Fällt Berlin?
Nicht nur auf dem Buffet hinterließen die Pinguine Spuren. Zwar hatte Microsoft zu dem Lobbyabend im Abgeordnetenhaus von Berlin eingeladen.
Doch unter die Mitglieder des Landesparlaments hatte sich auch eine Handvoll Aktivisten gemischt, drei davon verkleidet als Pinguin der tierische Frackträger Tux ist das Symbol der freien Software Linux. So zierten plötzlich Fähnchen die Mousse au Chocolat auf dem Microsoft-Buffet: »Monokultur« stand darauf. Und auch der letzte Abgeordnete wusste nun, dass es eine Alternative zu Microsoft gibt.
Schon damals, im Sommer 2005, ging es um die Frage, ob die Berliner Verwaltung ihre Rechner auf ein neues Windows-System von Microsoft oder auf ein frei verfügbares Betriebssystem wie Linux umrüsten soll.
Eine endgültige Entscheidung ist immer noch nicht gefallen: In dieser Woche wird es eine Anhörung zum Thema geben.
Während sich die Verantwortlichen in der Hauptstadt noch winden, machen München und andere öffentliche Verwaltungen längst Nägel mit Köpfen. Anfang des Jahres liefen in den städtischen Büros an der Isar 400 PCs unter einer eigens programmierten Open-Source-Umgebung. Für die gängigen Büroarbeiten kommt das kostenlose Büropaket Open Office zum Einsatz. Bis zum Jahresende soll auf etwa 1500 Rechnern freie Software installiert sein. Danach werden laut Plan bis Mitte 2009 gut 80 Prozent der etwa 14000 PCs in den Behörden Münchens auf Linux umgerüstet sein.
Freie oder Open-Source-Software steht dafür, dass ihre Blaupausen in Form des Quellcodes öffentlich sind. Jeder kann die Programme nutzen, ohne dafür eine Lizenzgebühr zu zahlen. Er darf sie kopieren und bei Bedarf verändern. Das führt dazu, dass sich Menschen in aller Welt mit der Verbesserung der Programme beschäftigen. Über die Aufnahme der Weiterentwicklungen in die offiziellen Softwareversionen entscheiden Spezialisten wie der Vater von Linux, Linus Torvalds.
Seit IT-Größen wie IBM oder Oracle die Verbreitung von Linux unterstützen, wird der Einsatz von freier Software für Behörden, Unternehmen und Verbraucher immer interessanter. Und Verwaltungen wie die von München gelten hierbei als Wegbereiter. Jochen Günther vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation hat vor Kurzem in einer Studie erste Ergebnisse dieser Pioniere vorgestellt.
Weil es noch nicht alle Anwendungen als Open-Source-Variante gibt, sind bislang vor allem Mischsysteme im Einsatz. Dennoch konnte der Großteil der 115 Umfrageteilnehmer bereits zwischen 20 und 25 Prozent der Lizenz- und Betriebskosten einsparen.
In der öffentlichen Verwaltung, die unter dem Diktat leerer Kassen steht, findet freie Software deshalb immer mehr Anhänger. Die IT-Koordinierungs- und Beratungsstelle des Bundes sieht deren Vorteile nicht nur im Wegfall der Lizenzgebühren, sondern auch in der Stabilität der einzelnen Programme und der großen Entwicklergemeinde.
Auch die Möglichkeit, Sicherheitslücken selbst schließen zu können und langfristig Zugriff auf den Quellcode zu haben, heben die Experten des Bundes lobend hervor.
Microsoft steht dagegen für die Welt der geschlossenen Software, der Hersteller behält sich strikte Eigentumsrechte vor. Er kann das Kopieren, Weitergeben, Ändern und sogar das Einsehen der Innereien der Programme untersagen. Rechte, die bei freier Software selbstverständlich sind, werden nur unter bestimmten Auflagen und meist gegen Bezahlung gewährt. Solche Modelle machen es möglich, mit dem Vertrieb von Nutzungslizenzen viel Geld zu verdienen. Je mehr geheim gehalten wird, umso leichter ist es auch, sich eine Monopolstellung zu sichern. Microsoft selbst hat mit dem Betriebssystem Windows und der Anwendungssoftware Office weltweit Standards gesetzt. Beide Programme laufen auf über 85 Prozent der PCs weltweit, selbst die EU-Kommission spricht von einem Monopol.
Die Debatte zwischen Linux-Befürwortern und Microsoft-Verteidigern wird immer schärfer. Microsoft kämpft verbissen darum, alte Bastionen zu halten, vor allem, wenn sie so wichtig fürs Image sind wie öffentliche Verwaltungen. Im Berliner Landesparlament ließen sich die Volksvertreter allerdings nicht von Microsofts Lobbyarbeit beeindrucken. Einstimmig verlangte der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses im Dezember 2005 vom Senat einen Fahrplan zur Umstellung auf Linux. Es sollte zunächst nur um die Server gehen, also jene Rechner, die im Hintergrund die Arbeit tun. In einem weiteren Schritt forderten die Volksvertreter die Umrüstung der rund 58000 Arbeitsplatzcomputer, die in der Hauptverwaltung momentan noch unter einer veralteten Windows-Version laufen. Sie verlangten, dass schon bei der Beschaffung neuer Hardware darauf geachtet werde, freie Software »ohne Einschränkungen« verwenden zu können. Davon versprachen sich die Abgeordneten mehr Wettbewerb, weniger Abhängigkeit von einzelnen Herstellern und geringere Kosten.
