Hamburg: Immer ran ans Fell

Es gibt zwei Großkampftage in der Woche: Sonntag und Mittwoch. Heute ist Mittwoch. Um drei Uhr nachmittags liegen Haufen unbeachteter Möhren zwischen braunen Kötteln. Unverdrossen packen die Kinder Futter aus ihren Tüten und kämpfen um die Gunst der Ziegen. »Nicht jagen!«, ruft ein Vater, dessen Sohn es mit der Zuneigung übertreibt. Ich zähle: 32 Kinder auf 14 Tiere. Hagenbecks Tierpark in Hamburg. Klicken Sie auf das Foto, um zu unserer Bildergalerie zu gelangen© Tierpark Hagenbeck BILD

Im Prinzip wären alle satt, aber der Kampf geht weiter, Mütter schießen Fotos. Ein Mädchen versucht mit gezuckertem Popcorn Appetit zu wecken. Dann hat meine Tochter ihren Auftritt. Aus Erfahrung weiß sie, worauf auch satte Ziegen abfahren: Kopfsalat. Die Tochter erntet neidische Blicke von den Möhrenkindern. Ich verstecke den Stolz. Ein Junge schreit: »Papa, die will meinen Apfel nicht.«

Das Ziegengehege ist Hagenbecks Streichelzoo. Hier sammelt das Kind haptische Erfahrungen, lernt im Körperkontakt mit dem Tier greifend begreifen. Nachmittägliche Zoosendungen sind lehrreich, aber es fehlen die sinnlichen Elemente. Im Zoo riechen wir den Duft von Elefantenscheiße, die Lockstoffe des Tigers, hören Aras ohrenbetäubend disputieren, spüren die Härte von Horn und graben die Finger in tierisches Fell.

Jetzt fließen Tränen. Einen kleinen Jungen hat die plötzlich bedrohliche Nähe von Hörnern und Tierzähnen in Augenhöhe erschreckt. Dass sich eine kleine Ziege jetzt mit ihren Vorderhufen an einer rosa Jacke emporstemmt, findet das Mädchen in der Jacke lustiger als seine Mutter; der Dreck geht nicht ab. Auch an allen Schuhen klebt wahrhaftiger Kot. Das ist Natur.

Ziegen haben gute Nerven, insofern ist Streicheln und Füttern tierethisch kein Problem. Zudem vermögen sich die domestizierten Viecher zu wehren, wenn einer sie an den Hörnern packt. Erstaunlich, mit wie viel Kraft die kleine Zwergziege ihre Waffen aus der Umklammerung windet.

Auch mit Wildgetier dürfen Besucher über Gräben hinweg und durch Maschendrahtzäune in Kontakt treten. Mit nassnasigen Muntjaks, leckenden Zwergzebus. Beliebt sind die Elefanten. Vor Jahren noch verfütterten Familien paketweise Spaghetti. Die Langnudeln hatten den Vorteil, dass ich die Tochter nur so weit über den Zaun heben musste, dass ich um einen Bandscheibenvorfall herumkam. Ich hielt sie den Elefanten entgegen, von der Gegenseite des Grabens langten die Tiere zu. Mit den kurzen Äpfeln ist das schwieriger. Karotten gehen gerade noch.

Heute sind nur noch Obst, Gemüse und das »Original Hagenbeck Tierfutter« erlaubt. An den Kohlenhydraten aus Teigwaren und Brot hatten sich Wiederkäuer – Hirsche, Ziegen, Antilopen – überfressen. Verfettete Elefantenmütter gerieten bei Geburten in Schwierigkeiten. Dann nahm der Tierpark den Kampf gegen die »übernatürliche Erhöhung des Körpergewichts« auf. Dank des neuen Fütterungskonzepts geht es den Tieren heute besser. Nur ab und zu sieht man noch einen Besucher, der nicht lesen kann oder sich darauf beruft, immer schon so gefüttert zu haben.

Ich erinnere mich an mein Entsetzen, als ich erstmals beobachtete, wie ein Junge einem Rüssel eine Münze entgegenhielt. »Frechheit, die bekommt dem Tier bestimmt nicht«, dachte ich, sah dann aber, dass das Tier das Geld nicht schluckte, sondern dem Wärter in die offene Hand legte. Seither spendet meine Tochter auch. Allerdings sind Münzen – noch kürzer als Äpfel – eine Herausforderung. Als Belohnung kommt es zur wohligen Berührung mit dem speichelnassen Rüssel eines original Indischen Elefanten.