TürkeiDer falsche Aufstand

Verkehrte Welt in der Türkei: Die muslimische Regierung ist nicht radikal, die Militärs müssen niemanden retten.

Demonstranten mit dem Porträt des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk

Demonstranten mit dem Porträt des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk

Droht der Türkei die Islamisierung? Das glauben viele türkische Demonstranten, das behauptet die Armee. Ein Memorandum der Militärs hat vor wenigen Tagen das Land erschüttert: »Wir sind besorgt.« Die Generale meinen damit: Wir können auch putschen, und dann wird alles wieder gut, das säkulare System, die Verankerung der Türkei im Westen, die Stabilität des Nato-Partners in rauer Umwelt. So lautet die Selbsteinschätzung der Armee und das in Europa weitverbreitete Vorurteil.

Diese Logik hatte ihre Zeit, 1971 oder auch 1980, als die Türkei in Streiks, Straßenkämpfen und Krisen versunken war und Armeecoups dem Spuk ein Ende machten. Die großen Demonstrationen der national-säkularen Kräfte vom vorigen Wochenende gegen die Regierung erinnern ein wenig daran. Heute aber geht es der Türkei wirtschaftlich blendend. Sie hat seit über vier Jahren eine erfolgreiche Regierung. Und die Unsicherheit ist eine durchaus demokratische: Wahlen. Nachdem das Verfassungsgericht die erste Runde der Präsidentschaftswahl für ungültig erklärt hat, wird die Parlamentswahl nun wohl vorgezogen.

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Lassen wir uns in Europa nicht alte Armeehüte verkaufen. Was in der Türkei läuft, ist nicht das finale Ringen zwischen Scharia und westlichen Werten. Die Türkei steckt in einem bitteren Machtkampf, der die Entwicklung des Landes bedroht und einen blutigen Nationalismus nährt, siehe die jüngsten Morde an Christen; sie wurden von Nationalisten, nicht von Islamisten begangen. Auch das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten am 1. Mai in Istanbul ist Ausdruck dieser Konfrontation. Auf der einen Seite stehen die Regierung von Tayyip Erdoğan, die globalen Wirtschaftseliten Istanbuls und der konservative Mittelstand, liberale Intellektuelle und gläubige Muslime. Auf der anderen Seite finden sich Armee, Justiz, Bürokratie und die Parteigänger des streng säkularen, nationalistischen, souveränen Staates. Sie streiten darum, ob die Türkei künftig offen-europäisch werden oder in der stickigen Vergangenheit gefangen bleiben soll.

Die Gegenwart heißt Tayyip Erdoğan. Der populäre Premier der konservativ-muslimischen AKP hat Beitrittsverhandlungen mit Brüssel erreicht. Manche halten ihn für einen Tarnkappenfundamentalisten. Doch ist auch nach über vier Jahren Erdoğan keine islamische Gesetzlichkeit in Sicht, nur das Kopftuch seiner Frau. Aber heute tragen weniger Türkinnen Kopftuch als 2002. Erdoğan sagt, er wolle den laizistischen Staat, das Volk und den Glauben miteinander versöhnen. Seine Volkspartei hat die einst starken türkischen Islamisten zu Splittergruppen degradiert, so wie im Deutschland der fünfziger Jahre die CDU den rechten Parteien das Wasser abgrub.

Die AKP hat eine breite Mehrheit im Parlament. Sie hat Tausende Paragrafen von EU-Recht in türkisches Recht umgesetzt. Die säkulare Opposition hat diese Reformen bitter bekämpft. Die größte Gefahr, die für die EU von Erdoğan ausgeht, ist, dass er die 80-Millionen-Türkei doch irgendwann in die Union bugsiert.

Leserkommentare
    • Anonym
    • 02.05.2007 um 9:00 Uhr

    Man muss schon sehr naiv sein, um zu glauben das der Aufstand in der Türkei nicht angemessen sei. Sicher ist es, dass der Autor dieses Beitrages, schwer fällt zu glauben, das die jetzige Regierung eine erfolgreiche Doppelstrategie fährt.

    Die nächste Wahl wird die AKP genauso gewinnen, wie die erste Wahl im Jahre 2002. Wenn es stimmt, dass die Wirtschaft so boomt (4,5% Wachstum), dann wird die Opposition es nach wie vor sehr schwer haben eine Mehrheit für sich zu gewinnen.

    Der Fahrplan von Erdogan und Gül ist ein langfristiger. Dabei werden Rückschläge, wie dieser (gerne) in Kauf genommen. Am Schluss dieses Prozesses steht die Türkei als ein islamitischer und neo-konservativer Staat dar.

  1. 2.

    die zeit ist doch nicht proislamistisch sondern im gegenteil eines der wenigen Medien, das sich auch mal über die von der linken gesinnungsdiktatur festgelegten denkverbote hinwegsetzt !

