Tierpark Die menschengerechte Wildnis

Wir lieben den Zoo. Für Eisbär und Tiger ist das Leben dort kein reines Vergnügen. Gibt es einen Kompromiss zwischen unserer Schaulust und dem Wohl der Tiere?

Mitte der achtziger Jahre formulierte Gunther Nogge als Zoodirektor in Köln seine Erfolgsphilosophie: »Wenn die Tiere den Leuten leidtun, haben wir etwas falsch gemacht.« Gemessen an den Besucherzahlen, scheinen die Zoos inzwischen alles richtig zu machen. 94 Prozent aller Menschen besuchen mindestens einmal im Leben einen Zoo. Da kann keine Sportveranstaltung mithalten, kein Theater, kein Museum. Tiere und Tierpfleger sind die Stars täglicher TV-Doku-Soaps. Zeitungen dokumentieren penibel jeden Zahnschmerz eines Berliner Eisbärenjungen. Die Medien versuchen vom Kuschelfaktor von Knut und Co. zu profitieren und fördern so auch die Lust des Publikums auf den nächsten Zoobesuch mit dem echten Duft von Elefantenmist und dem Griff ins Bergziegenfell.

Doch lassen wir uns keinen Bären aufbinden. Eisbär Knut droht das Schicksal eines handgepäppelten Neurotikers. Neben anderen Publikumslieblingen wie Elefanten und Affen zählen Eisbären zu den problematischsten Arten für eine Zoohaltung. Knuts wilde Verwandte durchstreifen in den Eiswüsten des Nordens riesige Reviere – millionenfach größer als jedes Gehege. Mit dem Frühlingslicht packt sie ein intensiver Wander- und Jagdtrieb, den sie im Zoo nie ausleben dürfen. Viele Zoos haben daher die Haltung von Eisbären aufgegeben (siehe das Streitgespräch auf Seite 38).

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Noch ist vieles nicht im Lot in modernen Zoos, auch wenn sie sich in den vergangenen Jahren prächtig entwickelt haben. Heutige Tiergärten sind mehr als die Summe ihrer Gehege – künstliche Landschaften, die uns eine Natur erleben lassen, wie wir sie gern hätten: ein friedliches Miteinander unterschiedlichster Erdenbewohner im ungebrochenen Idyll. Kein sichtbarer Überlebenskampf, keine Furcht vor dem Gefressenwerden. Ein Schutzraum von Menschenhand, in dem es allen gut zu gehen scheint, Pflanzen, Tieren und vor allem den Menschen selbst, die im selbst erschaffenen Garten Eden als kleine Götter wandeln.

Zoos präsentierten sich heute »als Treuhänder der Konkursmasse Schöpfung«, schreibt der Publizist Richard David Precht. Erfolg und Geschäft beruhen wesentlich auf der Pflege einer Illusion. Grundmotiv und Rechtfertigung dafür, die Wildnis in die Städte zu holen, lieferte Heini Hediger, 1992 verstorbener Schweizer Zoodirektor, mit einer Art Hippokratischem Eid: Zoos sollen ein Erholungs- und Freizeitraum für Menschen sein. Sie fördern die Bildung in Natur- und Tierkunde. Sie betreiben Natur- und Artenschutz und leisten als wissenschaftlich geleitete Einrichtungen einen Beitrag zur Forschung, vor allem zur Verhaltenskunde.

Diese »Zoo-Verfassung« ist bis heute verbindlich und begleitet den Wandel vom Knast für exotische Kreaturen zur wissenschaftlich gelenkten Arche Noah für bedrohte Arten. Der Besuch mehrerer Tiergärten (siehe die Berichte auf den nächsten zwei Seiten) zeigt: Das Projekt kommt voran. Vorbei die Zeiten, als Tiere in enge Käfige gepfercht wurden zur schnöden Volksbelustigung. Mit erheblichem Aufwand entstanden und entstehen prächtige, dem natürlichen Lebensraum der Tiere nachempfundene Anlagen. Alte enge, zum Teil architektonisch höchst originelle Käfige, Bärenzwinger und indische Tempelchen wurden erhalten und umfunktioniert, dokumentieren anschaulich die Wende zum Guten. Der Image-Wechsel der Zoos vom Knast zur Arche ist geglückt.

Ganz freiwillig war der Wandel nicht. So zwang das Washingtoner Artenschutzabkommen schon 1973 zum Umdenken: Wer weiter Exoten zeigen wollte, konnte sie nicht mehr beim Händler kaufen, sondern musste selbst züchten. Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm, an dem fast alle deutschen Zoos teilnehmen, regelt, welcher Zoo sich zum Beispiel auf Elefanten-, Nashorn- oder Tigerzucht spezialisieren darf.

Natur- und Umweltschützer beschleunigten den Paradigmenwechsel in den siebziger und achtziger Jahren, indem sie dem Laien vorführten, dass es den Wildtieren in menschlicher Obhut nicht gut ging. Verhaltensforscher wie Jane Goodall prangerten das Elend großer Menschenaffen in Gefangenschaft an. Zoodirektor Bernhard Grzimek zeigte seinen Fernsehzuschauern, wie weit das Leben hinter Gitterstäben von jenem in Freiheit entfernt ist. Zoobesucher lernten, dass stundenlanges stereotypes Hin- und Herwiegen des Körpers von schweren psychischen Störungen der Tiere zeugt. Jetzt begannen die Tiere den Menschen leidzutun. Die Besucherzahlen gingen zurück.

Nur unter dem Druck drohender Pleiten modernisierten sich die kriselnden Tierbewahranstalten. Wie aber steht es heute um Hedigers hehre Ziele?

Leser-Kommentare
  1. ja dann ist es an der Zeit ihn zu toeten, um ihm weiteres Leiden zu ersparen!

    Was soll daran schlimm sein, ein Raubtier einfach abzuschiessen!

    Der Knut wird als erwachsener Knut keine Hemmung haben, sich jedes Kind zu schnappen, das mit ihm kuscheln moechte und in brutalster Manier totzubeissen!

    Eisbaeren gehoeren, wenn erwachsen, nicht in den Zoo:

    entweder Arktis oder Kopfschuss!

    Wer anders denkt, ja, der darf sich Tierquaeler nennen!

    Ich habe mich auch an den Bildern gefreut!

    Knut hat ja ein ganz schoenes Leben gehabt, nur bringt ihn um, wenn erwachsen:

    aus Tierliebe!

  2. 2.

    das ist doch absurd...

  3. Zoos sind nicht akzeptabel, das ist Freiheitsberaubung.

    Wie ungebildet und roh ist eine Gesellschaft, die so etwas zulässt?

    Ich fordere grundsätzliche Freiheit für alle Lebewesen.

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