Sehr oft, und mit einem Anschein von Wahrheit, ist gesagt worden, es geschähe nichts Neues unter der Sonne - gleichwohl sucht man in der Geschichte vergeblich nach einem Gegenstück zu den Begebenheiten unserer Tage, in denen die Ereigniße so viele, von so eigener Art und in so kurzen Zwischenräumen einander folgen, daß sie die Welt in Erstaunen setzen. Bei einer so schnellen Aufeinanderfolge dieser Ereigniße verschlang, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Heute das Gestrige.« Diese Worte stammen aus einer Flugschrift, die im Sommer 1809 in Magdeburg erschien, das damals zu einem ganz neuen Reich gehörte, zum Königreich Westphalen.

Der anonyme Autor war »fortgerissen von der Menge der intereßantesten und unerwartetesten Weltbegebenheiten«, die sich vor seinen Augen abspielten. Das Königreich entsprach mit rund zwei Millionen Einwohnern und einer Fläche von 38000 Quadratkilometern etwa der Größe Restpreußens nach der Niederlage gegen Frankreich. Es war nicht nur die größte, sondern auch die modernste Staatsschöpfung Napoleons auf deutschem Boden, ein Modellstaat mit Verfassungs-, Regierungs-, Verwaltungs- und Rechtseinrichtungen nach französischem Muster. In seiner Gründung erblickten viele den Anbruch eines neuen Zeitalters.

Für den liberalen hessischen Publizisten Friedrich Murhard war der Herrschaftswechsel »nicht Übergang von einer Regierung zur anderen, nicht ein gewöhnlicher Regierungswechsel, sondern Geburt zu einem neuen Leben«.

Etliche deutsche Reformer zieht es in den neuen Staat

Die Würfel für die Staatsgründung fielen im Sommer 1807 bei den Friedensverhandlungen im ostpreußischen Tilsit. Preußen lag am Boden, Österreich war besiegt. Napoleon stand auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Nach der Auflösung des Alten Reiches umfasste der Rheinbund unter seinem Protektorat den gesamten Süden und Westen der deutschen Staatenwelt. Selbst das mächtige Russland schloss sich mit Rücksicht auf die Überlegenheit Frankreichs dem Kontinentalsystem an. Durch diesen auch »Kontinentalsperre« genannten Boykott aller englischen Waren sollte das Inselreich, der letzte verbliebene große Gegner des Korsen, in die Knie gezwungen werden. Auf dem europäischen Kontinent indes konnte sich niemand mehr der Vorherrschaft Frankreichs entziehen. Doch war sich der Kaiser der Franzosen bewusst, dass er Sohn und Erbe der Revolution, Usurpator und Eroberer seine Machtstellung auf Dauer nur dann behaupten konnte, wenn er sie auf ein sicheres Fundament stellte.

Militärstrategisch stand Napoleon vor der Aufgabe, zum Schutz gegen Preußen die eroberten Gebiete im Nordwesten Deutschlands territorial neu zu ordnen. Der Hohenzollernstaat war zwar vernichtend geschlagen, stellte aber mit dem Zarenreich im Hintergrund längerfristig noch immer eine Gefahr dar. Mit dem Großherzogtum Berg besaß Frankreich bereits einen starken Vorposten auf dem rechten Rheinufer, auch dies sollte ein napoleonischer Musterstaat werden. Daran schlossen sich weiter östlich die 1806 im Krieg gegen Preußen eroberten Gebiete an: die Kurfürstentümer Hessen und Hannover, das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel, die ehemals preußischen Gebiete westlich der Elbe, die Fürstbistümer Hildesheim, Paderborn und Osnabrück sowie einige kleinere Herrschaftsgebiete. Zusammengefasst bildeten sie einen kräftigen Mittelstaat, der als weiterer Puffer zwischen Frankreich und Preußen dienen konnte. » Königreich Westphalen« nannte Napoleon das neue Land auf der Karte Deutschlands, Kassel sollte die Hauptstadt sein und König sein jüngster Bruder Jér'me Bonaparte.