Etwas stimmt noch nicht. Der Vater steht auf dem Hof seines Anwesens im Breisgau, hinter ihm ein Stahlseil, das von einem Sattelschlepper quer über den Hof zu einem Mast gespannt ist. Auf das Seil ist ein Motorrad montiert, unter dem als Gegengewicht ein Metalltrapez hängt. Der Vater schaut den Sohn von oben bis unten an. Der trägt eine hellblaue Baseballkappe, T-Shirt, Jeans, einen silbern glitzernden Sicherheitsgürtel und Turnschuhe. »Mizzi, hol dem Johann doch mal die richtigen Schuhe!«, ruft der Vater. Die Mutter steht von einem der Campingstühle auf und verschwindet im Haus. Mit einem zerdrückten Paar roter knöchelhoher Artistenschuhe kommt sie zurück. Sie schaut ihren Mann an – die Schnürung beider Schuhe ist in der Mitte durchgeschnitten. Wie zwei eilig aufgesägte Brustkörbe. Anders hatten die Ärzte die Schuhe vor elf Monaten nicht von Johanns Füßen bekommen. 

Am 21. Mai 2006 war Johann Traber bei der Einweihung des neu gestalteten Jungfernstiegs in Hamburg von einem 45 Meter hohen Stahlmast abgestürzt. Er hatte die Mastspitze weit zum Schwingen gebracht, vier Meter nach rechts, vier Meter nach links, um dann auf der kleinen Plattform, oben auf der Mastspitze, einen Handstand zu machen. Aber schon nach wenigen Sekunden knickte die Mastspitze ab. Ein Materialfehler. Johann, der mit einem Drahtseil an der Spitze angeseilt war, stürzte in weitem Bogen mitsamt der Spitze 15 Meter in die Tiefe und schlug unten mit dem Kopf gegen den Mast. In einer Notoperation wurden ihm Teile der zerbrochenen Schädeldecke abgenommen, damit sich das angeschwollene Gehirn ausdehnen konnte. Dann wurden das zerborstene Becken, der linke Oberschenkel sowie die gebrochenen Rippen mit Schrauben fixiert. In den Wochen darauf folgten sieben weitere Operationen.

»Ich glaube, wir brauchen neue Schnürsenkel«, sagt Mizzi Traber. Sie steht auf und reicht ihrem Mann die Schuhe. Tränen schießen ihm in die Augen. Er nimmt seinen zarten Sohn und drückt ihn fest an sich, der küsst seinen Vater auf die Wange, immer und immer wieder. Johann Traber sen. war nach dem Absturz sofort auf den Mast geklettert und hatte seinen Sohn in den Armen gehalten, bis die Rettungskräfte kamen. Seine Frau hat von dem Unglück erst am Telefon erfahren. Sie ist bei den Auftritten nie dabei. Sie hat zu viel Angst.

Die Schuhe sind verschnürt, und Johann jr. geht langsam zum Seil hinüber. Den linken Arm hält er angewinkelt, das linke Bein zieht er etwas nach. Die gesamte linke Seite ist noch sehr schwach, die Muskeln sind noch nicht aufgebaut und die Sehnen versteift. Die Koordination der Gliedmaßen funktioniert noch nicht ganz. Es dauert ein wenig, bis er richtig auf dem Trapez sitzt. Der Sicherheitsgurt wird in einen Karabinerhaken eingeklinkt, zur doppelten Sicherheit fixiert der Vater die Arme seines Sohns mit einer dicken Kordel am Trapez. Der Vater steigt auf das Seil, setzt sich aufs Motorrad und lässt den Motor an. Das Trapez vibriert, und aus dem Gesicht des Sohnes weicht das Lachen. So fest er kann, greift er um die Trapezstangen.

Vor wenigen Wochen haben Vater und Sohn angekündigt, dass der Junior am 7. Mai wieder aufs Seil gehen wird. Der Vater will auf dem Frühlingsfest in München einen Geschwindigkeitsrekord auf dem Hinterrad eines Motorrads aufstellen. Der Junior soll als Gegengewicht im Trapez sitzen. Dafür üben sie heute zum ersten Mal.

Auf dem Hof stehen jetzt neben Johanns Mutter seine beiden jüngeren Schwestern Kathi und Anna, sein Cousin René, sein Onkel Schann und Peter, der seit 30 Jahren bei der Familie lebt und so eine Art Mädchen für alles ist.

Johann hört das kurze Kommando des Vaters, und langsam beginnt sich das Trapez mit dem Motorrad zu bewegen. Als die Bewegung schneller wird, weicht die Anspannung im Gesicht, und Johann jr. bricht in ein irres, unkoordiniertes Lachen aus. Nichts ist seit dem Unfall, wie es war. Auf der Hälfte des Seils stoppt der Vater, und Johann guckt vorsichtig nach unten. Vier Meter, kein Schwindelgefühl, jetzt entspannt sich der ganze Körper. Der Vater rollt langsam zurück. »Geil, geil!«, ruft Johann überglücklich.

Als sie unten angekommen sind, beginnt Johann vor lauter Anspannung zu weinen. Seine Mutter streichelt ihm von hinten über die Wange, Johann ergreift ihre Hand und küsst sie. Dann ruft er mit seiner seit dem Unfall vernuschelten Aussprache seinem Vater zu: »Jetzt gib mal Zunder!« Der Vater lässt den Motor heulen und beschleunigt fast bis zum Ende des Seiles, Johann kreischt vor Vergnügen. Oben bleiben Vater und Sohn auf dem Seil stehen. Sie blicken über den sonnigen Breisgau mit seinen Spargelfeldern, den Weinreben und Kirschbäumen. Auf einer Erhebung sehen sie das Münster von Breisach. Freiburg liegt irgendwo dahinter.

In München wird das Seil 40 Meter hoch sein, und das Motorrad wird 58 Stundenkilometer fahren müssen, um den Rekord zu brechen. Der Vater nimmt den Gang raus und sagt: »Jetzt fahren wir wieder zurück, und der Papa macht den Grill an.«

Warum will einer wieder rauf auf ein Seil, das ihn beinahe das Leben gekostet hat? Wenn überhaupt, lässt sich das nur verstehen, wenn man die Trabers versteht. Eine deutsche Familie, wie es sie in ihrer Traditionsgebundenheit, in ihrem Zugehörigkeitsgefühl, ihrer Enge und Gottergebenheit kaum mehr gibt.

Johann Traber sen. sitzt im Bademantel auf der Eckbank am Eichen-Esstisch. Der Tisch ist das Zentrum des Hauses, hier trifft sich alles, hier wird jeder Gast hingeführt. Von hier hat man alles im Blick. Die beiden Mädchen, die sich das eine Zimmer teilen, die Eltern, die im anderen schlafen, nur Johann jr. hat seinen Bereich im Keller. Dort stapeln sich seine DVDs, die 30 Paar Turnschuhe und die von den Schwestern gebügelten T-Shirts, ein Baseballschläger lehnt an der Wand. Johann jr. wollte immer für alles gewappnet sein. Auf den Esstisch werden aus der kleinen Küche je nach Tageszeit Kaffee, Brötchen oder Salat herausgereicht. Im Grunde wohnen die Trabers in diesem bürgerlichen Einfamilienhaus wie in einem Wohnwagen.