Am 4. März 1933 stand Franklin Delano Roosevelt vor dem Kapitol in Washington und sprach zum Volk. Die Weltwirtschaftskrise hatte die Vereinigten Staaten fest im Griff. Das Land war deprimiert und gelähmt, ihr neuer Präsident erhob sich aus seinem Rollstuhl und nahm die Bevölkerung bei der Hand: »Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst« – es wurde eine der großen politischen Reden des Jahrhunderts. Roosevelt trat für »soziale Werte« ein, »die edler sind als wirtschaftlicher Profit allein«, und er wandte sich gegen »gleichgültige und selbstsüchtige Vergehen« an der Gesellschaft. Aus seinen Worten entstand bald der New Deal, der den Menschen Arbeit gab und Hoffnung. Gordon Brown wollte das ganze Land durch seine Sozial- und Wirtschaftspolitik ändern BILD

Vergangene Woche veröffentlichte der Londoner Guardian die Rede noch einmal, um an den großen, visionären Politiker zu erinnern. Das Vorwort schrieb Gordon Brown, noch britischer Schatzkanzler und – wenn ihm nicht der Himmel auf den Kopf stürzt – von Juli an Premierminister. Nur wenige in London können so glaubhaft wie er an die historische Bedeutung Roosevelts erinnern. Denn Gordon Brown ist ein Mann mit Grundsätzen. Schon als Bub war in ihm die feste Überzeugung entstanden, etwas gegen die soziale Ungerechtigkeit unternehmen zu müssen, die er als Sohn eines presbyterianischen Pfarrers in den fünfziger und sechziger Jahren in Schottland erlebte. Als er 1983 seine Parlamentskarriere begann, wurde aus der Überzeugung schnell eine Mission. Es war der Höhepunkt der Thatcher-Ära. Das Individuum zählte alles, die Gemeinschaft zählte nichts – was Brown »zutiefst frustrierte«.

Als New Labour 1997 auf einer Welle der Euphorie an die Macht getragen wurde, hat Brown die britische Politik so gründlich und nachhaltig beeinflusst wie nur wenige Schatzkanzler vor ihm. Er entwickelte eine Vision, von der er hoffte, dass sie ähnlich bedeutsam werden könnte wie die von Franklin D. Roosevelt. Dem New Deal eiferte er mit New Labour nach. Es war der Versuch, marktorientiert und sozial gerecht zugleich zu sein. Umverteilung sollte Armut lindern, ohne dass der Staat gleich den liberalen Drang und die wirtschaftliche Schaffenskraft der Briten lähmte. Brown wollte ein ganzes Land durch seine Sozial- und Wirtschaftspolitik verändern.

Zehn Jahre sind vergangen, und da Brown im Juli Premierminister wird, ist es Zeit, zu fragen: Wie war er? Wie weit hat er New Labour gebracht?

Unter seiner Ägide entstanden 2,5 Millionen neue Jobs

Die Habenseite des Brownschen Erfolgskontos ist beachtlich: Die britische Wirtschaft ist robust. Im April begann das 58. Quartal ununterbrochenen Wachstums. Seit 1993 hat das Bruttoinlandsprodukt um durchschnittlich 2,8 Prozent jährlich zugelegt. Unter Browns Ägide wuchs es von 1,5 auf 1,9 Billionen Dollar. Der öffentliche Dienst erlebte Rekordinvestitionen, 2,5 Millionen neue Jobs wurden geschaffen, die Arbeitslosigkeit sank von zwei auf 1,7 Millionen. »Jo Public«, so wird der britische Otto Normalverbraucher genannt, ging es noch nie so gut wie heute. Und das ist zu einem guten Teil Browns Verdienst. Bis zu Beginn der Neunziger konnte die wirtschaftliche Entwicklung des Landes am besten durch eine Achterbahnkurve beschrieben werden. Auf Perioden steilen Wachstums folgte sicher eine rasante Talfahrt, in der Jobs verschwanden und im leeren Staatssäckel kein Geld übrig blieb, um den öffentlichen Dienst auf westeuropä-ische Standards zu bringen. Das Gesundheitssystem war hoffnungslos unterfinanziert, Schulen hatten nicht genügend Lehrer, und der Zustand von Straßen und Eisenbahnen war erbärmlich.

»Nie wieder«, versprach Brown. Für den Umbau der Gesellschaft brauchte er eine stabile Wirtschaft, und um das zu erreichen, entließ er die Zentralbank in ihre Unabhängigkeit. Nie wieder sollte die Höhe der Leitzinsen durch kurzfristige politische Ziele bestimmt werden. Seine weitere Wirtschaftspolitik beschrieb er gern mit dem Wort prudence – Umsicht. So konsolidierte Brown den Haushalt und erkannte still die drastischen Arbeitsmarktreformen an, die Margaret Thatcher im Kampf gegen die Gewerkschaften durchgesetzt hatte.

Dann, als das neue Jahrtausend anbrach, begann er mit dem Geldausgeben. Das Gesundheitssystem erhielt am meisten. In den vergangenen Jahren haben sich die jährlichen Ausgaben für die Gesundheit von knapp sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf fast neun Prozent erhöht. 300.000 neue Ärzte und Krankenschwestern wurden eingestellt, und bis 2010 sollen mehr als 100 neue Krankenhäuser gebaut sein.