Wenn Berlinbesucher die Gegensätze der Hauptstadt sehen wollen, sollte man sie in die Kochstraße nach Kreuzberg schicken. Kleine türkische Imbissbuden und dunkle Internetshops findet man dort direkt neben dem großen glasverspiegelten Neubau des Springer-Konzerns. Vielleicht parken gerade dunkle Limousinen vor dem Lieblingsitaliener von Altkanzler Gerhard Schröder, nicht weit entfernt vom Arbeitsamt Mitte, wo sie besonders viele, besonders schwere Fälle bearbeiten. Gelegentlich verirren sich Touristen vom nahe gelegenen Checkpoint Charlie hierher. Mittendrin sitzt die tageszeitung (taz). Früher mussten sich deren Reporter noch auf die Straße begeben, um die soziale Vielfalt im Land zu erleben. Heute ist das einfacher: Die taz- Belegschaft selbst ist ein Beispiel für Brüche im Land. Denn bei dem Alternativblatt arbeiten niedrig bezahlte Redakteure – unter ihnen viele Bürgerkinder, die dank Erbschaften von Papa, Mama oder Oma trotzdem gut durch den Alltag kommen. Ist es gerecht, wenn sich manche ein Leben lang abstrampeln, während andere vom Erbe leben? BILD

Barbara Bollwahn und Marco Carini schreiben beide seit mehr als zehn Jahren für die taz. Sie als Reporterin in Berlin, er als Korrespondent in Hamburg. Beide sind Anfang vierzig, beide bekommen vom Verlag das dort übliche Gehalt. Bollwahn bleiben netto 1.320 Euro, Carini arbeitet Teilzeit und bekommt deshalb etwas weniger. Beide schreiben nebenher Bücher. Und doch unterscheidet sich ihr Leben ganz wesentlich: Sie ist die Tochter eines ostdeutschen Landarztes, der seine Einnahmen nach dem Mauerfall vor allem für den Kauf seiner Praxis aufbrauchte. Er hingegen, Sohn eines westdeutschen Werbekaufmanns und Kinobesitzers, könnte von seinem Erbe leben. Sie macht sich Sorgen, weil die Rentenversicherung ihr eine Altersversorgung von gerade einmal 688,68 Euro pro Monat ankündigt – für ihn ist Altersarmut kein Thema.

Barbara Bollwahn wohnt günstig zur Miete, und wenn die Hausverwaltung eine Betriebskosten-Nachforderung über ein paar Hundert Euro schickt, wie in dieser Woche, dann wird es eng. Marco Carini lebt in einem großzügigen Haus im noblen Hamburger Stadtteil Othmarschen, das er für knapp 900.000 Euro gekauft hat. Im Garten glitzert ein Teich in der Frühlingssonne, zwischen alten Bäumen stehen Spielgeräte. Vier Erwachsene und fünf Kinder leben hier – der Redakteur hat seine Villa zum Zuhause für eine Groß-WG gemacht. »Ich habe den Lebensunterhalt für mich und die Kinder immer durch meine Arbeit finanziert«, sagt Carini. »Aber ich wusste dabei: Wenn der Job keinen Spaß macht, bin ich jederzeit frei zu gehen.« Das sei der größte Vorteil seiner Erbschaft.

Schön für ihn. Aber ist das gerecht?

Deutschland im Frühjahr 2007: Die Wirtschaft wächst so stark wie lange nicht mehr, die Steuereinnahmen übertreffen alle Prognosen, die Zahl der Arbeitslosen sinkt und sinkt. Der Aufschwung hat das Land erfasst, es bieten sich neue Chancen, und doch passen die Wirtschaftsdaten nicht zur empfundenen Wirklichkeit.

Denn nicht nur taz- Redakteure empfinden es so, dass die eigene Leistung unbedingt den wesentlichen Beitrag zur Einkommenslage ausmacht. Zwei von drei Deutschen finden, dass es im Land ungerecht zugeht, so der jüngste Deutschlandtrend . Ihr Anteil steigt derzeit – die Konjunktur wird besser, die Stimmung aber schlechter. Beinahe jeder Zweite sagt in einer Umfrage für die ZEIT, dass die Große Koalition die Ungerechtigkeiten sogar noch vergrößert. In Berlin streiten Union und SPD derweil, wie man Reich und Arm gerecht werden sollte: Mit der Abschaffung der Erbschaftsteuer!, heißt es bei der CDU. Mit einem Mindestlohn für die Working Poor!, halten Sozialdemokraten dagegen.

