar nicht selten vor. Der Herr Wrdlbrmfd eiert darauf durch München, mit Gummiballhupe statt Glocke, die aber auch nicht geht. Macht nix: »Ich spreche dazu. Wenn ich ein Zeichen geben muß, sage ich ›Obacht!‹.« Ein anderer Zweiradler kollidiert mit Liesl Karlstadt, »Sie narrrisches G’wachs, Sie!«, und zerfetzt ihr das Gewand. Schmerzensgeld? »Ham Sie vielleicht an Eahnern Rock Schmerzen?« Legendär war sein spilleriges Bühnenrad, um welches geknotet er einem übergroßen Insekt ähnelte. Auf den Spuren Valentins - Eine Bildergalerie BILD

Valentins berühmter »neuer Verkehrsordnung« (am Montag nur Radfahrer, am Mittwoch nur Droschken, am Samstag nur Bierfuhrwerke…) wollen wir aber nicht folgen. Nein, heutzutage muss der Sonntag der Tag für die Radler sein. Ein Sonntagmorgen im Frühling, ohne Berufsverkehr und workaholischen Umtrieb, die saturierten Neumünchner Singles allesamt noch in ihren Daunen – da schlägt das Stadtradeln auf Karl Valentins Spuren jede Landpartie. München gleißt und blendet im scharfen, südlichen Licht, die Fassadenfarben wetteifern mit den Pastelltönen des lenzlichen Blühens – bloß dass es schon wieder viel zu heiß ist für einen Apriltag, das hätte den notorischen Angstneurotiker, Schwarzseher und Apokalyptiker Karl Valentin hochgradig verstört. Er wurde schon bei jedem Föhneinfall depressiv – nicht vorzustellen, in welche Panikzustände ihn die Aussichten des Klimawandels gestürzt hätten…

Zu seinen Lebzeiten, von 1882 bis 1948, war die von ihm fast obsessiv geliebte Münchnerstadt, die er möglichst nie verließ, noch nicht so ein Bonbon der Wohllebigkeit und Gefälligkeit, ihr Erscheinungsbild in den heute so populären zentrumsnahen Vorstädten weit ärmlicher und düsterer. In der Entenbachstraße 63 – heute Zeppelinstraße 41 – gleich hinterm Deutschen Museum kam er zur Welt, und vor diesem hell getünchten Biedermeierhaus beginnen wir unsere Radltour. Das Elternhaus, jenseits der Kleinen Isar, steht im Stadtviertel Au, damals eine dicht bevölkerte Vorstadt der kleinen Leute, auch des Elends. Die dem Geburtshaus gegenüberliegende, heute eng bebaute Museumsinsel in der Isar müssen wir uns als die »Kohleninsel« seiner Kindertage, als eine halbwilde Stadtbrache vorstellen mit aufgelassenen Kasernengebäuden und Holzbaracken, sandigen Freiflächen und Hainen – ein Bubenparadies. Das Geburtshaus, jetzt in die Zange genommen von postmodernen Apartmentbauten und verglasten Tiefgarageneinfahrten – weitere »ausdrucksstarke Loft-Architektur bis 305 qm« ist gerade im Entstehen –, war seinerzeit umlagert von Schuppen, Ställen, einer Wäschewiese und Remisen für die väterlichen Möbelwagen: Die Spediteursfamilie Fey (Valentin Ludwig Fey war des Künstlers Geburtsname) erfreute sich gutbürgerlichen Wohlstands.

