Jugendforschung »Wer Gutes tut, ist auch gut in der Schule«
Der amerikanische Entwicklungspsychologe Richard Lerner erklärt gesellschaftliches Engagement zum Bildungsziel
DIE ZEIT: Ihre Studien zur Jugendforschung zeigen, dass freiwilliges gesellschaftliches Engagement nicht nur schlau macht, sondern auch die Demokratie und die soziale Sicherheit fördert. Lässt sich soziales Engagement erlernen?
Richard Lerner: Ja, natürlich. Wichtige Orte des informellen Lernens sind zunächst die Familien, aber auch Schulen, Vereine, Bürgerinitiativen. Und am besten gedeiht soziales Engagement dann, wenn alle diese Bereiche eng miteinander vernetzt sind, wenn sie gesellschaftliches Engagement als gemeinsames Bildungsziel verstehen.
ZEIT: Wer hat dabei den größten Einfluss auf die Kinder?
Lerner: Der Einfluss der Eltern ist immer noch der wichtigste. Wenn sie ein positives Modell vorleben, sich selbst freiwillig engagieren, darüber am Küchentisch diskutieren und ihren Kindern Wege öffnen, sich außerhalb der Schule aktiv an gemeinnützigen Projekten zu beteiligen, sind die ersten Schritte getan. Eltern sind ihren Kindern stets Vorbild für das, was sie tun, und für das, was sie nicht tun. Sobald Kinder ihre Eltern beobachten können, beginnt der Lernprozess. Sie müssen dafür noch nicht einmal selbst reden können.
ZEIT: Was kann die Schule tun?
Lerner: Wir müssen weg vom Bild der Schule als Ort, an dem man Lesen und Schreiben lernt. Schule ist mehr, als in einem Klassenraum zu sitzen und eine Lektion durchzunehmen. Als ich in den vierziger und fünfziger Jahren aufwuchs, hatten viele Schulen zivilgesellschaftlichen Unterricht, wir sprachen über Regierungen und was es bedeutet, ein aktiver Bürger zu sein. Heute bereitet Schule nur noch auf akademische Laufbahnen vor, auf das Bestehen von Auswahltests.
ZEIT: Was muss sich ändern?
Lerner: Wir müssen den Sinn und Zweck von Schulbildung völlig neu überdenken. Was nützen uns wohlgebildete, aber isolierte Bürger, die sich immer mehr voneinander entfernen – daran wird die Zivilgesellschaft zerbrechen. Die neue Mission von Bildung muss es unter anderem sein, jungen Menschen deutlich zu machen, wie wichtig und wertvoll es für ihre persönliche Erfüllung sein kann, sich für die Gemeinschaft zu engagieren.
ZEIT: In einem Gutachten für den Carl-Bertelsmann-Preis 2007, Gesellschaftliches Engagement als Bildungsziel, haben Sie die positiven Effekte aus den amerikanischen Service-Learning-Programmen betont. Was genau passiert da?
Lerner: Die Schulen versuchen mit Hilfe dieser Programme, in abstrakte Fächer wie Mathe, Englisch und Naturwissenschaften eine sogenannte Service-Komponente einzubauen. Die Schüler lernen, ihr Wissen in realen Situationen außerhalb der Schule anzuwenden. Zum Beispiel engagiert sich ein Schüler an zwei Nachmittagen in der Woche in einem Heim für obdachlose Kinder. Dort hat man nur ein sehr begrenztes Budget, um den Kindern Mahlzeiten zuzubereiten. Da erinnert sich der Schüler an die Hauswirtschaftskurse in der Schule, in der er nicht nur gelernt hat, was eine reichhaltige Mahlzeit beinhaltet, sondern auch, wie man ein Essen kalkuliert. Er hilft mit seinem Wissen dieser Einrichtung und vor allem den bedürftigen Kindern.
ZEIT: …und geht motivierter zur Schule?
Lerner: Ja, auf jeden Fall. Die jungen Leuten spüren plötzlich, wie wertvoll ihr Wissen sein kann, und sie sagen sich: Wenn ich noch mehr weiß, werde ich noch mehr verändern können. Sie verlassen damit die passive Haltung des konsumierenden Schülers. Zwischen freiwilligem Engagement und schulischen Leistungen besteht ein direkter Zusammenhang, weil die Jugendlichen sehr schnell spüren, dass sich beides wechselseitig positiv beeinflusst.
ZEIT: Im deutschen Bildungswesen geht es nach dem Pisa-Schock vorrangig um Leistung. Soziales Engagement hat innerhalb der Schule einen sehr geringen Stellenwert.
Lerner:
In Deutschland sind schulische und außerschulische Aktivitäten kaum miteinander verzahnt. Man wird auf diesem Gebiet aber umdenken müssen: Junge Menschen aus dem gesamten sozialen und ethnischen Spektrum sind für Bildungsangebote nur dann wirklich ansprechbar, wenn Schule nicht der einzige Ort des Lernens ist. Nur so kann es gelingen, möglichst viele junge Menschen zu gesellschaftlicher Mitwirkung zu bewegen. Aber ich habe im Zuge meiner Forschungen kein einziges westliches, industrialisiertes Land erlebt, das seine jungen Menschen als Ressource betrachtete, die es zu entwickeln gilt.
ZEIT:
Warum ist unsere Gesellschaft so misstrauisch gegenüber jungen Menschen?
Lerner:
Weil wir Kinder und Jugendliche als Problemfälle sehen, die es zu managen gilt. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, damit Kinder und Jugendliche endlich als gleichwertige Partner gesehen werden. Das ist durchaus als Aufruf an Politik und Gesellschaft zu verstehen. Meine Studien zeigen, dass Verhaltensauffälligkeiten und Kriminalitätsraten unter den Jugendlichen zurückgehen, die sich individuell entfalten und gesellschaftlich engagieren können. Wieso sollten sie auch der Gemeinschaft schaden, um die sie sich kümmern und sorgen?
Das Gespräch führte
Jeannette Otto
- Datum 03.05.2007 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.05.2007 Nr. 19
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