Ursprünglich hatte die Senatsverwaltung für Inneres eine Umstellung auf Open Source für machbar erklärt. Linux sei mit geringeren Betriebskosten als Windows verbunden. Nur eine Einschränkung gab es: Die Kosten für die Umstellung einzelner spezieller Anwendungen, wie sie etwa zur Steuerberechnung genutzt werden, seien als »kritischer Entscheidungsfaktor« zu sehen. Grundsätzlich aber ließ das Urteil die Linux-Anhänger hoffen.
Dann plötzlich im Juni 2006 die Kehrtwende: Die Senatsverwaltung erklärte den Open-Source-Beschluss des Abgeordnetenhauses für »nicht umsetzbar«. Der Wechsel hin zu freier Software erscheine »als nicht marktkonforme, technologisch und insbesondere wirtschaftlich nicht vertretbare Maßnahme«, konstatierte ein vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit unterzeichnetes Papier. Die »vollständige Umstellung« der Server- und Arbeitsplatzsoftware auf Linux käme einer »völligen Abkehr« vom Berliner Computerkonzept gleich. Den Ausschlag für die ablehnende Haltung, so vermuten Insider, habe wahrscheinlich ein als »vertraulich« gestempeltes internes Arbeitspapier von Microsoft gegeben.
Der Softwaregigant hat eine starke Stellung im Berliner Politik- und Lobbybetrieb. Der ehemalige Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) etwa wechselte nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst direkt zu Microsoft. Bis Mitte 2006 leitete er dort den Verkauf im öffentlichen Sektor und nutzte dabei seine Kontakte in der Bundeshauptstadt sowie auf Länderebene. Und bei pleon, einer Agentur von Microsoft, stehen ebenfalls einstige Führungskräfte aus dem Berliner Senat auf der Gehaltsliste.
Auch in München warfen sich die Lobbyisten plötzlich ins Zeug, als es um das künftige Betriebssystem ging. Bis dahin hatte man sich in der Deutschlandzentrale von Microsoft, die in Unterschleißheim direkt vor den Toren der bayerischen Hauptstadt liegt, eher sperrig gezeigt. Es habe immer wieder geheißen, »wegen eurer paar Computerarbeitsplätze machen wir uns doch nicht krumm«, sagt Wilhelm Hoegner, EDV-Chef der Münchner Stadtverwaltung. Doch Anfang 2003 eilte Microsoft-Geschäftsführer Steve Ballmer persönlich vom Wirtschaftsgipfel in Davos nach München, um bei Oberbürgermeister Christian Ude vorzusprechen. Beim Lizenzpreis wollte er aber nicht nachgeben, sondern bot zunächst nur kostenlose Personalleistungen an.
Die Bayern beeindruckte er damit nicht. Noch bei der entscheidenden Stadtratssitzung im Frühjahr 2003 antichambrierten Microsoft-Abgesandte am Ort der Entscheidung. Sie versuchten, die Stadtväter in letzter Minute umzustimmen. In der rot-grünen Münchner Koalition verfestigte dies die Ansicht, mit Linux unabhängiger zu werden und die Software besser steuern zu können. Zudem gaben Sicherheitsbedenken gegen die Microsoft-Software mit den Ausschlag für Linux.
So lacht immer mehr städtischen Angestellten an der Isar beim Hochfahren ihrer Rechner ein Pinguin entgegen. » Für den normalen Anwender ändert sich wenig«, fasst Ude seine Erfahrungen mit dem neuen Softwarepaket zusammen. Und Hoegner sagt: »Wir haben mehr für die städtische IT-Strategie getan, als nur ein Betriebssystem auszutauschen.« Die eigentliche Datenverarbeitung findet bei den Münchnern kaum noch auf dem PC statt, sondern im Internet. Damit laufen die Programme letztlich auf jeder Computerplattform, die über einen Web-Browser und einen Onlinezugang verfügt. » Deshalb stehen wir in zehn Jahren bei einem neuen Wechsel nicht vor denselben Problemen wie heute«, sagt Hoegner. Die Projektkosten könnten laut EDV-Chef unterhalb der veranschlagten 35 Millionen Euro bleiben. Der Löwenanteil sei für Mitarbeiterschulungen vorgesehen, die sich aber weniger aufwendig gestalten als befürchtet: Manch einem Mitarbeiter erschien sogar ein Tag für die Umschulung zu üppig bemessen.
Als Musterbehörde gilt das Auswärtige Amt. Es setzt schon seit 2002 auf den neuen Trend. Im Interesse des Steuerzahlers gelte es, »fast nur noch freie Software einzusetzen«, sagt IT-Leiter Rolf Schuster.
Beim neuen Microsoft-Betriebssystem Vista sei ihm keine maßgebliche Funktion bekannt, die in dem Ministerium benötigt würde. Und die umfassenden Möglichkeiten des neuen Office-Pakets nutze eh niemand.
Die Zahlen geben dem Linux-Befürworter recht. Laut der aktuellen Aufstellung der IT-Kosten des Bundes kommt das Auswärtige Amt am besten weg. 2005 lag es pro Mitarbeiter bei 1181 Euro. Andere Ministerien gaben das Doppelte und einige sogar über 9000 Euro aus.
Schuster ist sich sicher: Die enormen Unterschiede »haben mit Open Source zu tun«.
Die Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus soll nun in dieser Woche eine Annäherung zwischen Senat und Parlament bringen. Vor allem die Grünen wollen Tempo machen auf dem Weg zu Linux. Bei der Debatte in einem Fachausschuss vor einem Dreivierteljahr hatte der Berliner IT-Staatssekretär Ulrich Freise noch gewarnt, München sei bei der Umstellung auf freie Software »an der Wirklichkeit gescheitert«. Von den Erfolgen in der Realität weiß hingegen sein bayerischer Kollege Hoegner zu berichten. Er ist einer der Experten, die zur Anhörung geladen wurden.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 03.05.2007, S.36
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