Anfangs wollte Wolfgang Kremer nicht glauben, dass sich die Arbeitswelt so verändert hat. Zwölf Jahre lang war er als Lagerarbeiter bei einer Elektronikfirma gewesen. Dann meldete das Unternehmen Konkurs an. »Beim Arbeitsamt haben sie mir damals ausschließlich Zeitarbeit angeboten, das wollte ich nicht«, sagt der 40-Jährige, der seinen richtigen Namen lieber nicht öffentlich macht. Erst als er von herkömmlichen Arbeitgebern eine Absage nach der anderen kassierte, gab er nach: »Ich hatte nichts mehr zu verlieren.« Das ist fünf Jahre her. Bis heute ist Kremer bei demselben Großunternehmen eingesetzt, in das ihn sein Zeitarbeitgeber geschickt hat. Jedes halbe Jahr hat er sich in dem Betrieb um eine Festanstellung beworben. Aber: »In der ganzen Zeit haben sie keinen einzigen Gabelstaplerfahrer übernommen.« BILD Klicken Sie, um die Grafik zu vergrößern

Es kamen immer nur neue Leiharbeiter.

Keine andere Branche boomt in Deutschland so wie die Zeitarbeit. Rund die Hälfte aller neuen Stellen, die im vergangenen Jahr geschaffen wurden, entstanden dort. Gut zwei Drittel davon gingen an Menschen, die vorher keine Arbeitsstelle hatten. Das sagt etwas über die Dynamik dieser Branche, die den Aufbau von Jobs beschleunigt. Aber es sagt auch etwas über die Art des gegenwärtigen Aufschwungs, der in der unteren Hälfte der Gesellschaft bisher kaum Wohlstand entstehen lässt. Jeder achte Vollzeit-Leiharbeiter braucht Unterstützung durch Hartz IV – ein Anteil, so hoch wie in keiner anderen Branche. Deshalb will Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) jetzt auch für diese Branche einen Mindestlohn im Entsendegesetz festschreiben.

Zwischen 1994 und 2004 hat sich die Zahl der Leiharbeiter in Deutschland fast verdreifacht. Seither ließen gelockerte Vorschriften und die gute Konjunktur ihre Anzahl nochmals in die Höhe schnellen: von 400.000 auf 600.000 am Stichtag im Juni 2006. Und Experten glauben, dass sie demnächst die Millionengrenze übersteigen könnte. Auf der Liste der Unternehmen, die 2006 die meisten neuen Jobs schufen, belegen Zeitarbeitsfirmen vier der fünf Spitzenränge, darunter die drei Branchenriesen Randstad, Adecco und Manpower. Wie die Wirtschaftsforschungsinstitute vergangene Woche betonten: Die Zeitarbeit hat erheblichen Anteil am deutschen Aufschwung.

Als Wirtschaftsingenieur ist Sven Hansen heute ein begehrter Mann. »Meine Arbeit bringt mir Spaß«, sagt der 32-Jährige, der lieber unter anderem Namen in der Zeitung steht. Vor eineinhalb Jahren hat er bei Airbus seinen ersten Job angetreten. Doch er ist nicht bei dem Flugzeugkonzern angestellt, sondern bei Adecco. Der Mann zählt zur Elite der Leiharbeiter: Nur drei Prozent von ihnen sind Akademiker, allerdings mit steigender Tendenz. »Ich fand es schon ein bisschen komisch, dort anzufangen«, sagt Hansen. »Normalerweise machen das doch nur Leute, die nirgends fest reinkommen.« Während des Studiums hatte er ein Praktikum bei Airbus gemacht und dort auch seine Diplomarbeit geschrieben. Anschließend wollte er gern bleiben. »Mein Chef war dafür, aber es gab nur eine Möglichkeit: als Zeitarbeiter.«

Aus Überzeugung heuert kaum jemand bei einer der knapp 5000 Zeitarbeitsfirmen in Deutschland an. Manchmal ist es – wie bei Hansen – die einzige Möglichkeit, als Berufsanfänger in einen renommierten Konzern zu kommen. Meistens aber ist es, wie beim Staplerfahrer Kremer, überhaupt die einzige Chance auf einen Job. Wer als Ungelernter heute eine Arbeit sucht, wird oft nur bei der Zeitarbeit fündig. Dort steigt das Angebot für Geringqualifizierte, während es auf anderen Gebieten seit Langem sinkt.