Was für ein seltsamer Wuschel Jeff Tweedy doch ist. Gerade erst hat er seine Vorstellung von einem zeitgenössisch zerkratzten, kunstvoll mit Lärm gesprenkelten Rocksong zu einer gewissen Formulierungsreife gebracht. Noch gar nicht so lange her ist es auch, dass die Plattenfirma ihn mitsamt seiner Band Wilco wegen unkommerzieller Umtriebe vor die Tür setzte und nur das Internet ihn vor dem Vergessen rettete. Und ausgerechnet jetzt, wo alles so schön läuft, wo Kritik wie Fanbasis ihm wohlgesinnt sind wie nie zuvor, soll schon wieder Schluss sein mit schwierig. Kommando zurück, wir rocken die Mitte?

Sky Blue Sky heißt das in Kürze erscheinende Album, das schon Wochen vor seiner Veröffentlichung im Netz heftig bekakelt wird. Von unvermuteten Aufhellungen im Tweedyschen Schaffen ist die Rede, von Liedern, die, dem Säurebad des sogenannten Postrock entronnen, so leicht und ganzheitlich dahergeweht kommen wie der Frühlingswind.

Während die Traditionalisten den Abtrünnigen endlich daheim bei sich willkommen heißen, wittert der Rest Verrat an der Sache. Allen, die noch keine Gelegenheit hatten, sich selbst ein Bild zu machen, sei indes gesagt: So dramatisch ist die Lage bei Weitem nicht. Tweedy hat keine seiner Prinzipien über Bord geworfen, er legt sie nur etwas freier aus.

Statt mutwillig kaputtzumachen, ist er seinen Songs diesmal ein gnädigerer Schöpfer. Er gibt ihnen eine Chance zur Entfaltung, lässt sie auch mal atmen und einfach nur süß sein. Er gönnt ihnen ein Eigenleben, ohne gleich jeden Anflug von Melodie in einer Lärmattacke zu ersticken. Insgesamt scheint, was das Verhältnis zu sich selbst und seinem Schaffen anbelangt, Nachsicht eingekehrt zu sein, was biografisch mit einer überwundenen Tablettensucht zusammenhängen mag.

Ansonsten aber ist der Mann, dem man nachsagt, er gehe zum Lachen in den Keller, seiner alten Mission treu geblieben. Noch immer schürft er in den Archiven nach den Möglichkeiten, die der Rocksong heute noch bietet.