Einen Moment lang herrscht Stille im Saal. Sebastian Freitag liest dem Management mit schneidender Stimme die Leviten. Einige im Publikum sind heute mit dem festen Vorsatz gekommen, es »Heuschrecken« wie ihm zu zeigen. Doch vielleicht hat der kalte Finanzakrobat mit seinen Vorwürfen ja recht? BILD

Der Fotokonzern CeWe Color, doziert Freitag, sei wegen seiner verschachtelten Struktur aus einer OHG, einer Stiftung und einer Holding kaum zu durchschauen. Er sei eher ein Familienunternehmen als eine Aktiengesellschaft. Auch die Hauptversammlungen, die traditionell in einem Bremer Hotel zelebriert wurden, hätten bisher »Familienfesten« geglichen. »Der Aufsichtsrat ist passiv«, ruft Freitag wütend. Der Vorstand kämpfe jetzt nur noch um seine Posten statt für das Unternehmen.

Freitag ist Chef der Frankfurter Investmentbank Freitag & Co und Absolvent der amerikanischen Eliteuniversität Harvard Business School. Ein smarter, jugendlicher Überflieger im Maßanzug, der so gar nicht zwischen all die Rentner, Aktionärsschützer und Lokalpolitiker passen will, die sich in der Oldenburger EWE-Arena versammelt haben. Zusammen wollen sie heute über die Zukunft der mittelständischen CeWe Color AG mit ihren gut 3000 Mitarbeitern befinden. Das Publikum erwacht erst aus seiner Starre, als Aufsichtsratschef Hubert Rothärmel auf sein Mikrofon klopft und Freitag mit einer Bemerkung fürs Protokoll unterbricht. »Aufhören, Aufhören«, rufen Zuhörer zaghaft in Richtung des Sprechers. Einer pöbelt: »Geh doch nach Hause!«

Kaum eine Hauptversammlung ist in diesem Jahr mit so großer Spannung erwartet worden wie das Eignertreffen von CeWe Color am vergangenen Donnerstag. Unter den Aktionären des Unternehmens ist ein Kulturkampf ausgebrochen, wie er derzeit bei etlichen Firmen des deutschen Mittelstandes tobt. Knapp 18 Prozent der CeWe-Color-Aktien sind von den amerikanischen Hedgefonds MarCap und K Capital erworben worden, weitere fünf Prozent besitzt der US-Investor Guy Wyser-Pratte.

Die Hedgefonds wettern gegen »kriminelle Machenschaften«

Zusammen hatten die drei Investoren im Vorfeld verlangt, Vorstand und Aufsichtsrat auszuwechseln. Dem CeWe-Chef Rolf Hollander und dem Oberaufseher Rothärmel werfen sie kriminelle Machenschaften vor. Sie hätten versucht, den Kurs zu manipulieren, damit sie die Kontrolle behalten und weiter bestimmen können, wer in Aufsichtsrat und Vorstand sitzt. MarCap-Chef David Marcus hatte zuvor auch noch gefordert, die Dividenden in den kommenden Jahren auf fünf Euro pro Aktie anzuheben. Hollander und das CeWe-Management hielten dem entgegen, dass sie das Geld für die Expansion benötigen – was die Amerikaner aber nicht überzeugte. Schließlich hat CeWe niedrige Schulden und Schätzungen zufolge fast 40 Millionen Euro in der Kasse.

Zwei Kulturen, zwei Philosophien über den richtigen Firmenkurs. Hier die vorwärtstreibenden angelsächsischen Investoren, dort die in ihren Regionen verhafteten, vorsichtig agierenden Mittelständler. Wenn sich die beiden jetzt am Kapitalmarkt begegnen, verstehen sie die jeweils andere Seite kaum.