SchulformenDie zweite Chance

Eine Hamburger »Produktionsschule« hilft Hauptschülern, einen Abschluss zu machen. von Christine Brinck

Hammerschläge füllen den Hinterhof. Hinter einer eisernen Tür versteckt sich die Tischlerwerkstatt. Vier Jugendliche, Jungen und Mädchen, bauen Hängeschränke zusammen. Stephan kämpft mit der Rückwand, weiß oder braun, was kommt nach oben? Die anderen studieren die Baupläne. Die tischlernden Jungen und Mädchen sind in der Schule, freiwillig und ganztags. Früher haben sie die Hauptschule besucht, doch die haben sie geschmissen, sind allesamt ohne Schulabschluss. Hier lernen sie anders. Sie sind Schüler in einer Kooperativen Produktionsschule, einer GmbH. Sie werden aufs Leben durch Arbeit und Lernen vorbereitet.

Die Hauptschule ist vielerorts in Schwierigkeiten geraten, nur noch zehn Prozent aller Schüler, 953.000 Jugendliche, besuchen sie. Viele sind Einwandererkinder. Die Sprachprobleme sind groß, die Disziplinprobleme ebenso. Etwa 15 Prozent der Hauptschüler bleiben ohne Abschluss, nur 20 Prozent der Absolventen finden einen Ausbildungsplatz.

Produktionsschulen können eine Lösung sein. Sie sind eine dänische Erfindung, dort gibt es sie hundertfach, und das seit Jahren. In Deutschland existiert bislang nur eine einzige, die Produktionsschule (PSA) in Hamburg-Altona. »Es sollte sie in jedem Stadtteil geben«, sagt der Schulleiter Thomas Johanssen. Doch im Moment haben nur 44 Jungen und Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren das Glück, hier am Ende einer Schullaufbahn voller Enttäuschungen aufgenommen worden zu sein.

Johanssen hätte gerne mehr Schüler, aber dafür reicht das Geld nicht. Sponsoren werden dringend gesucht. Etwa 320 Schüler bewerben sich jedes Jahr – online. Die PSA, 1999 noch von Rot-Grün gegründet, hat sich schnell auch unter den Jugendlichen einen guten Ruf erkämpft. Hier kann man in ein bis zwei Jahren seinen Hauptschulabschluss nachholen, man kann in vier praktischen Bereichen arbeiten, und man hat jeden Morgen zwei Stunden Deutsch und Mathematik, jeden Freitag zwei Stunden Englisch. Den Rest der Zeit verbringen die Schüler in der Tischlerei, in der Videowerkstatt, in der Grafik oder in der Kantine, die auch Cateringaufträge ausführt. Die Schüler bekommen monatlich ein Schülergeld von 150 Euro.

Am Anfang stehen die Einstellungsgespräche. Wer aufgenommen wird, muss eine Probezeit durchlaufen. Der Eintritt in die Schule ist fortlaufend möglich. Scheidet ein Schüler aus, wird sein Platz sofort von einem anderen Schüler von der Warteliste besetzt. Produktionsschulen sind arbeitsorientierte Bildungseinrichtungen, die der Berufsvorbereitung dienen.

Im Zentrum steht die marktorientierte Produktion und Dienstleistung. Alle Arbeiten in den Werkstätten sind echte Arbeiten, keine Trockenkurse. Die Tischlerei arbeitet zu Marktpreisen und mit erstklassigen Materialien. Die Schüler haben Küchen für Privatkunden gebaut, das Mobiliar eines Kindergartens, Bänke für Pausenräume und Erste-Hilfe-Schränkchen. Für die ehemaligen Problemschüler liegt genau hier der Reiz. Es kommt auf ihre Arbeit an, sie bauen nicht pro forma Zeitungsständer, weil die gerade auf dem Lehrplan stehen, sondern sie arbeiten an echten Aufträgen für echte Kunden. Die Honorare, die sie erwirtschaften, finanzieren zum Teil die Werkstatt. Die Jugendlichen erfahren so ganz unmittelbar den Nutzen ihrer Arbeit.

Vergangene Woche haben die Jungen und Mädchen Fertigbauregale für den Kantinenbereich zusammengebaut. Das war gleichzeitig auch ein Deutsch- und Matheerlebnis. Sie mussten die Bauanleitungen lesen, sie hatten aber auch mit dem Meister errechnet, wie teuer die Möblierung geworden wäre, wenn sie sie mit schönem Holz in vielen Arbeitsstunden selbst hergestellt hätten.

Wieso klappt hier bei einem großen Teil der 44 Schüler, was vorher in der Hauptschule gar nicht ging? Wieso gibt es hier keinen Ärger mit Lehrern? Es gibt keine 45-Minuten-Stunden, es gibt kein Pausenzeichen, kein Klassenzimmer. Dafür gibt es feste Regeln für das Miteinander und freie Wahl zwischen den vier Werkstätten.

Wer öfter schwänzt, fliegt raus. Pünktlichkeit ist so wichtig wie Genauigkeit. Wer termingerecht Aufträge abwickeln will, muss sich auf seine Leute verlassen können. Durchfallen? Nicht alle Schüler werden zur Hauptschulprüfung angemeldet. Die Lehrer und Meister kennen ihre Schüler. Zertifiziertes Scheitern wird vermieden, mancher Schüler bleibt auch zwei Jahre, bis er sein Zeugnis hat, und gewinnt so nebenbei noch mehr Lebens- und Berufserfahrung. Das macht ihn vermittelbarer auf einem Arbeitsmarkt, auf dem Hauptschüler meist schlechte Karten haben. Immerhin bekommen 40 bis 50 Prozent der Absolventen der Produktionsschule einen Ausbildungsvertrag. Dabei hilft freilich auch das Bewerbungstraining, das die Ausbildungsagentur EXAM durchführt.