  2. den von der europäischen linken so oft beschworenen gemäßigten islam gibt es genausowenig wie es wasser gibt, das nur ein bisschen nass ist.

    vor allem in der aktuellen tendenz des islam sich global immer mehr zu radikalisieren und wo fundamentalistische fortschrittsfeindliche kräfte immer mehr machtpositionen besetzen, ist es geradezu gemeingefährlich, den islam schönzureden.

    die morde an den christen als taten der nationalisten zu bezeichnen ist nichts weiter als fundamentalislamische propaganda. wenn man die entwicklung der nationalistischen bewegungen ein wenig beoachtet, kann nicht umhin zu bemerken, dass sie immer mehr islamistisch unterwandert werden. das beste beispiel sind die grauen wölfe in deutschland, die vor alle auf arbeitsscheue muslimische jugendliche eine magische anziehungskraft haben, und die gezielt die abgrenzung der jungen türken von der deutschen gastgesellschaft mit hilfe des islam betreiben.

    wer sich die wirtschaftssituation in den islamischen ländern ansieht (20%der weltbevölkerung 6% der globalen produktion, und das inklusive des erdöls !), der kann nur zu dem einen schluss kommen, nämlich dass der islamische kulturkreis ohne eine baldige tiefgreifende säkulkarisierung weiter im morast von armut und kulturellem siechtum steckenbleiben wird.

  3. Wie in vielen Staaten, ist auch das Verhalten der Militärs aber auch und vor allem der Demonstranten - offenbar auch der meisten Kommentatoren hier – durch nur ein Gefühl geleitet: Angst. Dabei ist und war Angst niemals ein guter Ratgeber.
    Ich finde der Artikel hat die Situation sehr treffend beschrieben (siehe auch den Kommentar von U. Pick -> tagesschau.de).
    In der Türkei gibt’s es zur Zeit ganz schön merkwürdige Phänomene: da flehen Journalisten/Zivilisten Generäle an, sie mögen sie retten. Da gibt es Leute die stolz von sich behaupten 'kein Demokrat zu sein, sondern Republikaner'. Andere wiederum verdammen den Ausverkauf ihres Landes durch die 'Islamisten' an die EU, Zionisten, Armenier, Griechen...da ist noch jede Menge Platz im Karton. An Feinden mangelt es den Menschen ja bekanntlich nicht.
    Conclusio: Die vermeintlichen 'Islamisten' verhalten sich europäischer, aufgeklärter und demokratischer als der säkulare Teil der Türkei. Offenbar ist gerade dieser Teil noch nicht in der globalisierten offen-liberalen Gegenwart angekommen, sondern liebäugelt viel lieber mit Gesellschaftsmodellen wie sie nur noch in Nord-Korea praktiziert werden.
    So, liebe Leute, wird das wirklich nichts mit der EU...und das ist wirklich sehr schade, denn nur die Einbindung in die EU und damit der direkte Demokratie-Transfer ermöglicht meinen Traum: eine offene, liberale und tolerante türkische Gesellschaft.

  4. Also dann frage ich , warum Milli Görüs wird in Deutschland strength beobachtet . Wie eng die Beziehungen zwischen Milli Görüs und die Türkische Regierung? Warum In Deutschland Radikal islamische Gruppen gefährlich sind , in der Türkei nicht ?

  5. kann diese natürlich auch nicht in der Türkei sehen, hier ist Die Zeit in ihrer Verblendung konsistent.

  6. Aus der FTD:

    In den Medien wurde jüngst eine Karte der Türkei veröffentlicht, auf der alle Städte markiert waren, in denen bereits Alkoholverbot in kommunalen und staatlichen Einrichtungen herrscht: in 62 von 81 Provinzen. Überall in Anatolien arbeiten AKP-Bürgermeister emsig daran, das öffentliche und private Leben in ihrem Sinne neu zu ordnen. Moscheen werden gebaut, Korankurse ausgeweitet, neuerdings gibt es auch Koranunterricht für erwachsene Frauen.

    Selbst in Istanbul, der heimlichen Hauptstadt, hat sich in den letzten Jahren das Bild auf den Straßen geändert. Sichtbarstes Zeichen ist das Kopftuch. 'Ich fühle ein physisches Unbehagen', berichtet eine junge Frau. 'Früher trug ich im Sommer in der Stadt kurze Shorts, heute ist das nicht mehr möglich.' Die Zahl der 'offenen' Frauen in Bussen kann man oft an einer Hand abzählen. In Vororten gibt es kaum eine unverhüllte Frau mehr. Alkoholabstinenz, Koranstunden und die Trennung von Männern und Frauen prägen den Alltag. Wer in einem öffentlichen Park eine Bierdose aufmacht, wird von Passanten angezeigt. Den Wein hat die AKP mit einer so hohen Mehrwertsteuer versehen, dass er etwa doppelt so teuer ist wie in der EU.

  7. Der türkische Staat ist doch nicht laizistisch! Es gibt eine Religionsbehörde, die die Freitagspredigten vorschreibt und die prediger in deutschen Moscheen auswählt und bezahlt. Der Kemalismus versucht eher, die Sunna zur alleinigen (kontrollierten) Religion zu machen. Weder Christen noch Alewiten genießen Religionsfreiheit. Zugleich hat die Unterdrückung religiöser Symbole den Islamismus, den sie bekämpfen will, gestärkt und gefördert.
    Was der Türkei fehlt, ist eine 'repressive Toleranz' (um Herbert Marcuse zu zitieren), die dem Islamismus seine offensichtlichsten und einprägsamsten Propagandaargumente nimmt.
    Im übrigen: 'den islam' zum Feínd zu erklären, ist nicht klüger als 'die Amerikaner', 'die Deutschen' oder 'die Juden' zu bekämpfen. Immer werden so auch jene getroffen und zum Feind erklärt, die auf unsere Seite gezogen werden müssten. und sie werden so den Islamisten überlassen.

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