Zu Beginn des Jahres veröffentlichte der Produzent Günter Rohrbach im Spiegel ein Pamphlet gegen die deutsche Filmkritik. Er erzürnte sich über die kritischen Besprechungen und Verrisse von Tom Tykwers Film Das Parfum, die in einigen deutschen Feuilletons, unter anderem auch in dieser Zeitung, erschienen waren. Im selben Atemzug ereiferte sich Rohrbach über die Kritikerbegeisterung für sogenannte kleine Filme, etwa Valeska Grisebachs Sehnsucht, eine Liebesgeschichte im Brandenburgischen. Fünfeinhalb Millionen Zuschauer gegen 24000! So Rohrbachs Hauptargument gegen die Kritik. Filmjournalisten, die derart an Publikum und Charts vorbeischreiben, haben für ihn ihre Existenzberechtigung verloren. In seinem Text erscheinen wir denn auch als ein Häuflein Autisten, die missmutig in ihrer Kinohöhle sitzen und in jahrelanger Arbeit entstandene Filme in wenigen Stunden in den Boden stampfen. Den Gedanken, dass diese Kinohöhle auch ein schützender Ort sein kann, an dem man den Blick jenseits von Produktionsbedingungen, Budgets und Marketing einfach auf das richtet, was man sieht, nämlich einen Film, wirft Rohrbach nicht auf. Die begehrteste Frau des deutschen Films ist die GOLDENE LOLA BILD

Nun ist Günter Rohrbach nicht irgendein Produzent, der in heiligem Privatzorn die uralte Debatte über das Verhältnis von subjektivem Urteil und Kunstrezeption, Ästhetik und Markt neu beleben will. Er ist Präsident der Deutschen Filmakademie, die am Freitagabend in Berlin die Deutschen Filmpreise vergeben wird. Man könnte meinen, dass der Präsident einer solchen Einrichtung doch eher integrierend auftreten müsste, statt sich zum Anwalt einer überaus erfolgreichen Großproduktion zu machen und Filme, die nicht so viele Zuschauer erreichen, wie sie womöglich verdient hätten, als überschätzt zu verhöhnen.

Die Subventionsempfänger verteilen den Subventionskuchen selbst

In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass der Präsident der Deutschen Filmakademie auch im Aufsichtsrat von Bernd Eichingers Firma Constantin sitzt, die nicht nur Rohrbachs eigene Erfolgsproduktion Die weiße Massai, sondern eben auch Das Parfum produziert hat. Man muss kein paranoider Höhlenbewohner sein, um Rohrbachs Kritikerschelte im Januar, also in der Vorauswahlphase zum Deutschen Filmpreis, auch als Lobbyismus in eigener Sache zu sehen. Ist es angesichts dieser Stimmungsmache reiner Zufall, dass unter den diesjährigen Nominierungen, die doch eigentlich das Spektrum einer Filmlandschaft abbilden sollten, Das Parfum achtmal, Sehnsucht hingegen kein einziges Mal auftaucht?

Schließlich geht es an diesem Freitag, wenn die Akademie im Berliner Palais am Funkturm ihre silbernen und goldenen Lolas verleihen wird, um sehr viel Geld: Mit rund drei Millionen Euro ist der Deutsche Filmpreis der höchstdotierte Kulturpreis dieses Landes. Seit 2005 wird diese staatliche Subvention allerdings nicht mehr von einem unabhängigen Gremium des Bundeskulturministeriums, sondern von der damals neu gegründeten Deutschen Filmakademie verteilt. Der Umstand, dass hier Subventionsempfänger den Kuchen gleich selbst aufteilen, war von Anfang an umstritten. Zweieinhalbtausend Mitglieder, so die vorschnelle Prognose der Akade- miegründer, sollten sehr bald die Weite der deutschen Filmlandschaft repräsentieren, doch bisher sind es nur etwa achthundert. Nach den Vornominierungen entscheidet die Mehrheit per Stimmzettel. Dieses Verfahren, bei dem der größte gemeinsame Nenner und nicht unbedingt der beste Film die größten Chancen hat, bewog zum Beispiel einen Regisseur wie Christian Petzold (Die innere Sicherheit, Gespenster), gar nicht erst in die Akademie einzutreten, während Fatih Akin (Gegen die Wand, Crossing the Bridge) vergangenes Jahr wieder austrat. Er kritisiert nun im Vorfeld der Verleihung nicht nur, dass viele der einzeln und ohne Diskussion abstimmenden Mitglieder die Filme zu Hause auf zugeschickten DVDs sichten. »Ich glaube nicht«, so Akin, »dass jedes Mitglied aus der Akademie alle Filme aus der ›Kiste‹ qualifiziert genug bewerten kann. Beim besten Willen nicht.«

Auch Regisseure in der Akademie werden langsam unruhig. Hans Weingartner (Die fetten Jahre sind vorbei) wendet sich gegen das »Massenabstimmungsverfahren, das es radikalen, künstlerisch innovativen Filmen extrem schwer macht«. Er schlägt vor, der Akademie die Preismillionen zu entziehen und plädiert für ein Doppelsystem: »Die Lola als populärer Filmpreis nach dem Vorbild der Oscars. Und der mit öffentlichen Geldern verbundene Filmpreis als Förderpreis für den künstlerisch oder thematisch innovativen Film.« Noch weiter geht der Dokumentarfilmer Andres Veiel (Black Box BRD, Der Kick). Er hält nicht nur die Übergabe der Filmpreise für »überdenkenswert«. Veiel wirft der Deutschen Filmakademie vor, als Vertretung der deutschen Filmbranche versagt zu haben. Sie habe die wichtigen politischen und filmpolitischen Debatten verpasst und es schlichtweg nicht geschafft, sich jenseits der Vergabe des Filmpreises öffentlich zu positionieren.