Der etwas verzogene Junior aber – drei Geschwister waren zuvor an der Diphtherie gestorben – betätigte sich mit seinen grauslichen Streichen und Scherzen als Schrecken der Au. »Da kimmt der rothaarete Fey-Bazi«, gingen Warnrufe durchs Quartier, wenn der langhaxige, dürre Knabe irgendwo zwischen Asam-, Entenbach-, Lilienstraße oder Bereiteranger um die Ecke bog – auf seine üblichen Schandtaten aus: kleine Mädchen an den Zöpfen packen und in die Kniekehlen peitschen, alte Betschwestern in der Mariahilfkirche zum Knäuel verschnüren, Glasscherben auf den Bleichwiesen ausstreuen, um die Blutenden hernach als kindliche »Sanitätskolonne« verbinden zu können – das grenzwertig Sadistische, das später viele von Karl Valentins Erfolgsnummern prägte, war ihm schon in den Auer »Früchtl«-Tagen ein diebisches Pläsier. Dann hieß es »Davonbretschn vor de Greana« – den Gendarmen wieselflink entkommen. Aber auch seine Bühnenleidenschaft entstand in der Vorstadt, die reich an Volkssängerbühnen und Laientheatern war, bis das Kino ihnen den Garaus machte: Die Möbelwagen der väterlichen Firma Falk & Fey dienten als erste Bühne für einen fünfzehnminütigen Faust oder Freischütz. Ein perfekter Gigerl ist der Jüngling Vale später dann geworden, ein Halbstarker im exakt definierten Outfit: weit schlenkernde Hosen, spitze Knopfstiefel, hoher Eckkragen, Zickzackfrisur, so schritt man zur »Frassäh«, dem beliebten Münchner Gruppentanz Française in den rammelvollen Wirtshaussälen.

Die Gaststätten, aus denen der Knabe dem Vater alltäglich einen Krug mit offenem Fassbier heimtrug, Kothmüller, Zur goldenen Ente, Zum Feuerhaus, sind ebenso verschwunden, wie sich der Bäckerladen Ecke Lilienstraße/Kreuzplätzchen, in dem es Bärendreck, Süßholz, Oblatenabfall, Waffelbruch als Schmankerln gab, längst zu einem Backshop gewandelt hat. Im Gründerzeitbau des vormaligen Wagnerbräus haust heute das etwas neobajuwarisch aufgebrezelte Wirtshaus in der Au, ein bunt gemischter, bodenständiger Vierteltreff, wo die Kellner krachlederne Bundhosen und lustige Halstücherl tragen müssen – die historischen Valentinsäle im ersten Stock aber, ihm zu Ehren so benannt, haben viel Jahrhundertwendeflair.

Wir radeln durch die ruhigen isarnahen Wohnstraßen der Au, wo sich ganze Reihen alter Mietshäuser erhalten haben, südwärts bis zur Wittelsbacher Brücke – die windschiefen, feuchten, mit Holzpawlatschen versehenen Herbergshäuser der bitterarmen Arbeiter, Arbeitslosen, kleinen Handwerker sind längst abgerissen. Aber auch heute ist die Au vom Angesagtsein zum Glück noch weitgehend verschont geblieben, noch immer eine mittelständische Wohngegend mit Spenglereien oder Schlossereien in den Höfen, einigen Künstlerateliers, einem experimentellen Tanz- und Performance-Theater in der Entenbachstraße, ein paar verstreuten guten Lokalen wie der Österia in der Taubenstraße, dem Sechziger-Jahre-Café Hüller an der Isar, dem Fisch-Italiener Aquapazza an der Mariahilfstraße. Der beliebte Tatort- Kommissar Udo Wachtveitl wohnt in der Entenbachstraße – damit hat es sich so ziemlich mit dem Glamour.

Das verhält sich jenseits der Wittelsbacher Brücke, an welcher der junge Valentin seinerzeit eine markerschütternde Pulverbombe explodieren ließ, ganz anders. Im heute todschicken Glockenbach-Gärtnerplatzviertel ist er zutiefst unwillig zur Schule gegangen, in die Klenzeschule Ecke Ickstattstraße, einen wohlkonservierten Altbau, woselbst es ihm einzig hinter den hohen Bogenfenstern des Turnsaals beim Stangenklettern behagte. Anstelle der Konditorei Imhof Ecke Klenze-/Fraunhoferstraße, in welcher er eine ganze Horde Freunderln von geklautem Geld aus Mutters Portemonnaie mit Schaumtorte freihielt, steht heute der coole Imbiss Bergwolf. Und zwischen Designer-Fresstempeln namens Eßneun oder Kranz (in der lokalübersäten Hans-Sachs-Straße, Mittelpunkt des längst nicht mehr nur bei der glitzernden Schwulenszene populären Glockenbachreviers), zwischen In-Cafés wie dem Baader, Forum oder Hochhaus, unzähligen Friseuren, Design- und Fashion-Shops hat sich einzig der betagte Fraunhofer traditionelles Wirtshausflair samt Kleinkunstbühne und experimentellem Werkstattkino bewahren können.