VideoElefant und Fliege

Die Videokunst von Douglas Gordon erforscht die stille Welt zwischen Leben und Tod. Sie ist jetzt in Wolfsburg zu sehen. von 

Wolfsburg im Licht. Lauter winterbleiche Menschen, die es hinauslockt in die Wärme, die es hinüberzieht zum Wochenmarkt. Endlich Phlox und Lobelien, die imposantesten Spargelberge und was es sonst noch braucht für einen Sommerrausch im April.

Das Museum in Finsternis. Je greller das Licht dort draußen, desto dunkler ist es hier drinnen. Verschluckt von tiefer Nacht, so fühlt sich der Besucher. Sieht nur noch, dass er nichts sieht. Für Douglas Gordon ein Moment der Wahrheit.

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Das ganze hohe Wolfsburger Museum hat er zu seinem Schattenreich gemacht. Wenn hier etwas leuchtet, dann sind es allein seine Filme. Auf großen und kleinen Leinwänden glosen sie in der Dunkelheit vor sich hin, manchmal wirkt es, als würden sie schweben. Bei der Fliege zum Beispiel, obwohl sie selbst nicht mehr schweben kann. Sie liegt nur da, rücklings auf ihren Flügeln, hin und wieder zittern die Beinchen noch. Sie ist nicht richtig tot und nicht richtig lebendig. Wir stehen davor, angeleuchtet von diesem Fliegenschicksal, wollen sehen, was passiert, und sehen, dass nichts passiert.

Wie kein anderer beherrscht der Schotte Douglas Gordon die Kunst der Langeweile. Wo andere das scharfe Blendlicht anknipsen, auf großes Spektakel schalten, laute Bildermaschinen anwerfen, da dreht er den Ton ab und ist penibel darauf bedacht, dass sich in seinen Videos so wenig ereignet wie irgend möglich. Erstaunlicherweise hat ihm gerade das, sein Auf- und Anhalten, die denkbar größten Erfolge eingetragen.

Mit gerade mal 41 hat er so ziemlich alle wichtigen Preise der Kunstwelt gewonnen. Er gilt als einer der einflussreichsten Videokünstler der Gegenwart. Vor allem einem Werk verdankt er seinen Ruhm. Es ist ein Film, der immer wieder gezeigt und immer wieder zitiert wird, und das wohl nicht zuletzt deshalb, weil ihn kaum jemand gesehen hat, jedenfalls nicht in voller Länge. Seinen Reiz bezieht dieser Film daraus, dass er etwas Allvertrautes unüberschaubar werden lässt: Eigentlich handelt es sich nur um Psycho, den legendären Thriller von Alfred Hitchcock, doch verwandelt Gordon den Film dank einfachster Mittel in ein gewaltiges Epos. Er drosselt die Abspielgeschwindigkeit, und zwar so stark, dass aus der üblichen Spielfilmlänge ein Werk von 24 Stunden wird. Die einzelnen Filmbilder verfließen nicht mehr, jedes einzelne wird sichtbar, zumindest für eine halbe Sekunde. Was bei Hitchcock ein spannungsvoller Strom war, wird bei Gordon hinabgekühlt bis kurz vor den Gefrierpunkt.

Niemand soll sich das tatsächlich von vorne bis hinten ansehen, niemand muss mit Beckettscher Zähigkeit ausharren. Selbst wenn jemand die nötige Langmut aufbrächte, er würde spätestens im zweiten Filmdrittel hinauskomplimentiert, da kennen die Öffnungszeiten des Museums kein Pardon. Gordon will keinen Kunstmarathon abhalten. Worum es ihm geht, ist nicht Kult, sondern Beiläufigkeit.

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