Was hat der Mann, der doch eigentlich über die gerechte und korrekte Verwendung der Filmpreisgelder wachen sollte, zu all dem zu sagen? Kulturstaatsminister Bernd Neumann sitzt in seinem Büro im Kanzleramt und hebt beide Hände. Kritik an der Akademie, so Neumann, begegne ihm in der deutschen Filmlandschaft kaum mehr. Vor vier Jahren, als unter der damaligen Kulturstaatsministerin Christina Weiss diskutiert wurde, ob man der Akademie die Verteilung der Preisgelder überlassen solle, zeigte sich Neumann noch skeptisch. Damals betonte er im Ausschuss für Kultur und Medien als zuständiger CDU-Politiker vehement, dass es sich um einen kulturellen Preis handle. Er warf die Frage auf, weshalb die Entscheidungen einer noch zu gründenden Akademie, »bezogen auf den kulturellen Anspruch, qualifizierter und differenzierter« sein sollten als bei einem Gremium, das die Filme gemeinsam im Kino sieht und sich darüber auseinandersetzt. »Wenn das nicht so wäre«, so Neumann damals, »wären die Gelder falsch vergeben.« Heute sagt der Kulturstaatsminister: »Man kann auch nicht alles haben.« Natürlich könne man mit einer Jury eine Entscheidung sehr ausdifferenziert bis zum Schluss diskutieren. So sei das neue Verfahren aber nicht angelegt. Das Ergebnis hält er trotzdem für zufriedenstellend.

Kein Zweifel, die Deutsche Filmakademie hat nicht nur der Lola-Verleihung, sondern auch der Kulturstaatsminister-Existenz mehr Glamour verliehen. Strahlend sah man Neumann kürzlich im Frühstücksfernsehen gemeinsam mit Senta Berger die Nominierungen zum Deutschen Filmpreis bekannt geben. Und wenn der Minister auf seinen Wegen durch die deutsche Kinobranche nur begeisterten Akademie-mitgliedern begegnet, dann lässt sich das schwerlich ändern. Trotz der schönen Eintracht kann man ihn aber nicht von der Pflicht entbinden, den Leuten, denen sein Ministerium so viel Geld und Verantwortung anvertraut hat, auf die Finger zu schauen.

In der gemütlichen Akademieprovinz gibt es keine Streitkultur

Dass zum Beispiel in der Vorauswahljury für den besten Spielfilm ein Kameramann sitzt, der auch bei Das Parfum mitgewirkt hat, mag seltsam anmuten. Schließlich ebnet genau diese Jury den Weg zu den Nominierungs- und Preismillionen. Aber siehe da: Eine Ausnahmeklausel gestattet der Deutschen Filmakademie, auch befangene Juroren zu ernennen, wenn sich nicht genügend unbefangene Kandidaten unter den Akademiemitgliedern finden. Nur bei der Abstimmung über den eigenen Film müssen sie sich der Stimme enthalten. Man kann dieser Einrichtung jedenfalls nicht vorwerfen, dass sie die eigene Verfilzung nicht vorausschauend legitimiert hätte.

Stimmungsmache des Akademiepräsidenten, Fixierung auf die Subventionsmillionen, das Fehlen einer Diskussions-, geschweige denn Diskurskultur, fragwürdige Klauseln für Befange – das alles erinnert ein bisschen an ein Kleinstädtchen, dessen Honoratioren sich so sicher sind, fürs Gemeinwohl zu arbeiten, dass sie im Umgang mit öffentlichen Mitteln auch mal fünfe gerade sein lassen. In unserer kleinen Akademieprovinz scheint man so sicher zu wissen, was der deutsche Film braucht, dass man Ungereimtheiten und Verflechtungen nicht mehr als solche wahrnimmt.

Die Frage ist also nicht, ob am Freitag Das Parfum, Vier Minuten oder auch Wer früher stirbt ist länger tot den Deutschen Filmpreis gewinnt. Die Frage ist, ob der Weg zum Pokal und zum Preisgeld für den diesjährigen und für zukünftige Gewinner so verläuft, dass man ihm ohne schalen Beigeschmack gratulieren kann. Dabei geht es nicht um Feuilletonisten-Eitelkeiten oder Produzentengezeter, um schlechte oder gute Absichten im Umgang mit dem deutschen Film. Es geht um elementare Standards im Umgang mit Steuergeldern. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Standards in der deutschen Kinolandschaft im Moment dringender anzugehen sind als ein Häuflein Kritiker, das sich für einen – im Übrigen wunderbaren – Liebesfilm im Brandenburgischen begeistert hat.

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