Die Unterschiede zwischen oben und unten werden größer und sichtbarer. Was Manager verdienen und was ein Niedriglohnempfänger für seine Arbeit bekommt, driftet auseinander. Doch das erklärt die neue deutsche Unzufriedenheit noch nicht. Ungleichheit allein, das zeigen zahlreiche Untersuchungen, wird nicht unbedingt als ungerecht empfunden. So hält auch die große Mehrheit der Deutschen das eigene Einkommen »alles in allem für gerecht«. Selbst die Sozialsysteme sollen nicht nur alle gleicher machen, sondern sie funktionieren auch nach dem Leistungsprinzip: Wer viel verdient, zahlt hohe Beiträge und bekommt dafür im Alter mehr Rente.

Deutschland ist also keine Neidgesellschaft. Enttäuscht sind die Bürger, wenn nicht die eigene Leistung über Wohlstand entscheidet, sondern Zufälle wie eine Erbschaft. Wenn sie genauso viel arbeiten wie die fest angestellten Kollegen in den Büros nebenan, selber aber nur schlecht verdienende Zeitarbeiter sind. Wenn sie sich ins Zeug legen und trotzdem nicht über die Runden kommen. Wenn also Gleiches nicht gleich behandelt wird. Dann glauben sie, dass sich ihre Leistung nicht lohnt. Dann fühlen sie sich ungerecht behandelt.

Im Norden von Wilhelmshaven, wo die Müllautos parken und die Abfallentsorgung der Stadt organisiert wird, kann man die Ungerechtigkeit an der Farbe erkennen. Jeden morgen zwischen sechs und halb sieben beginnt hier der Dienst für ein paar Dutzend Müllmänner. Einige steigen im grünen Anzug auf, andere tragen Orange. Kenner sehen daran auf den ersten Blick, wie viel der Kollege verdient, wie sehr er sich beim Tonnentragen beeilen muss und wie viel Urlaub er hat.

Es gibt hier nämlich Müllmänner erster und zweiter Klasse: Orange tragen die Angestellten der Stadt, Grün ist für die Mitarbeiter eines vor drei Jahren gegründeten Tochterunternehmens reserviert. Die Wilhelmshavener Entsorgungsbetriebe leeren die grauen Tonnen mit dem normalen Hausmüll und zahlen ihren Müllmännern dafür 14 Euro pro Stunde. Die Kollegen von der Wilhelmshavener Entsorgungs- und Logistik GmbH bekommen 10,50 Euro. Die einen können auch mal verschnaufen, die anderen müssen mehr Müll pro Stunde transportieren und »schaffen das fast nur im Dauerlauf«, wie der ver.di-Gewerkschafter Detlef Schue klagt.

Schue ist 49 Jahre alt, 23 davon war er bei der städtischen Abfallentsorgung beschäftigt. An vier Tagen pro Woche sitzt er bei einem Müllauto am Steuer, er gehört zu den Gewinnern mit den Jacken in Orange. »Es ist pervers«, sagt er. »Wir erledigen die gleiche Arbeit wie die Kollegen von der GmbH, benutzen dieselben Duschen und machen im selben Sozialraum unsere Mittagspause, trotzdem bekommen wir mehr Freizeit, Sicherheit und Geld.« Verkehrte Welt: Die Privilegierten kritisieren die ungleichen Arbeitsbedingungen – die Verlierer, die jeden Grund zu Protest hätten, sprechen aus Angst gar nicht mit der Presse.

Überall in Deutschland versuchen Kommunen durch Privatisierungen Geld zu sparen, und vielerorts spaltet das, wie in Wilhelmshaven, die Arbeitswelt im öffentlichen Dienst. Auch in der Privatwirtschaft wird gleiche Arbeit längst nicht automatisch mit gleichem Lohn bezahlt. Gerade im Aufschwung setzt die Industrie auf Zeitarbeitskräfte. Die arbeiten oft Seite an Seite mit den Festangestellten, aber zu schlechteren Bedingungen. Dann ist es eher Glückssache, was der Einzelne verdient.