Vor einigen Wochen fiel mir ein schwarzer Umschlag mit dem Titel »Grass-Monographie« in die Hand. Er enthält zehn Blätter, auf denen ich mir Notizen für eine Monografie über Günter Grass gemacht hatte. Der junge Dichter und sein Verleger - Günter Grass (rechts) und Klaus Wagenbach, März 1965 BILD

Ich wusste sofort, wo und wann: im Sommer 1963 in einem Ferienhaus der Schwiegereltern von Grass im Tessin. Wir waren damals sehr befreundet, ich war auch einige Jahre sein Lektor. Obwohl Grass zu dieser Zeit schon ein bekannter und in viele Sprachen übersetzter Autor war, existierte noch keine biografische Darstellung. So gab er mir zahlreiche Interviews, ich schrieb mit, und wir kamen, chronologisch, bis 1953. Das Projekt zerschlug sich dann, weil ich kurz darauf als Lektor entlassen wurde und einen eigenen Verlag gründete.

Bei der Lektüre dieser Notizen las ich an einer bestimmten Stelle etwas ganz anderes als erwartet: »Die Majorität der Klasse meldete sich zur Marine (auch G.), kam aber zu den Panzern. G. kam zur Sturmgeschützabteilung eines Panzerregiments. Zuerst Dresden, dann Tschechoslowakei und Lüneburger Heide. Januar/Febr. 45 Marschbefehl zur Kompanie zuerst Schlesien, dann Berlin (Gruppe Steiner, SS.) erster Einsatz, März/April«.

Das heißt: Bis 1963 hat Günter Grass keineswegs verschwiegen, dass er in der SS war, und es ist auch mit Gewissheit keine Äußerung nur mir gegenüber gewesen (die Interviews waren ohnehin zur Veröffentlichung bestimmt), was sich sicher anhand anderer Interviews aus jener Zeit nachweisen ließe, die heutigen Sykophanten haben sie offenbar nicht überprüft. Ja, die journalistische Sorgfaltspflicht…

Bleibt die Frage, warum Günter Grass danach, also etwa seit Mitte der sechziger Jahre, nicht mehr über seine drei Monate bei der SS gesprochen hat. Es waren offenbar zwei Gründe:

1. Bis etwa Mitte der sechziger Jahre konnte sich Grass darauf verlassen, dass – aus Zeit- und Generationsnähe – jeder wusste, was für die Nazis in den letzten Kriegsmonaten nur noch Kanonenfutter war, gleichgültig ob als Flakhelfer, SS oder Volkssturm. Danach konnte sich Grass darauf nicht mehr verlassen, und zwar keineswegs nur deshalb (wie auch Grass hie und da annahm – siehe einige Gedichte in Ausgefragt, 1967), weil unter den Studenten vermehrt glaubensstarke Linkshaber auftraten, die von den Älteren eben jene lupenreinen Biografien verlangten, die sie selbst noch gar nicht haben konnten. Sondern auch, weil in den beiden Jahrzehnten nach Kriegsende andere – erfolgreich – damit beschäftigt gewesen waren, sich aus »Belasteten« in »Mitäufer« zu verwandeln, auch per Gerichtsbeschluss, wie etwa der spätere Arbeitgeberpräsident Schleyer, der als ehemaliger SS-Offizier zu diesem Zweck gleich drei Dienstgrade unterschlug.

2. Erst in den sechziger Jahren (trotz Kogons Buch Der SS-Staat) begann eine größere deutsche Öffentlichkeit die mörderische Rolle der SS in ihrem ganzen Umfang zu begreifen, hauptsächlich durch den charakteristischerweise von einem Emigranten, dem tapferen Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, initiierten Auschwitz-Prozess.

Aber nicht nur durch ihn, sondern auch durch eine Publikation, an der Grass unmittelbar beteiligt war, den sogenannten Stroop-Bericht. Es handelt sich um eine Art Fotoalbum mit dem Titel Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr, in dem der SS-General Jürgen Stroop die Vernichtung des Warschauer Ghettos schilderte. Dieses Dokument, das in Polen entdeckt worden war, erschien dann 1960, durch Vermittlung von Günter Grass und Andrzej Wirth, im Luchterhand Verlag, dem damaligen Verlag von Grass.

Es sind furchtbare, inzwischen in der ganzen Welt bekannte Bilder, und es gehört zu den unverschämtesten historischen Gedankenlosigkeiten des Spiegels (die sich leider häufen), dass er vor wenigen Wochen eines dieser Fotos zur Bebilderung eines weiteren Angriffs auf Günter Grass benutzte, als hätte ein zum Kanonenfutter herabgewürdigter Siebzehnjähriger etwas mit der Vernichtung des Warschauer Ghettos zu tun.

Der dazugehörige Text – von Matthias Matussek, Moritz von Uslar et alii – ist freilich mehr als gedankenlos, er ist eine der vielen Versuche, die moralische Integrität von Personen zu untergraben, indem man ihnen Fehler im schulpflichtigen Alter nachweist. Die Matusseks und Uslars dieser Welt werden nie begreifen, dass sie nicht Enthüller anderer, sondern Verhüller ihrer eigenen Biografien sind und auf eine seltsam windige Art den puristischen Laienpredigern der 68er Jahre ähneln.

Der Verleger Klaus Wagenbach wurde 1930 in Berlin geboren. Nach Lehrjahren bei Suhrkamp und Fischer studierte er Germanistik und promovierte über Kafka, ehe er 1959 Lektor für deutsche Literatur im S. Fischer Verlag wurde. Fünf Jahre später gründete er in Berlin seinen eigenen Verlag, in dem er 1965 als »Quartheft 4« Günter Grass’ »Onkel, Onkel. Ein Spiel in vier Akten« veröffentlichte