Die Jungen und Mädchen, die in der Kantine arbeiten, tragen Kopfbedeckung und weiße Kittel, niemand will ihre Haare in der Suppe oder im Pudding finden, weder die Mitschüler noch die Arbeiter aus den umliegenden kleinen Fabriken und Werkstätten, die hier ihren Mittagstisch (Menü für fünf Euro) abhalten. Zwei Köche bringen den Schülern nicht nur Sauberkeit in der Küche bei, sondern auch den Umgang mit frischen Lebensmitteln.

Fertiggerichte werden hier nicht aufgewärmt. Es wird geschnippelt und gehackt, gerührt und gerieben. Und wer einen Empfang, eine Betriebs- oder Geburtstagsfeier ausrichten will, kann sich hier Häppchen oder Nachtisch bestellen, es wird zuverlässig und professionell zum vereinbarten Zeitpunkt geliefert. Die Kantinenschüler sind auch für das Frühstück verantwortlich, das jeden Morgen vor Schulbeginn stattfindet.

In der Medienwerkstatt werden nicht ausschließlich die Türschilder und die Informationsmappen für die PSA entworfen, sondern auch Flyer, Plakate und Websites für allerlei Auftraggeber. Die Schüler, die sich für den grafischen Bereich entscheiden, müssen keine Computercracks sein, doch Spaß an Gestaltung, Umgang mit Schrift und Kreativität sollten sie mitbringen.

Von den Schülern, die sich für die Videowerkstatt bewerben, ist schon ein bisschen Erfahrung mit Videokamera und Fotoapparat erwünscht. Sie lernen, Videoclips, Lehr- und Dokumentarfilme zu produzieren. Die Hamburger ZEIT-Stiftung, die über ihr Lern- Werk jahrelang besonders die Videowerkstatt der PSA gefördert hat, beauftragte die Schüler mit der Herstellung eines Films über die Tätigkeiten der Stiftung. Zögernd begaben sich die jungen Videokünstler an Plätze wie die Bucerius Law School und filmten den Uni-Betrieb oder interviewten eine Professorin zu dem unter den Nazis emigrierten Kulturphilosophen Ernst Cassirer. Dem Film sieht man nicht an, dass er von gescheiterten Hauptschülern gemacht wurde, er ist durch und durch professionell hergestellt.

Gehen nun all die Schüler dieser Werkstatt hinterher in eine filmverwandte Ausbildung? Eigentlich nicht, ist die überraschende Antwort. Warum wollen die Jungen und Mädchen denn in diese Werkstatt, die in ihrer Ausstattung noch dazu sehr teuer ist? Der Videobereich lockt Kinder an, sagen die Lehrer; Kinder, die sonst überhaupt nicht mehr zur Schule gehen würden. Er ist nur ein Vehikel, um die Jugendlichen zum Abschluss zu führen.

Der beste Junge im Kurs wird vermutlich bei Aldi eine Ausbildung machen – und ist damit weit entfernt davon, ein Dokumentarfilmer zu werden. »Ich bin doch Realist«, kommentiert er seinen Entschluss lakonisch. Schade. Vor zwei Jahren ist ein Junge aus der Grafikwerkstatt direkt von einer berühmten Werbeagentur in die Ausbildung übernommen worden. Nach ein paar Monaten allerdings war alles vorbei, der Auszubildende war nicht an der Ausbildung, er war an der Mathematik in der Berufsschule gescheitert. Dort saß er neben Abiturienten. Solche Beispiele zeigen den lediglich kompensatorischen Charakter der Produktionsschule. Sie kann nur noch reparieren, was in den vielen Jahren Schule zuvor kaputtgegangen ist. Diese Reparaturarbeiten macht sie vorbildlich, doch wäre die Arbeit von Produktionsschulen noch viel wirksamer, wenn sie früher in den Schulbetrieb integriert würden, etwa bereits nach der sechsten Klasse. Schließlich stellt sich zu Recht die Frage: Warum hinterher reparieren, wenn man es vorher integrieren könnte?

Manche Schülerkarriere erfährt den entscheidenden Schub an der PSA. Johanssen erinnert sich an einen ehemaligen Schüler namens Niklas, der in der Videowerkstatt sehr gut arbeitete, von dort zur Berufsfachschule ging und jetzt auf einer Fachoberschule seinen Abschluss macht. Die Produktionsschule Altona wurde jüngst mit einem Hauptschulpreis – Deutschlands beste Schulen mit Hauptschulabschluss – geehrt.

Trotz aller Erfolge wird die PSA nicht einmal an der Diskussion zum Berufsvorbereitungsjahr beteiligt. Eine Schulbehörde, die die Hauptschule abschaffen will, muss sich fragen lassen, warum sie sich für die zukünftigen Stadtteilschulen nicht das Know-how der Pädagogen, Meister und Schüler aus Altona sichern will. Eine Hauptschule, an der sich freiwillig siebenmal mehr Schüler bewerben, als es Plätze gibt, hat vielleicht eine richtige Antwort auf das Hauptschulproblem gefunden.

Zum Thema:
Pisa-Studie - Eine Sammlung von Artikeln rund um die Erhebung der OECD. Ergebnisse, Analysen, Reformideen »

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  • Schlagworte Aldi | OECD | Bewerbungstraining | Ernst Cassirer | Jugendliche | Mädchen
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